Als Kind entführt

15. März 2019 13:13; Akt: 15.03.2019 13:13 Print

«Hatte Albträume, kann niemandem vertrauen»

Im Alter von 5 Jahren wurde die Schweizerin L. K.* (31) von ihrem Vater nach London entführt. Der Vorfall hat tiefe Spuren hinterlassen.

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L. K. wurde von ihrem Vater als Kind nach London entführt.

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Frau K.*, erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie entführt wurden?
Es waren gerade Herbstferien. Mein Vater holte mich in der Schweiz ab und wir flogen nach London. Als Kind hat man kein Zeitgefühl, aber irgendwie kam es mir seltsam vor, dass eine lange Zeit verging, ohne dass ich mit meiner Mutter sprechen oder sie sehen konnte. Als sie anrief, durfte ich beispielsweise nicht ans Telefon. Schritt für Schritt wurde mir dann eröffnet, dass ich für immer dort bleiben sollte. Mein Vater war der Meinung, dass ein Kind in einer intakten Familie aufwachsen sollte und nicht nur bei einem Elternteil. Er dachte wohl, dass er mir eine Familie geben könnte.

Was für Erinnerungen haben Sie an das halbe Jahr in England?
Ich war bereits im Kindergarten in der Schweiz, wurde dann aber plötzlich dort eingeschult. Ich bekam ein eigenes Zimmer, das sehr schön eingerichtet war. Aber was bringt das einem, wenn man sich nicht zu Hause fühlt? In dieser Zeit liefen auch die Vorbereitungen für die Hochzeit meines Vaters mit seiner neuen Frau, die ich dann auch Mami nennen sollte. Auch das Adoptionsverfahren wurde vorbereitet.

Wie kamen Sie zurück in die Schweiz?
Nach rund sechs Monaten stand plötzlich die Polizei vor der Tür. Am Flughafen London wurde ich dann meiner Mutter übergeben. Wir konnten aber nicht gleich zurück, wir mussten auf der Polizeistation warten. Während dieser Zeit hatte ich Panik, dass mich jemand von meiner Mutter wegholen würde. Auch als wir in die Schweiz zurückkamen, war diese Angst allgegenwärtig. Wenn jemand beispielsweise an der Tür klingelte, verkroch ich mich unters Bett.

Inwiefern hat Sie das Geschehene geprägt?
Das Erlebte ist noch sehr präsent, obwohl es sehr lange her ist. Nach der Rückkehr in die Schweiz war ich in psychiatrischer Behandlung. Diese Zeit ist wie ein blinder Fleck, ich kann mich kaum an etwas erinnern. Bis in die Jugendzeit hatte ich aber Albträume von der Zeit in England. Und auch heute fällt es mir schwer, Leuten zu vertrauen. Das Misstrauen sitzt tief in mir. Mittlerweile habe ich selbst zwei Kinder. Ich bereite sie auf die verschiedenen Situationen vor und gebe ihnen ein Mitspracherecht. Auch meinem Mann habe ich von meinem Erlebnis erzählt.

Was für eine Beziehung haben Sie zu Ihrem Vater?
Obwohl wir uns heute gut verstehen, war mein Vater nie ein Vater für mich. Es ist irgendwie zu viel und gleichzeitig zu wenig passiert. Jahrelang bestand wenig Kontakt. Erst als ich mit 17 Jahren eine Lebenskrise hatte, die aber nichts mit meiner Mutter zu tun hatte, kam ich meinem Vater und seiner neuen Familie wieder näher. Sie ermöglichten mir eine Pause von meinem Leben, die mir sehr gut tat. Richtig gut läuft es aber erst seit meiner Heirat und der Geburt meines ersten Kindes.

Was hat sich seither geändert?
Er ist für seine Enkelkinder viel mehr da, als er es je für mich oder meinen Halbbruder war. Es ist ungewohnt, dass er mindestens einmal pro Woche mit uns skypt. Die Versöhnung fand im Stillen statt. Er ist kein emotionaler Mensch, aber der gute Umgang mit meinen Kindern widerspiegelt seine Reue. Zu seiner Frau habe ich sogar ein besseres Verhältnis als zu meinem Vater. Von ihr weiss ich auch, dass er die Idee mit ‹Mami› hatte und dass das damals fast zur Trennung führte.

Was für eine Beziehung haben Sie zu Ihrer Mutter?
Sie ist weiterhin meine Bezugsperson. Sie ist eine Super-Frau. Während meiner Kindheit war das Thema Vater natürlich präsent und als Scheidungskind war ich schon etwas eifersüchtig auf andere Kinder, die einen Vater hatten.

(qll)