Evangelikale Erziehung

06. April 2013 12:50; Akt: 06.04.2013 12:50 Print

«Jeder braucht eine Beziehung zu Gott»

von J. Pfister - Züchtigung oder psychische Gewalt: Die Kritik an evangelikanen Erziehungsmethoden ist heftig. Marc Jost von der Schweizerischen Evangelischen Allianz nimmt Stellung.

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Marc Jost von der Schweizerischen Evangelischen Allianz verteidigt die Evangelische Erziehung. (Bild: Keystone/colourbox/zvg)

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Die Fachstelle für Sektenfragen hat rund 21 evangelikale Erziehungsratgeber unter die Lupe genommen und festgestellt: Viele der Bücher raten zur körperlichen Bestrafung von Kindern - diese reicht vom Klaps auf den Hintern bis hin zum Verprügeln. Wo setzen sie die Grenze?
Marc Jost Wir verurteilen Ratgeber, die Eltern dazu auffordern, Kindern Gewalt anzutun. Ich selber bin dem besonders kritisierten Buch «Kindererziehung nach Gottes Plan» bis zu diesem Bericht in der Praxis nicht begegnet - und ich bin selber Pädagoge und habe als Vater christliche Erziehungskurse besucht. Dass gewisse Leute oder Organisationen darauf zurückgreifen, können wir jedoch nicht verhindern.

Können Sie Ihren Mitgliedern nicht klar kommunizieren, dass jegliche Form von Gewalt in der Erziehung Tabu sein sollte?
Wir verleihen gemeinnützigen Organisationen, welche sich an Kinderschutzrichtlinien halten, ein freiwilliges Gütesiegel. Darunter fällt auch, dass Mitarbeitende niemals ein Kind schlagen dürfen. Explizit eine Stellungnahme dazu haben wir aber noch nicht erarbeitet. Eine 2011 gegründete Arbeitsgruppe (siehe Box) soll sich unter anderem diesem Thema annehmen.

Kritisiert wird aber nicht nur die körperliche, sondern vor allem auch die seelische Gewalt. Die Glaubensvermittlung der Eltern würde die Kinder überffordern, belasten oder in Gewissenskonflikte bringen. Nehmen Freikirchen diese Problematik zu wenig ernst?

Nein, im Gegenteil. In Verbänden wie beispielsweise jenem der Jungscharen werden das Machtgefälle von Erwachsenen zu Kindern und die damit verbundenen Gefahren explizit geschult.

Was heisst das konkret?
Jungschaarleiter lernen zum Beispiel, dass Kinder nie manipuliert werden dürfen - egal, was für eine Weltanschauung sie haben. Jeder Erwachsene birgt die Gefahr, seine Ideologie weiter zu geben. Kinder sollen die Freiheit haben zu sagen, wenn sie etwas nicht wollen.

Also auch zu sagen, wenn sie nicht an Gott glauben?
Ja, Freiwilligkeit ist im christlichen Glauben gross geschrieben. Kinder sollen nicht zu etwas gedrängt werden. Umgekehrt sollten ihnen die Eltern ihren Glauben auch nicht vorenthalten. Wenn Kinder fragen, weshalb ihre Eltern gläubig sind, können sie zum Beispiel sagen, dass der christliche Glaube davon ausgeht, dass jeder eine Beziehung zu Gott braucht.


Aber dann wird dem Kind ja implizit gesagt, dass es ohne den Glauben zu Gott verloren ist?

Nein. Aber ein Kind sollte auch nicht den Eindruck haben, dass die Eltern solche Fragen einfach tabuisieren. Die Eltern sollen die Kinder einladen, offen mit ihnen über Glaubensfragen zu sprechen.

Das ist doch auch eine Beeinflussung!
Ja, allerdings wenn ich meinen Kindern fair und offen meinen Glauben darlege, gebe ich ihnen gleichzeitig auch zu verstehen, dass ich meine Liebe zu ihnen nicht davon abhängig mache, ob sie diesen teilen oder nicht.

Liest man den Bericht von Infosekta, sind aber weitaus nicht alle evangelikanen Eltern so aufgeschlossen. In einem Brief an ihre Eltern beschreibt eine junge Frau, dass sie trotz der Liebe ihrer Eltern immer Angst hatte, etwas Falsches zu tun und sich die ganze Jugend hindurch verkrampft gefühlt hat.
Ob religiös oder nicht - es gibt immer Eltern, die ihre Erziehung nicht vorbildlich wahrnehmen. Ich bedauere natürlich, dass dies in einer evangelischen Familie vorgekommen ist. Doch Fehler passieren überall.

Was bedeutet für sie eine richtige christliche Erziehung?
Der Schlüssel ist sicher die bedingungslose Liebe der Eltern. Natürlich müssen wir den Kindern auch Regeln vermitteln, sie loben wenn sie es verdient haben ist oder sie bestrafen, wenn es nötig ist. Noch wichtiger ist aber dass wir ihnen mitgeben, dass Gott die Menschen so annimmt, wie sie sind.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

leider ist in der Gesellschaft vor allem bezüglich Religion ein Rückwärtstrend zu beobachten. Da die heutige, globale Welt viele überfordert, greifen immer mehr Menschen zu einfachen, fundamentalistischen Modellen. Da muss man nur glauben, und schon bekommt man Kraft, in dieser etwas komplizierten Welt zu bestehen. Ein gefährlicher Trend, denn wenn Menschen aufhören, kritisch zu denken, sind Diktaturen nie weit.. – Anna Huber

Atheismus ist kein Glaube. Von seiten der Christen und anderer religiöser wird der ganzen Atheismus-Thematik viel zu viel Bedeutung geschenkt. Grundsätzlich setze ich ein Fragezeichen über die wichtigsten Fragen wie dem Urpsrungs der Welt, erfreue mich der Natur, aber lehne strikt die Religionen wie das Christentum ab, weil es Jahrtausende einfach nicht funktioniert hat. Punkt. Von konfessionsfreien als 'die bösen Atheisten' zu reden, und dass ohne die heutigen Religionen kein gutes Leben führbar ist, gleicht dem Horizont eines Kreises mit Radius null. Und das nennen sie dann ihren Standpunkt. – Johann V.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hägar d. s. am 07.04.2013 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    manipulation

    es wird immer wieder festgehalten, dass christlich-evangelikale eltern den kindern ihren glaubenansicht weitergeben. dies wird oft als problematisch und manipulierend angesehen. aber ist es nicht vielmehr so, dass praktisch alle eltern ihren lebensanschauung den kinder weitergeben. seien diese nun religiös oder nicht. ist dies dann weniger manipulierend? oft übernehmen wir erwachsenen ja auch die meinungen aus den printmedien oder aus dem fernsehen, ohne zu reflektieren.

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  • Patrick C. am 08.04.2013 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben einen eigenen Gott

    Wir Eidgenossen haben einen eigenen Gott und der heisst Franken. Dafür haben wir unterschiedliche Kirchen in denen wir ihn mehrmals in der Woche anbeten. Die heissen dann UBS, CS, Kantonalbank oder Raiffeisenbank.

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  • Simon Freiburghaus am 07.04.2013 16:52 Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    Allen, die Probleme mit den Aussagen von Marc Jost haben, zitiere ich gerne einen anderen 20min-Artikel: Manipulation a) nur den Gläubigen vorzuwerfen und b) per se zu verteufeln - man, ist die Welt gewisser "aufgeschlossener" Leute simpel gestrikt...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Berichte Leser am 11.04.2013 20:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @ Antisekte

    Hey was du hier vom Stapel lässt entbehrt jeglichen Anstands und ist schlich nur unterste Schublade, Gott, Götter, Religion, Agnostiker oder Bibel hin oder her! Werd erwachsen und lerne mal etwas Anstand gegenüber anderen Menschen! Das musste jetzt mal gesagt werden!!

  • Fritz Börner am 09.04.2013 16:32 Report Diesen Beitrag melden

    So sah meine Erziehung aus

    Als mein Vater 1945 aus dem 2. Weltkrieg auf wundersame Weise nach Hause kam, lernte ich 12-jähriger ihn als einen Menschen kennen, der an Gott glaubt. Damit verbunden war seine persönliche Bibellese am Morgen für sich allein. Nach dem Abendbrot las er einen Abschnitt der Hl. Schrift mit der Familie, erklärte diese kurz und betete für uns. Mein Vater hat mich nie geschlagen, aber immer den rechten Weg gewiesen. Als ich mit 16-17 Jahren als ein Dieb entdeckt wurde, stellte er mich zur Rede. Dann ging auf die Knie und rief zu Gott um Vergebung für mich und dass Gott meine Gesinnung ändert.

  • De Rob am 09.04.2013 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Sokratische Mäeutik

    Wer sein Kopf nicht zum Denken braucht, überlässt es der Religion. Gefährliche Sache, denn auf diese Weist hört die Logik auf! Doch das hat es alles schon gegeben, es war Sokrates im alten Griechenland, der den Menschen verhhalf die "eigenen" Gedanken zu gebähren! Wir hatten dafür Jesus, schöner Schlamassel!

    • De Peter am 11.04.2013 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Du irrst!

      Es ist immer der Mensch der denkt... Religion ist ein Begriff des Lebens und kann nicht denken!

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  • Leser am 08.04.2013 13:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Offenbar ein Thema...

    dass sehr viele Leute BRENNEND beschäftigt!! Einige auf höherem Niveau, andere eher antisektemässig... aber es wird offensichtlich, dass Glaube, Religion und Gott top aktuelle Themen unserer Zeit sind! Spannend!!

    • Bilanz am 09.04.2013 14:08 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn dem Menschen

      der Sinn für die Realität entgleitet, kann man ihm jeden angeblich nützlichen, sicheren Rettungsring verkaufen. Religionen sind längst zum grossen Geschäft mit Macht für Geld pervertiert. Unverständlich, dass sich Menschen heute noch von äusserem Pomp blenden lassen und nicht verstehen, dass viele der selbst ernannten Götter-Vertreter ihre propagierte Ethik und Moral nie zu leben vermögen.

    • Denker am 11.04.2013 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bilanz Naja!

      Glaube und Religion sind natürlich auch Realität genau so wie Wissenschaft eine Realität ist!

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  • Frau am 08.04.2013 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Religion = Angstmacherei

    Als ich in der 1. Klasse zum ersten mal den Religionsunterricht besuchte fand ich die Geschichten noch spannend. Aber uns Kinder wurde solcheAngst gemacht und die Gebote in den Kopf gehämmert, dass ich jeden Tag Angst hatte überhaupt etwas zu denken. Ich dachte, dass Gott mich hört und mich bestrafen kommt.. Ich hatte Albträume! Das war der Auslöser warum ich nicht an die Kirche etc. glaube. Sie machen aus uns Menschen Marionetten. Ich interessiere mich viel eher für die Wissenschaft, die Quantenphysik & die Quantentheorie, die Evolution etc.!

    • Mann am 09.04.2013 07:03 Report Diesen Beitrag melden

      Wissenschaft - man SCHAFFT sich Wissen

      Wissenschaft, Quantenphysik, Quantentheorie, Evolution...und das macht Ihnen keine Angst?

    • Heide am 09.04.2013 11:13 Report Diesen Beitrag melden

      Spiegel

      Wenn ich deine Geschichte so lese, habe ich das Gefühl es könnte meine sein! Christliche Werte wie Nächstenliebe usw. JA- Religion NEIN.

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