EU-Streitgespräch

13. Januar 2011 08:15; Akt: 13.01.2011 08:33 Print

«In der Schweiz habe ich kaum solche Gegner»

von Ronny Nicolussi - Das Schauspielhaus war voll. Die Zuschauer wollten nach dem Nazivergleich die Debatte zwischen Blocher und Juncker sehen – und wurden nicht enttäuscht.

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«Wie weiter mit der europäischen Einigung?» Eigentlich sollten SVP-Chefstratege Christoph Blocher und der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker über diese Frage debattieren. Bereits bei der Begrüssung durch Moderator Lukas Bärfuss wurde jedoch klar, dass der Fokus der Veranstaltung nach den jüngsten Äusserungen der beiden davon abweichen würde. Das Zürcher Schauspielhaus und «Die Zeit» glaubten an die Kraft der Argumente, sagte Autor Bärfuss, der die Diskussion zusammen mit dem «Zeit»-Journalisten Peer Teuwsen moderierte: «Wir glauben aber ganz gewiss nicht an die Diffamierung des politischen Gegners, an Unterstellungen und ebenso wenig an unpassende Vergleiche.»

Der Seitenhieb ging an die Adresse Christoph Blochers, der Aussagen Junckers in einem «Zeit»-Interview in die Nähe von Adolf Hitlers Rhetorik gerückt hatte. Juncker hatte in Bezug zur Schweiz gesagt, es bleibe «ein geostrategisches Unding, dass wir diesen weissen Fleck auf der europäischen Landkarte haben». Das Publikum wartete dementsprechend gespannt darauf, ob die beiden Kontrahenten beim persönlichen Aufeinandertreffen über den Nazivergleich sprechen würden. Viele waren extra deswegen gekommen. Zahlreiche weitere hätten sich das Streitgespräch ebenfalls gern angesehen, fanden im seit Tagen ausverkauften Pfauen jedoch keinen Platz mehr.

Schliesslich – keine zehn Minuten nach Beginn der Veranstaltung – war es Blocher, der von sich aus das Thema anschnitt: «Wir möchten estimiert werden, dass wir ein selbstständiger Staat sind und nicht ein geostrategisches Unding. Da wird es uns weh und bange.» Die Römer hätten schon ein Grossreich gewollt und da sei die Schweiz im Weg gewesen, Karl der Grosse, die Habsburger, die Preussen, Napoleon und auch das Dritte Reich. «Da sind wir empfindlich», so Blocher.

«Liebeserklärungen versteht man im ersten Augenblick selten»

Juncker hielt dagegen, Blocher habe die Dinge ein bisschen unkorrekt reflektiert: «Ich habe, wie ich fand – aber so irrt man sich – ein sehr positives Interview zur Schweiz geben.» Er habe das Schweizer Demokratiemodell bis in den siebten Himmel gelobt. Vergleichbare Sprüche seien ihm von Herrn Hitler nicht bekannt. Den Wunsch, dass die Schweiz der EU beitreten würde, habe er aus Liebe zur Schweiz geäussert. «Aber Liebeserklärungen versteht man im ersten Augenblick selten», sagte Juncker und hatte damit die Lacher auf seiner Seite.

Mit dem 56-jährigen Luxemburger bot Blocher ein Politiker paroli, der dem alt Bundesrat rhetorisch in nichts nachstand. Nach dem Streitgespräch räumte Blocher gegenüber 20 Minuten Online ein, dass es ihm Spass gemacht habe, mit solch einem starken Gegner zu streiten: «Ich gebe zu, in der Schweiz habe ich nicht viele solche Gegner.» Mit sauberer Argumentation aber auch pointierten Aussagen gelang es Juncker immer wieder, das Publikum auf seine Seite zu ziehen. Dabei verzichtete er auch nicht darauf, in offenen Wunden zu stochern: «Ich bin seit 28 Jahre Mitglied der Regierung, das schafft nicht jeder.» Der abgewählte Bundesrat nahm es mit Humor. Er habe über 20 Jahre gegen die EU gekämpft «Das macht mir auch keiner nach», so Blocher.

Running Gags und keine Annäherung

Die Stimmung war in Anbetracht des vorgängigen medialen Schlagabtauschs der beiden Politiker sowieso recht ausgelassen. Juncker sagte nach dem Streitgespräch, er habe Blocher weniger konfrontativ erlebt, als er erwartet hätte: «Er war jedenfalls freundlicher als wenn ich nicht da bin.» Zwischenzeitlich schien es gar, als würden zwei alte Bekannte auf der Bühne die Klinge kreuzen. Neben Running Gags, die sich immer wieder um «Undinge», Hitlervergleiche, Regierungsdauer und Teilnahmen an internationalen Konferenzen drehten, wurde aber deutlich zementiert, dass in Fragen zur EU und zu multinationalen Organisationen zwischen den beiden keine Annäherung stattfinden wird. Während der EU-Politiker Juncker zugleich Kritiker und vehementer Verteidiger solcher Organisationen ist, lehnt Blocher diese ab, weil sie unüberblickbar und dadurch weniger erfolgreich seien. Die Ausgangsfrage, wie es mit der europäischen Einigung weitergehen soll, blieb am Ende zwar unbeantwortet. Das Hitlervergleichs-Kriegsbeil zwischen Blocher und Juncker scheint dafür begraben worden zu sein.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • R.Zwahlen am 13.01.2011 10:54 Report Diesen Beitrag melden

    Satz von Juncker

    Er war jedenfalls freundlicher als wenn ich nicht da bin.» Dank dieser Aussage von Juncker sieht man deutlich wie die Medien jeden Satz von Blocher umdrehen bis etwas Negatives konstruiert ist.Es gibt wirklich Leute die glauben, das sei die Wahrheit wenn sie das höhren oder lesen.

  • Schirna am 13.01.2011 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Nur Neidisch

    Die EU will von Uns nur noch mehr Gelder.Wenn wir die Wirtschftdaten ansehen der EU im spetziellen die der Deutschen mit ihrer hohen Arbeitlosigkeit und dem grossen Ausländerproblem das sie haben, dann ist doch klar, dass die nur neidisch sind auf die Schweiz und daher solche unakzeptable Aussagen machen von Leuten die es eigentlich besser können müssten!!

    einklappen einklappen
  • Doktor Kloeti am 13.01.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Bohren jetzt

    Hmmm... da gibt's doch noch ein Land, dass nicht in der EU ist. Genau: NORWEGEN. Aber die haben eben auch noch Oel, darum können sie von der EU nicht so schamlos unter Druck gesetzt werden wie die Schweiz. Mein Rat: Fangt an zu bohren!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Ryan Kand am 18.01.2011 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Beitritt der Schweiz zur EU bringt überhaup k

    Jedes Mal wenn ich in einer beliebigen Richtung über die Schweizer Grenze ins Ausland gehe, schockiert mich der verdammte Kontrollwahn in der EU. Zunehmend verkommt die ganze EU zu einer Verwaltungsidiotie. Polizei, Zoll und unnütze Behörden sollen dafür sorgen, dass die Landeskassen gefüllt werden. Niemand rechnet jedoch vor, dass der ganze Verwaltungsapparat der dazu gebraucht wird, mehr kostet, als dadurch gewonnen wird

  • G. Ibtsgarnet am 13.01.2011 16:23 Report Diesen Beitrag melden

    Die liebe liebe EU

    @nomates tja, diesmal wird der "kleine Junge" von einem Fremden mit Süssigkeiten in seine EU gelockt. Schon meine Eltern haben mir beigebracht, fremden leuten nicht zu trauen.. In diesem Fall ist die Sachlage klar. Nach der Rettung Griechenlands und den immensen Ausgaben für Irland steht die EU vor einem Geldproblem. Logisch, dass man sich an die Schweiz wendet, welche die Finanzkrise (mehr oder weniger) schadlos überstanden hat. Liebe Schweizerinnen und Schweizer, nein zur EU. Heute und auch in der Zukunft.

  • Peschä am 13.01.2011 15:01 Report Diesen Beitrag melden

    "Liebeserklärungen"

    "Liebeserklärungen", die nicht verstanden werden, findet man z.B. bei Stalking, Freiheitsberaubung, sexueller Nötigung,... Das sind schwere Straftaten. Allenfalls werden solche "Liebeserklärungen" vom Opfer mit der Zeit sogar scheinbar verstanden, das nennt man Stockholm-Syndrom.

  • Cookie am 13.01.2011 14:54 Report Diesen Beitrag melden

    @ Nur Neidisch

    @ Schirna Herr Juncker ist Luxemburger, nicht Deutscher... Und die Aussage von Herrn Blocher als Schweizer ist nicht akzeptabler, sorry...!

  • Doktor Kloeti am 13.01.2011 14:33 Report Diesen Beitrag melden

    Bohren jetzt

    Hmmm... da gibt's doch noch ein Land, dass nicht in der EU ist. Genau: NORWEGEN. Aber die haben eben auch noch Oel, darum können sie von der EU nicht so schamlos unter Druck gesetzt werden wie die Schweiz. Mein Rat: Fangt an zu bohren!