Notfallpsychologe warnt

19. Dezember 2008 14:01; Akt: 19.12.2008 16:12 Print

«In den nächsten fünf Jahren gibt es einen Amoklauf»

von Annette Hirschberg - Amokspezialist Herbert Wyss warnt im Interview mit 20 Minuten Online, die Gefahr eines Amoklaufs an Schweizer Schulen nehme zu: «Einige potenzielle Täter hatten bereits Waffen und einen konkreten Termin.»

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20 Minuten Online: Am Donnerstag kam es wegen Amokgefahr zu einer Grossintervention an einer St. Galler Schule. Auch Sie werden immer wieder an Schulen gerufen, wenn ein Amoklauf befürchtet wird. Hatten Sie schon konkrete Fälle?
Herbert Wyss: Wir haben dieses Jahr schon in sechs Fällen interveniert, in denen Schüler bereits detailliert vorbereitet waren, teilweise über Waffen verfügten und einen Termin festgesetzt hatten.

Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Ist das eine neue Entwicklung?
Insgesamt ist es sicherlich ein neueres Phänomen in er Schweiz. In den letzten Jahren wurden aber schon einige Amokläufe verhindert. Unser Notfallteam hat insgesamt in 31 Fällen interveniert. Bei etwa einem Drittel war das Gefährdungspotential wirklich hoch. Mich beunruhigt aber, dass besonders in den letzten Monaten die Tendenz steigend ist.

Worauf führen Sie das zurück?
Amokläufe werden in der Regel aus persönlichen Notsituationen heraus geplant. Das können Beziehungsabbrüche, familiäre Drucksituationen oder schulische Probleme sein. So ein Mensch ist psychisch krank und schwer depressiv. Eine wirtschaftliche Krise, wie wir sie jetzt haben, kann aber die persönliche Notsituation verschärfen. Etwa weil die Probleme zu Hause zunehmen. Zusätzlich produzieren auch die Medienberichterstattungen über Amokdrohungen an Schulen Nachfolgetäter. In der Fachliteratur spricht man dabei vom «Werther-Effekt».

Sie haben also Angst, es könnte in nächster Zeit tatsächlich zu einem Amoklauf kommen?
In der Tat befürchte ich das. Derzeit erarbeite ich zusammen mit einem Autorenteam ein Handbuch, das Schulleitern und Lehrern hilft, potenzielle Täter früh zu erkennen. Ich glaube dennoch, dass es in den nächsten fünf Jahren zu einem Amoklauf an einer Schweizer Schule kommt.

Wieso?
Man kann Amokläufe zwar verhindern. Potenzielle Täter senden immer vorgängig klare Signale aus. Die meisten Schulen sind aber nicht vorbereitet. Damit eine Schule mit den richtigen Massnahmen reagieren kann, sollte Sie sich die Unterstützung eines externen, fachkundigen Amokinterventionsteams sichern. Das geschieht bisher leider viel zu wenig.