Abtreibung

26. Juni 2019 20:00; Akt: 26.06.2019 20:00 Print

«Ich wurde mit 15 vergewaltigt und trieb ab»

von Désirée Pomper - Nina* wurde von ihrem Vergewaltiger schwanger. Heute ist die 24-Jährige unfruchtbar und bereut die Abtreibung.

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Die Nächte sind am schlimmsten. Zwei Träume verfolgen Nina, seit es passiert ist. Sie rüttelt von innen an der Tür des VW-Büsli. Doch sie geht nicht auf. Sie versucht den Mann wegzustossen. Vergeblich. Nina schreit. Sie schreit so laut, dass sie am nächsten Tag davon Halsschmerzen hat.

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Dann gibt es noch diesen anderen Traum, der Nina manchmal ein paar Sekunden Frieden schenkt. Sie läuft in die Klinik. Die Frau am Empfang bittet sie, die bevorstehende Abtreibung schriftlich zu bestätigen. Doch Nina weigert sich und läuft erleichtert wieder raus.

Wir sitzen in einem Kaffee in Winterthur. Nina mag nichts trinken. Sie trägt ein Kopftuch und einen dicken Schal. Die Haare sind der 24-Jährigen wegen der Chemotherapie ausgefallen. Vor fünf Jahren erkrankte sie an Lungenkrebs. Die Ärzte haben ihr geraten im Spital zu bleiben wegen der Infektionsgefahr. Stattdessen arbeitet sie noch immer halbtags auf einem Hof. So schnell lasse sie sich nicht ins Bett jagen, sagt Nina. Immerhin habe sie schon zwei Chemogruppen überlebt. Abgeklärt, ohne Selbstmitleid erzählt sie ihre Geschichte. Zwischen den Sätzen hustet sie.

«Ich war wie gelähmt, wehrte mich nicht, schrie nicht. Dann ist er gegangen.»

Nina war 15, als sie bei einem Motocross-Rennen in Frauenfeld einen Mann kennen lernte. «Wir haben uns gut verstanden und er lud mich in sein Büsli ein», erinnert sich Nina. Zuerst habe sie sich gesträubt, aber irgendwie habe er es doch geschafft, sie in den Bus zu locken. Sie hörte noch, wie die Tür ins Schloss fiel. «Dann hielt er mich fest und zwang mich zum Sex. Ich war wie gelähmt, wehrte mich nicht, schrie nicht. Dann ist er gegangen.» Zehn Minuten sass sie noch im Bus, bevor sie sich aufraffte. Nina behielt das Geschehene für sich.

Neun Wochen später bildete sich auf dem Schwangerschaftstest klar und deutlich ein zweiter Strich. Panik. In Ninas Kopf hämmerte nur noch ein Gedanke: «Ich kann das Kind meines Vergewaltigers nicht lieben.» Einige Tage später wurde sie in den Operationssaal geschoben und über die Risiken der Abtreibung aufgeklärt. Nina hörte nicht zu, wollte den Ultraschall nicht sehen, wollte nur noch, dass der Albtraum endlich ein Ende nimmt. Die Hand, die ihr eine Krankenschwester reichte, während der Embryo ausgekratzt wurde, stiess sie weg. Nina ertrug keine Berührungen mehr.

«Nur mit Wodka konnte ich meine Schmerzen betäuben»

Einfach vergessen, was passiert war. Nina trank jeden Morgen einen halben Liter Wodka, bevor sie in die Schule ging. «Nur so konnte ich meine seelischen Schmerzen betäuben.» Nina stürzte ab, lebte kurz auf der Strasse, bis sie Marco* kennen lernte. Er holte sie zu sich nach Hause, unter der Bedingung, dass sie den Alkohol nicht mehr anrührte. Es klappte. «Das mit Marco war etwas ganz Besonderes. Er gab mir Halt und Zuneigung.» Jetzt lächelt Nina. Das einzige Mal während dieses Gesprächs.

Letztes Jahr aber kam die niederschmetternde Diagnose: Marco litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Die Ärzte gaben Ninas grosser Liebe noch drei Monate. Nach sechs Monaten starb er im August 2018. «Ich schaute auf mein Handy und sah, dass ich drei Anrufe in Abwesenheit hatte. Ich wusste, jetzt war es passiert.» Es habe ihr den Atem zugeschnürt und den Boden unter den Füssen weggezogen.

«Jetzt will ich ein Kind und es geht nicht mehr»

Das Meer sehen, heiraten, ein Kind zeugen: Das waren Ninas Wünsche, die sie auf einer Bucket-Liste festgehalten hatte, bevor das Schicksal zuschlug. Das Meer sah sie diesen Februar zum ersten Mal in Genua. Eine Beziehung oder gar heiraten – das will Nina keinem Mann antun. Diese Schreie jede Nacht und ihre fortschreitende Krankheit wolle sie niemandem zumuten. Ein Kind zeugen kann sie nicht mehr. Die Chemotherapie hat Nina unfruchtbar gemacht. «Ich hätte ein Kind haben können und habe es abgetrieben. Jetzt will ich eines und es geht nicht mehr. Dieser Gedanke zermürbt mich», sagt Nina. Jede Frau, die einen Kinderwagen vor sich herstosse, versetze ihr einen Stich ins Herz. Als sie an Krebs erkrankte, sah die gläubige Christin dies als göttliche Strafe. Inzwischen hätten sie die Ärzte aber vom Gegenteil überzeugt. «Es war einfach ein dummer Zufall.» Nina verurteilt keine Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden: «Man weiss nie, was für eine Geschichte sich dahinter verbirgt.» Sie persönlich aber habe rückblickend den falschen Entscheid getroffen: «Ich werde das Gefühl nicht los, eine Mörderin zu sein.»

Nina bricht auf. Eine zaghafte Umarmung. Ihr Körper ist angespannt. Sie habe sich abgefunden mit ihrem Schicksal, sagt Nina noch zum Schluss. Alles, was sie sich noch wünsche, sei, ohne Schmerzen zu Hause sterben zu können. «Ich wünsche mir einfach einen friedlichen Tod.»

*Name geändert