Allein oder Hotel Mama

25. Oktober 2016 08:57; Akt: 26.10.2016 08:09 Print

«In einer WG kann man kein Chaos veranstalten»

von B. Zanni - WGs sind zusehends unbeliebt. Erziehungsberater Jürgen Feigel sieht den Grund im geringen Vertrauen der Eltern in die Kinder.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Feigel, lange konnten es junge Menschen kaum abwarten, in eine WG zu ziehen. Heute aber wohnen sie lieber im Elternhaus oder allein. Was hat sich verändert?
Die jungen Menschen sind teilweise sehr viele Freiheiten gewohnt. Diese können sie am besten weiterhin leben, wenn sie im Elternhaus bleiben oder allein in eine Wohnung ziehen. In einer WG hingegen müssen sie sich auf Pflichten und Verantwortung gefasst machen. Dort können sie kein Chaos veranstalten, eine schmutzige Küche hinterlassen oder so laut Musik hören, wie es ihnen passt.

Umfrage
Wie meistern Sie Ihren Haushalt?
19 %
43 %
19 %
4 %
7 %
4 %
4 %
Insgesamt 8133 Teilnehmer

Werden sie nicht darauf vorbereitet, sich in einer Wohngemeinschaft anzupassen?
Eltern tun das zur zum Teil. Manche erziehen ihre Kinder mit vielen Freiheiten und wenigen Grenzen. Gewissermassen wächst deshalb eine Generation unselbständiger Kinder heran. Weil Töchter und Söhne im Haushalt kaum mehr einen Finger krümmen müssen, sind sie zusehends hilflos, wenn sie auf eigenen Beinen stehen sollen.

Wie zeigt sich das?
Nicht selten rufen Kinder, die ausgezogen sind, zu Hause an und klagen bei ihren Eltern über die viele Arbeit im Studium oder im Beruf. Gleichzeitig machen sie klar, dass sie auch noch in den Ausgang und das Leben geniessen wollen. Dann kann es sein, dass die Mutter oder der Vater bei ihnen zu Hause putzt, für sie einkauft, die Wäsche macht und vielleicht sogar das Essen vorbei bringt.

Warum lassen sich die Eltern das gefallen?
Früher hatten die Eltern ein grösseres Vertrauen in ihre Kinder. Waren sie ausgezogen, hiess es: «Jetzt musst du selber für dich schauen.» Heute hingegen begleitet ein ständiger Sicherheitsgedanke die Eltern. Das führt dazu, dass Eltern ständig Zweifel haben wie: Wird sich mein Kind richtig ernähren? Geht es zu lang in den Ausgang? Kommt es am Morgen pünktlich zur Arbeit?

Woher kommt dieses überbehütende Verhalten?
Die Eltern verwöhnen ihre Kinder, weil sie das Gefühl haben, ihnen alles ermöglichen zu müssen. Auch wollen sie von ihren Kindern alles fernhalten, was sie davon abhalten könnte, sich ganz auf sich selbst und ihre Träume zu konzentrieren. Beispielsweise gehört dazu auch die Mithilfe im elterlichen Haushalt.

Werden aus diesen Menschen jemals richtige Erwachsene?
Ich sehe diese Entwicklung nicht allzu düster. Junge Erwachsene wachsen in die Verantwortung, die ein selbständiger Mensch trägt, automatisch hinein. Ein Problem ist, wenn Eltern nicht loslassen können oder sich dauernd Sorgen machen um ihre Kinder. Je besser es den Eltern gelingt, die Kinder zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen, desto stärker können Kinder werden, desto erfolgreicher werden sie.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Niresch am 25.10.2016 09:12 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Chaos?

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es leider viele WG-Bewohner gibt, die sehr wohl ein Chaos verursachen. Klar wollen dann viele lieber alleine wohnen.

  • Vater am 25.10.2016 09:07 Report Diesen Beitrag melden

    Das Mutti ist Zuhause Problem

    Zum Thema arbeitende Mütter, die haben weniger Zeit den Kids alles nach zutragen. Und dann kommt der Schock. Wir arbeiten beide und wenn die Kids nicht helfen, Tisch decken, Maschine ausräumen, stehen sie halt auch ab und an, an einem leeren Tisch. Das motiviert dann wieder in der Haushaltsgemeinschaft mitzuhelfen. Und meine sind erst 5 und 9, besser sie lernen es jetzt als in der RS.

    einklappen einklappen
  • motzi am 25.10.2016 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    WG ist super!

    um die 20 lebte ich mit freunden (2 mädels, 1 boy) in einer 3er WG. wir waren richtige lebemenschen. chaos, fertigpizzas, hanf auf dem balkon, alkohol, partys, zu wenig schlaf... es war ne super zeit. genau das richtige in dem alter. 10 jahre später denke ich mit nem lauten lachen daran zurück. ich kann das nur allen jungen leuten empfehlen um sich die hörner abzustossen.... wann den sonst?

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Woody am 26.10.2016 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch

    Meines Erachtens gibt es eine solche Schlagzeile nur in der Schweiz ... Da lernt man (vor) der WG schon, wie man hier funktioniert ... egoistisch, abgeschottet, introvertiert und nur auf's eigene Wohl bedacht

  • mama40+ am 26.10.2016 09:36 Report Diesen Beitrag melden

    wunderbare Zeit

    Ich möchte meine 3 Jahre WG niemals missen. Wir waren 3 Freundinnen, alle 21 und 22 Jahre alt beim Start.Wir hatten nie einen Ämtliplan, weil es den nicht brauchte. Alle hatten den gleichen Sauberkeits-Sinn. Mit der Haushalts-kasse war es auch einfach. Jeden Monat wurden die Ausgaben durch 3 gerechnet und basta. Die Wäsche haben wir gemeinsam erledigt - nur gebügelt hat jede selber ihre Sachen. Es war eine ganz schöne, sorgenfreie Zeit. In der Familie ist es heute viel schwieriger, die Kinder zum Mithelfen zu motivieren. Aber es lohnt sich für ihre Zukunft.

  • Mauron am 26.10.2016 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ämtlis als Kind können hilfreich sein

    Ich wohne in einer WG zu zweit und wir haben eigentlich keine Probleme, obwohl ich sehr ordentlich und pingelig bin und er sehr chaotisch. Mich erstaunt aber, dass mein Kollege extrem Mühe hat mit ganz normalen Alltags-Haushaltsaufgaben, da er als Kind zu Hause nie was machen musste. Z.B. kann er nicht einkaufen gehen, ohne dass wir zusammen eine Einkaufsliste erstellt haben. Ohne ist er völlig übervordert und weiss sich in einem Laden einfach nicht zu helfen. Konnte mir vorher gar nicht vorstellen dass es sowas gibt. Auch bei anderen Aufgaben ist er einfach hilflos und macht alles halbpatzig

  • Dave A. am 26.10.2016 08:55 Report Diesen Beitrag melden

    Verschiedene Erfahrungen

    Ich lebte mehrfach in "Wohngemeinschaften", teils offiziell und teils blieb der Besuch einfach mal ein paar Wochen oder Monate. Es gab wirklich coole Kombinationen, die mich auch beruflich weitergebracht haben (wir haben nächtelang programmiert, hatten Hackathlons und und und). Leider gab es auch die andere Seite, wo ich als einziger Geld verdiente und die anderen den ganzen Tag zu Hause rumhockten und dabei nicht ein einziges Mal den Besen zur Hand genommen haben. Bin froh um die Erfahrungen, aber auch dass es heute etwas geordneter zu und her geht.

  • Debby am 26.10.2016 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben ne super WG

    Man muss nur mit den richtigen Leuten zusammenleben. Eine WG kann doch gar nicht funktionieren, wenn anfängliche Probleme nicht aus der Welt geschafft werden. Streiten gehört dazu, aber die Versönung mit gegenseitigem Verständnis sind das A und O.

    • Maria am 26.10.2016 09:59 Report Diesen Beitrag melden

      So ist es..

      Der Versöhnungssex in einer WG mit allen Mitbewohnern ist doch immernoch das Beste und eigentlich auch der einzige Grund in so einer WG zu leben.

    • Wolf67 am 26.10.2016 12:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Maria

      Dein Text erinnert mich an den Film Kids....

    einklappen einklappen