Vergleich zum Schnuppern

01. November 2019 04:48; Akt: 01.11.2019 09:14 Print

«In der Lehre ging es nur noch ums Füdliputzen»

Einige Jugendliche bekommen in der Schnupperlehre ein unrealistisches Berufsbild geboten. Leser erzählen von ihren Erfahrungen.

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Für einige Schulabgänger stellte sich der Beruf, den Sie schnupperten, besser dar als später in der Lehre. Auch die Instagram-Seite Hajdgenoss spottet über die Unterschiede zwischen Schnupperzeit und der eigentlichen Lehre. Raphael (22) sagt zu 20 Minuten: «Ich habe meine Lehre als Fachmann Gesundheit im ersten Lehrjahr abgebrochen. Wenn man merkt, dass es nur noch ums Füdliputzen geht, dann macht der Job einfach keinen Spass mehr.» Auch Norina (16) zählt zu den rund 21 Prozent, die vorzeitig aus ihrem Vertrag ausgestiegen sind. Laut ihr war die Schnupperzeit um einiges besser als die eigentliche Elektroniker-Lehre. «Sie haben mir nur die einfachste Aufgabe gezeigt: das Löten. Doch das kommt im Beruf kaum vor.» (Symbolbild) Nun macht Norina das KV. Andere bleiben, aber leiden dabei. Wie etwa die 17-jährige Hannah: «Beim Schnuppern musste ich kreative Aufgaben erledigen. Jetzt muss ich hauptsächlich Daten annehmen, prüfen und drucken. Davon wurde mir beim Schnuppern nie was gesagt.» Auch Ahmet (21) hat die Zähne zusammengebissen und seine vierjährige Lehre als Multimediaelektoniker durchgezogen. «Dabei war sie gar nicht so, wie sie beim Schnuppern angepriesen wurde. Von Überstunden und Wochenendeinsätzen war vorher nie die Rede.» Ähnlich erging es einem Informatik-Lehrling: «Ich befinde mich zurzeit im 4. Lehrjahr als Informatiker Systemtechnik. Ich mache die Lehre in einem Grossbetrieb. Ich fühle mich betrogen durch die falsche Darstellung und Versprechungen in der Schnupperlehre.»

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Obwohl am Schnuppertag noch alles cool und spannend erschien, wird im Schnitt jeder fünfte Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst – viele davon geben im ersten Lehrjahr auf. Ein Grund: Lehrlinge sind nach wenigen Monaten in der Lehre ernüchtert, da sie sich den Job nach dem Reinschnuppern ganz anders vorgestellt haben. So berichten zahlreiche Leser, sie hätten ein vollkommen unrealistisches Berufsbild vermittelt bekommen.

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«Es gab alles, nur nicht das, was mir Spass machte»

Die 16-jährige Norina zählt zu den rund 21 Prozent, die vorzeitig aus ihrem Vertrag ausgestiegen sind. Laut ihr ist die Schnupperzeit um einiges besser gewesen als die eigentliche Elektroniker-Lehre. «Sie haben mir nur die einfachste Aufgabe gezeigt: das Löten. Als ich dann im August angefangen hatte, sagten mir die Lehrmeister allerdings, dass Löten gar nicht zu den Aufgaben gehört und nur selten vorkommt.» Eigentlich bestehe der Hauptteil ihrer Lehre aus Programmieren und Konstruieren. «Mir hatte aber das Löten am meisten Spass gemacht. Es gab alles, nur nicht das.» Nun hat die 16-Jährige gekündigt und macht eine KV-Ausbildung. Ihre Entscheidung bereut sie nicht.

«Ich war der Löli für alle»

Auch der 22-jährige Raphael* hat seine Lehre als Fachmann im Bereich Gesundheit am Ende des ersten Lehrjahres abgebrochen. Nach der Schnupperlehre habe er sich auf den Berufsstart gefreut. «Doch schon bald war nichts mehr so, wie anfangs beschrieben.» Obwohl es hiess, dass das Team aufeinander schaue und niemand zu viel arbeiten müsse, erlebte es Raphael anders: «Ich bekam am Morgen fünf bis sieben Patienten und musste sie alle innert zwei Stunden waschen, duschen und pflegen.»

Auch zum Lernen oder zum Hausaufgabenmachen, habe ihm die Zeit und die Energie gefehlt, so der heute 22-Jährige «Ich war der Löli für alle und bin nur noch gerannt. Wenn man merkt, dass es nur noch ums Füdliputzen geht, dann macht der Job einfach keinen Spass mehr.» Inzwischen weiss er, dass er nicht als Fachmann Gesundheit tätig sein möchte. Stattdessen macht er nun eine Lehre als Fachmann Betreuung.

«Meine Lehre sollte kreativ sein – ist sie aber nicht«»

Andere bleiben in der Lehre, leiden dabei aber: «Beim Schnuppern musste ich kreative Aufgaben erledigen, etwa Flyer oder Visitenkarten erstellen. Jetzt mache ich die Lehre als Polygrafin und muss hauptsächlich nur Daten annehmen, prüfen und drucken», sagt die 17-jährige Hannah. Sie habe sogar dreimal in ihrem vermeintlichen Traumberuf als Polygrafin geschnuppert. Dennoch wurde sie beim Stellenantritt von der Wirklichkeit enttäuscht: Dass die Lehre an sich nicht kreativ sei, habe man der 17-Jährigen bei allen Schnupperterminen verschwiegen. «In der Schule wurde gesagt, dass wir nach der Lehre einige Wege offen haben. Daher beisse ich mich jetzt durch», so Hannah.

«Firmen spielen nicht mit offenen Karten»

Dass einige Betriebe den potenziellen Lernenden am Schnuppertag nur die positiven Seiten zeigen, stellen auch die Gewerkschaften fest.

«Gerade Unternehmen in Branchen, die Mühe bei der Rekrutierung haben, spielen oft nicht mit offenen Karten», sagt Kathrin Ziltener, Jugendsekretärin bei der Unia. Sie hätten Angst, dass bei einem realistischen Schnuppertag die Jugendlichen abspringen würden, da sie sie nur als billige Arbeitskräfte und nicht als Lernende vorgesehen hätten. Ebenfalls betroffen seien Firmen, die wirtschaftlich unter Druck stünden: «In Stresssituationen kann sich dann der Umgangston radikal verändern, wovor Lernende eigentlich geschützt werden müssten.»

Ziltener betont aber auch, dass es an einem Tag auch schwierig sei, ein umfassendes Bild des Berufs zu vermitteln. Sie empfiehlt deshalb auch, dass Lernende mehrere Schnuppertage machen. «Zur Lehre gehören auch teils nicht so spannende Arbeiten. Aber es hört dort auf, wo nicht mehr die Ausbildung der Jugendlichen, sondern die Ausbeutung im Vordergrund steht», sagt Ziltener.

Gewerbe: «Mehrheit der Betriebe gibt sich viel Mühe»

Für Christoph Erb, Direktor des Verbands Berner KMU, steht fest, dass jedes Jahr Zehntausende realistische Schnuppertage über die Bühne gehen. «Die grosse Mehrheit der Betriebe gibt sich viel Mühe. Sie möchten ja auch, dass die Jugendlichen ihre Lehre abschliessen.» Es sei deshalb im ureigenen Interesse der Firmen, auch die weniger attraktiven Seiten eines Berufs in der Schnupperlehre zu zeigen.

Natürlich gebe es in jeder Ausbildung Momente, in denen sich Lernende fragen würden, warum sie nur diesen Beruf gewählt hätten, sagt Erb. Doch auch diese Momente gingen wieder vorbei. «Die Schüler können sich am Schnuppertag meist bereits mit Lernenden austauschen. So ist auch ein offenes Gespräch über die attraktiven und weniger attraktiven Aspekte des Berufes möglich.»

(juu/pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • FOXY LADY am 01.11.2019 07:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nur nicht gleich aufgeben

    Ja,eine Lehre ist kein Ponyhof und man muss auch Sachen machen, die einem nicht so gefallen aber hey,das ist im ganzen Leben so.

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  • Príncipe am 01.11.2019 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Pepp

    Am besten gleich mit Ferien anfangen. 12 Monate sollten schon drin liegen.

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  • bergfrau am 01.11.2019 07:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    elternversagen

    heute will man nur das schöne machen und wenn es nicht so geht, wie die jugend will, wird aufgegeben, dass schlimm daran ist, das die eltern mitziehen. ihr unterstützt die kinder nicht, sondern, die wird man nie im berufsleben gebrauchen können oder nur der kleine teil...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Gucci Italia am 11.11.2019 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wer abonniert bekommt hübsche Frauen

    Abonniert mein youtube kanal: Swiss Lth danke

  • Versetzt euch in andere am 06.11.2019 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Sklaverei???

    Das ist so, aber man sollte den jungen Leuten nicht irgendetwas vorlügen nur das man einen Lehrling hat. Man sollte den Schnupperstiften halt die Arbeiten zeigen die sie Täglich in der Lehrzeit erledigen müssen und nich nur das was spass macht. Da sind die Chefs selber schuld. Sie würden ja auch nicht mehr bei der Firma bleiben wenn ein Gehalt von 5000.- ausgemacht währe und sie Ende Monat 3000.- bekommen. Die heutigen Lehrlinge sind nichts weiteres als billige Arbeitssklaven. Siehe Zahnmedizinische Assistentin. Fast alles Lehrlinge und das beim verdienst eines Zahnarztes.

  • Mueckli am 03.11.2019 10:29 Report Diesen Beitrag melden

    Gerne arbeiten gehen

    Ich finde eine Lehre abbrechen hat überhaupt nichts mit "verweichlicht" zu tun! Man steht zu seinen Bedürfnissen & Wünschen und es braucht auch Mut eine Lehre abzubrechen. Solange man eine andere Lehre oder einen neuen Lehrbetrieb sucht, es heisst ja nicht nach dem Lehrabbruch chillt man Zuhause. Man sollte das tun was einem gefällt, gerne zur Arbeit gehen und es sollte einem Spass machen sonst ist es nicht das Richtige. Jede Person lebt nur einmal, also macht, dass es euch gut geht!

    • Ivo Melzer am 11.11.2019 08:31 Report Diesen Beitrag melden

      Ehrenmann

      abonniert mein youtube kanal: Swiss Lth danke

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  • Simon am 03.11.2019 05:46 Report Diesen Beitrag melden

    Es wird viel übertrieben

    Ich bin selbst auch frisch aus der Lehre. Klar wird einem beim Schnuppern die schöne Seite gezeigt damit man sich auch für den Beruf entscheidet. Das während der Lehre mehr auf dich zukommt ist doch logisch es ist kein "Zuckerschläck" in meinen Augen wird einfach viel übertrieben und geht mit flaschen vorstellungen. Man kann sich vorher Informieren was alles auf einen zukommt. Demnach gibt es keine ausrede es würde einem nicht gezeigt werden

  • Jacky M. am 03.11.2019 00:00 Report Diesen Beitrag melden

    Es ist so schön zu kochen....

    Ich habe von 00 bis 03 Köchin gelernt, die schlimmste Entscheidung meines Lebens. Ich wurde immer nur in der kalten Küche und am Dessertposten eingesetzt. Ich habe mich zur LAP durchgebissen und dann etwas anderes gelernt.

    • Eidgenossin am 03.11.2019 05:45 Report Diesen Beitrag melden

      @Jacky M.

      Ich kann Sie sehr gut verstehen,liebe Jacky,ich finde es super,dass Sie noch durchgebissen haben um die LAP noch zu absolvieren! Sie zeigen Durchhaltewillen und einen starken, Charakter,Bravo! Ich hoffe,dass Sie nun ab Ihrem zweiten Beruf viel Freude haben,ich wünsche Ihnen alles Gute!

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