Sturm

17. Juni 2019 06:59; Akt: 17.06.2019 09:30 Print

«Ich wurde fast vom Festival-Tor erschlagen»

Tote, Überschwemmungen, umgestürzte Bäume, abgesagte Festivals und 26'000 Blitze. So heftig wütete das Unwetter in der Schweiz.

Heftige Gewitter ziehen über die Schweiz.
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Sturm, Starkregen und Hagel: Mit teils über 110 km/h fegte das Unwetter am Samstag über die Schweiz. Auf dem Genfersee kam eine Touristin ums Leben. Sie war mit einem Mann auf einem Ausflugsboot, das wegen des Sturms kenterte. Der Mann konnte sich schwimmend an Land retten, die Frau ertrank. Zudem starb auf einem Camping in Ostfrankreich, nahe der Schweizer Grenze, eine 51-jährige Deutsche, weil ein Baum auf ihr Wohnmobil gekracht war.

In der Romandie wütete das Unwetter massiv: Im Kanton Genf mussten die Einsatzkräfte laut dem Rettungsdienst-Kommandanten über 500 Mal ausrücken. Bis zu 300 Personen standen am Sonntag noch im Einsatz, um überschwemmte Strassen abzupumpen, umgestürzte Bäume wegzuräumen und überflutete Keller zu leeren.

Tausende Blitze, Festivals abgesagt

In Cossonay VD fielen innert zwei Stunden fast 50 Liter Regen pro Quadratmeter. Im Berner Oberland zerstörten nussgrosse Hagelkörner die Pflanzen. Laut Meteonews gab es mehr als 26’000 Blitze. Vor allem in der Nordostschweiz und im Thurgau krachte es richtig, teils bis zu 10 Mal pro Quadratkilometer. Auch in den Kantonen Aargau, Schaffhausen und Zürich donnerte es gewaltig. Das Unwetter brachte auch Chaos am Flughafen Zürich. Fünf Flüge konnten wegen Blitzschlaggefahr nicht landen und mussten umgeleitet werden.

Wegen des Sturms wurden mehrere Festivals abgebrochen. Am Greenfield in Interlaken BE wurden zwei Konzerte abgesagt, das Gelände vorsorglich geräumt. Auch am Rock am Weier in Wil SG und am Frauenfelder Mitsommerfest mussten die Gäste vorzeitig nach Hause. «Die Entscheidung war absolut richtig», sagt Sprecherin Bettina Kunz. In der Nähe knickten Bäume um, am Fest selbst wurde eine Bühnenseite beschädigt und ein Zelt zerstört. «Bei Sturmböen von über 100 km/h war die Unfallgefahr schlicht zu hoch», begründet Marc Bislin vom Rock am Weier den Abbruch.

«Veranstalter haben richtig gehandelt»

Am eidgenössischen Turnfest in Aarau wurde ein Showevent am Abend abgesagt. Die massiven Sturmschäden beim Grossanlass in Biel 2013 mit fast 100 Verletzten hätten das OK besonders sensibilisiert, sagt Sprecher Marco Canonica. «Wir waren mit Meteorologen vor Ort und reagierten frühzeitig: Kleinere Zelte wurden abgebrochen, Stände und Pavillons gesichert, Zuschauer und Teilnehmer in Turnhallen gebracht.»

Einen Unterbruch gab es auch beim Blues’n’Jazz in Rapperswil-Jona SG: Auf den drei Festivalbühnen fielen zwei der neun Musik-Acts ins Wasser. «Für die Buchhaltung ist das nicht lustig. Dass sonst alles glimpflich ausging, ist aber wichtiger», so Sprecher Marc Lindegger. Nur dank des frühen Handelns habe es kaum Sachschäden und vor allem keine Verletzten gegeben, beteuern die Fest-OKs unisono.

«Die Veranstalter haben richtig und verantwortungsbewusst gehandelt», betont Suva-Sprecherin Natascha Obermayr. Die Suva sei überdies daran, ein Merkblatt mit Verhaltenstipps für Besucher von Grossanlässen zusammenzustellen. «Damit sich diese bei Ereignissen wie Unwetter oder Hitze präventiv besser schützen können.»

Metalltor krachte knapp an Besucher vorbei

Einen Schutzengel hatte ein Leserreporter beim Musikfestival in Ebnat-Kappel SG. Als er den Festplatz verliess, stürzte das metallene Eingangstor ein. «Meine Frau und Tochter schrien – dann krachte das Tor einen Meter hinter mir auf die Strasse», so der 42-Jährige. «Ich hatte Riesenglück und realisierte erst zu Hause, wie böse das hätte enden können.»

Das schwere Eingangstor sei mit Wassertanks befestigt gewesen, die über eine Tonne wiegen. «Wir hatten grosses Glück, dass keine Personen zu Schaden kamen. Es wurden lediglich einige Fahrräder vom Tor erdrückt», so OK-Sprecher Luzian Liebich. Laut ersten Erkenntnissen sei am Befestigungssockel des Tors eine Schweissnaht aufgeplatzt.

Trotz genauer Sicherheitsprüfung wurde dieser Mangel nicht im Vorfeld bemerkt. Genaue Abklärungen seien im Gang. «Das Tor wurde von einer professionellen Firma montiert. Im Nachhinein würden wir wohl anders handeln und es bei einer Sturmwarnung frühzeitig abmontieren. Solche Unfälle können leider trotz aller Sicherheitsvorkehrungen passieren», so Liebich.

Comeback des Sommers

Nach dem stürmischen Samstag und dem bewölkten Sonntag kommt nun der Sommer zurück. Am Montag hat es laut Meteonews noch einige Quellwolken, mit 25 bis 27 Grad im Norden wird es ziemlich sonnig. Am Dienstag und Mittwoch wird es sommerlich warm bei 28 bis 30 Grad – lokal sind Schauer und Gewitter möglich.

«Ich wurde fast vom Festival-Tor erschlagen»

(rol)