Uriellas Sekte

02. September 2014 11:11; Akt: 02.09.2014 11:42 Print

«Jesus verbietet es, Interviews zu geben»

Sektengründerin Uriella ist schwer krank. Die 85-Jährige liegt gelähmt im Bett. 130 Anhänger soll sie noch um sich scharen. Experten hegen daran aber Zweifel.

Bildstrecke im Grossformat »
Uriella, das Oberhaupt der Sekte «Fiat Lux» («Es werde Licht»). Ehemann Icordo (l.), bürgerlich Eberhard Bertschinger-Eicke, und Uriella im Jahr 2000 im Gespräch mit Moderator Patrick Rohr (r.) in der «Arena» zum Thema «Sekten - Macht und Ohnmacht». Die ehemalige Fremdsprachen-Sekretärin Erika Bertschinger-Eicke (geboren 1929) bemerkte angeblich schon 1971, dass sie andere Menschen heilen könne. Nach einem Sturz vom Pferd 1973 wurde sie «erleuchtet». Seither empfängt sie als Uriella Botschaften von Jesus und der Mutter Gottes. Dafür fällt sie regelmässig in Trance. Der Name «Uriella» soll wohl auf den Engel Uriel anspielen. Im Gedankengut der Sekte sind aber nicht nur christliche Themen vertreten. Auch Elemente des Ufo-Glaubens spielen eine wichtige Rolle. Die Sektenmitglieder tragen in Nachahmung ihrer Chefin ausnahmslos weisse Kleider. Weiss, die Farbe der Unschuld: Doch des Öfteren musste sich Uriella in Deutschland und in der Schweiz vor Gericht verantworten. Uriella baut vor einer Gerichtsverhandlung einen kleinen Altar auf. Sie hat auch schon verschiedentlich den Weltuntergang prophezeit, allerdings jedes Mal fälschlicherweise. Ein weiteres Gerichtsverfahren: Im April 2000 vertritt Icordo seine Gattin in einem Zivilprozess am Herisauer Kantonsgericht. Ein ehemaliges Mitglied der Sekte Fiat Lux forderte von deren Oberhaupt Uriella 625'000 Franken zurück. Uriella selber erschien nicht vor Gericht. Fiat Lux ist auch politisch aktiv geworden. Im «Heiligtum» des Ordens in Ibach-Lindau (Kreis Waldshut, Deutschland) beten Uriella und Icordo bei einem Wahlauftritt für den Erfolg ihrer Kandidaten bei den Gemeinderatswahlen. Mit dem Kreuz in der Hand wird für die Fiat-Lux-Kandidaten geworben. Auftritt am Esoterik-Apéro im Häbse-Theater in Basel, zusammen mit Hellseher Mike Shiva (l.). Harfenklänge untermalen den Auftritt: Alles an Uriella atmet eine gewisse Süsslichkeit. So war es denn auch nicht erstaunlich, dass die Geistheilerin bei einem Gastauftritt in Frank Baumanns Sendung «Ventil» einen Nervenzusammenbruch erlitt. Der rüde Moderator hatte sie mit Hardcore-Pornografie konfrontiert. Eine Kontroverse löste auch ihr Handel mit in ihrer Badewanne «behandeltem» Wasser aus. Uriella in früheren Jahren.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der bekanntesten Sektenführerin der Schweiz geht es nicht gut. Sie sei gelähmt, könne in ihrem Haus in Ibach im Südschwarzwald nur noch im Bett liegen. Das sagte Uriellas Mann Icordo dem «SonntagsBlick». «Es wird immer schlimmer.» Aber: «Im Kopf ist sie immer noch klar.»

So wird Icordo zitiert, obwohl er seit dem Beginn von Uriellas Erkrankung eigentlich keine Interviews mehr gibt. Gab es einen Sinneswandel? Steht vielleicht sogar die von Uriella prophezeite Apokalypse kurz bevor?

Nachfrage im Schwarzwald, der Heimat der Sekte Fiat Lux. Ein Mitglied des Ordens nimmt das Telefon ab, grüsst mit auffallend sanfter Stimme. Auf die Nachfrage nach Icordo antwortet der Anhänger: «Er wird nicht mit ihnen sprechen. Icordo gibt keine Interviews mehr, das hat ihm Jesus Christus so befohlen.»

Icordo habe auch die Journalisten des «SonntagsBlicks» nicht im eigentlichen Sinne empfangen, sondern nur nach hartnäckigem Klingeln einmal die Türe geöffnet. «Da liess er sich wohl zu der Aussage über Uriella hinreissen», sagt der Anhänger. Was über Uriella geschrieben worden sei, stimme aber. Sie sei schwer krank und bettlägerig: «Sie kann nur noch per Telefon Kontakt aufnehmen.»

Auf die Nachfrage, ob Uriella per Telefon mit ihren Anhängern in Kontakt stehe oder nur noch mit Icordo, beendet der Uriella-Jünger das Gespräch freundlich, aber bestimmt – die sanfte Stimme nun etwas belegt.

«Stirbt sie, verschwindet ihr Orden»

Sektenexperte Christian Ruch beschäftigt sich seit Langem mit der Bewegung Fiat Lux. Dass das selbst ernannte Sprachrohr von Jesus Christus tatsächlich noch 130 Anhänger haben soll, wie es oft heisst, glaubt er nicht: «Meiner persönlichen Einschätzung nach ist diese Zahl zu hoch gegriffen.»

Innerhalb von Fiat Lux habe es in der Vergangenheit immer wieder Spannungen und Konflikte gegeben. Ruch glaubt denn auch nicht, dass für jüngere und mittelalte Menschen die Sekte attraktiv sei. «Neueinsteiger aus diesem Segment werden sie kaum haben.»

Noch weiter geht Sektenexperte Georg Schmid. Zum «Tages-Anzeiger» sagte er in einem Interview: «Sobald sie stirbt, wird ihr Orden wohl auch verschwinden.»


(num)