Selbsthilfegruppen

30. September 2016 17:55; Akt: 30.09.2016 17:55 Print

«Jeder zehnte Arztbesuch könnte vermieden werden»

Maja Ingold (EVP) verlangt, dass Selbsthilfegruppen gefördert werden. Politiker und Experten sind uneins, ob dies die Gesundheitskosten senkt.

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Politiker suchen nach dem erneuten Anstieg der Krankenkassenprämien fieberhaft nach Massnahmen, um das Kostenwachstum im Gesundheitsbereich in den Griff zu bekommen. Ein neuer Vorschlag kommt nun von EVP-Nationalrätin Maja Ingold. Sie fordert in einem Vorstoss, Selbsthilfegruppen finanziell stärker zu unterstützen.

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«Es braucht im Gesundheitswesen einen Paradigmenwechsel hin zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe. Wenn sich Krankheitsbetroffene oder Angehörige austauschen können, gewinnen sie Lebensqualität», so Ingold. In diesen Gruppen lerne man Leute mit ähnlichen Schicksalen kennen und könne so die eigene Gesundheitskompetenz stärken.

Selbsthilfegruppe oft zu weit weg

Vor allem bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Burn-outs, Essstörungen oder Suizidgefährdung könnten Selbsthilfegruppen eine Möglichkeit sein, mit Problemen besser umzugehen. So könnten sich zum Beispiel Eltern von Kindern mit Essstörungen gegenseitig beraten, um die Kinder besser zu verstehen. «Diese Hilfe zur Selbsthilfe in Ergänzung zur ärztlichen Behandlung spart Krankheitskosten und muss besser unterstützt werden, denn so könnte mindestens jeder zehnte Arztbesuch verhindert werden», schätzt Ingold. Diese Idee sei beim Bundesamt für Gesundheit leider noch zu wenig angekommen.

Bei SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile kommt der Vorstoss gut an. «Ich hätte ihn sofort unterschrieben, wenn mich Frau Ingold gefragt hätte.» Er habe oft Patienten in der Sprechstunde, die sich eine Selbsthilfegruppe wünschten, diese aber zu weit weg vom Wohnort stattfinden. «Gerade im ländlichen Bereich besteht hier noch Potenzial.» Dass er durch mehr Selbsthilfegruppen bald keine Patienten mehr hat, glaubt Barrile nicht. «Die beiden Angebote ergänzen sich. Die bestehenden Selbsthilfegruppen werden ja auch oft von Ärzten oder Psychologen betreut.»

«Suizidgefährdete brauchen professionelle Hilfe»

Nicht begeistert ist hingegen SVP-Gesundheitspolitiker Thomas de Courten. «Selbsthilfegruppen helfen sich per Definition selbst, da braucht es keine staatliche Unterstützung.» Er begrüsse private Initiativen, lehne aber eine staatliche Beteiligung ab. Im Kanton Baselland habe es schon solche Pilotprojekte gegeben, doch eine Kosten-Nutzen-Rechnung sei nie erstellt worden. «Wir können nicht für jede Flohallergie eine Selbsthilfegruppe finanzieren, da steigen die Gesundheitskosten noch weiter.»

Bei der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) sieht man die Selbsthilfegruppen als Ergänzung zur professionellen Betreuung. «Die Förderung von Selbsthilfegruppen ist zu begrüssen, aber ersetzt bei gewissen psychischen Erkrankungen keinesfalls eine Betreuung durch einen Psychotherapeuten», sagt Sprecher René Schegg. Gerade suizidgefährdete Personen sollten unbedingt professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

«Ersetzt keine ärztliche Diagnose»

Auch Schegg sieht einen Platz von Selbsthilfegruppen gerade auch im Rahmen der psychischen Gesundheit. «Wenn eine psychische Erkrankung früh in einer Selbsthilfegruppe besprochen und aufgefangen wird, kann sich das auf den Krankheitsverlauf positiv auswirken.» Ob allerdings tatsächlich zehn Prozent der Arztbesuche überflüssig würden, sei nach seinem Wissen nicht durch Studien belegt.

Etwas kritischer tönt es beim Ärzteverband FMH: Zwar könne eine Selbsthilfegruppe eine Stütze sein, aber keineswegs eine ärztliche Diagnose oder Behandlung ersetzen, sondern höchstens den therapeutischen Weg begleitend unterstützen. «Ob die geforderte finanzielle Unterstützung für gemeinschaftliche Selbsthilfe den Anstieg der Gesundheitskosten mindern kann, muss zuerst mit einer entsprechenden Studie nachgewiesen werden», sagt Vizepräsident Christoph Bosshard. Zudem seien bei einer Kostenübernahme durch die Krankenkassen die Kriterien Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit zu erfüllen.

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Geissenpeter am 30.09.2016 18:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wisst ihr was die Kosten senken würde?

    wenn man den Verwaltungsapparat von K.K. zurückschrauben würde. v.a. dir Telefonterroristen. Damit liessen sich bestimmt 30% der Kosten einsparen.

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  • Pragmatiker am 30.09.2016 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Super Idee!

    Und erst noch von der EVP! Zuerst die MEI-Umsetzung verhindern und jetzt solche Ideen.... Wer wählt die eigentlich?

  • Lyssu am 30.09.2016 18:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ist das euer ernst?

    ich soll so viel Prämien zahlen und dann noch bei den Arztbesuchen sparen? Das würde ich mschen, wenn die Prämien sinken,..nicht wenn sie steigen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • vladimir am 01.10.2016 22:39 Report Diesen Beitrag melden

    Welcher von 10?

    Nur noch zu wissen, welcher genau von diesen 10 Arztbesuchen tatsächlich überflüssig ist. Ein Patient und ein Nicht-Arzt kann das leider nicht im Voraus wissen.

  • notes713 am 01.10.2016 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Verusrsacherprinzip

    Ich finde das Modell von der Autoversicherung gut. Da hat es einen solidarischen Anteil, aber man kann auch ndavon profitieren, wenn man nicht wegen jedem Bienenstich zum Arzt rennt. - Einen entsprechenden Anreitz

  • Karl am 01.10.2016 16:29 Report Diesen Beitrag melden

    Non-Profit Einheits-Staatskrankenkasse

    Das ist es was hilft und sonst Nchts!

  • 68 Jähriger am 01.10.2016 16:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kosten schnell gedenkt

    Kosten schnell gesenkt wenn ab 70j. nur noch Palliativmedizin betrieben würde und so den natürlichen Lauf der Zeit einhalten.

    • Spatz am 01.10.2016 16:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @68 Jähriger

      Wie ich sehe, sind Sie noch nicht 70. dann trifft es Sie ja noch nicht. Das nennt man "Zweiklassenmedizin". Da ist es nicht mehr weit zu: der ist nicht so wichtig, den brauchen wir nicht mehr.

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  • anna am 01.10.2016 14:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    just sayin

    Solange alles bezahlt wird werden alle immer zum Arzt gehen. Und was macht die Ärztelobby wenn sich plötzlich alles ändert und wir nur noch begrenzt zum Arzt gehen können( ausgeschlossen sind hier bei natürlich chronische Kranke und Schwangere) genau sie verdienen weniger ! Die Gesetzlage und die Profitgier seitens Pharma und Ärzte da kann einfach nichts gescheites daraus entstehen so wird sich das Problem nie lösen und es wird immer höhere Kosten geben für die Allgemeinheit .