Reinhold Messner

01. Dezember 2016 14:03; Akt: 07.12.2016 09:15 Print

«Junge Leute finden kaum noch echte Abenteuer»

Reinhold Messner suchte zeitlebens das Abenteuer. Im Interview redet er über echte Bergerlebnisse in Zeiten von Kletterboom und Gebirgstourismus.

Reinhold Messner bestieg 1970 mit einer Gruppe von Bergsteigern und seinem Bruder den Nanga Parbat im Himalaya-Gebirge. Ein Filmer dokumentierte die Expedition. Bruder Günther kam bei dieser Expedition ums Leben. Hier sieht man kurze Ausschnitte des Films von Ludwig Ott vom Aufstieg auf den 8125 Meter hohen Berg.
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Herr Messner, was raten Sie jungen Kletterern, die in Ihre Fussstapfen treten wollen?
Zuerst einmal würde ich jedem abraten, in meine Fussstapfen zu treten. Sie sollen ihren eigenen Weg finden. Wenn wirklich jemand ein exzellenter Alpinist und Abenteurer werden will, ist es aber gut, wenn er jung anfängt. Dann kann er einen Bergsteiger-Instinkt entwickeln. Das war auch mein Glück.

Welche Fehler sollte man vermeiden?
Generell wird jede junge Generation das versuchen, was die Generation vor ihr nicht geschafft hat. Darin liegt auch die Weiterentwicklung. In der Alpinistik gibt es nie richtig oder falsch. Die meisten Leute, die grosse Abenteurer waren, haben viel falsch gemacht.

Bergsport ist extrem im Trend – eine positive Entwicklung?
Klettern ist global geworden. Es gibt heute zehnmal mehr Kletterer als vor 30 Jahren. Aber 90 Prozent sind nur in der Halle. Zehn Prozent sind Sportkletterer. Diese klettern auf abgesicherten Routen oder auf Klettersteigen. Richtige Alpinisten gibt es heutzutage kaum mehr.

Wie erklären Sie dies?
Heute muss alles abgesichert sein. Immer weniger Kletterer gehen mit Eigenverantwortung in die grossen Wände und suchen sich ihren eigenen Weg. Umgekehrt sind die jungen Leute dank des Internets informiert. Sie wissen, ob die Spur in der Eigernordwand gerade perfekt ist und sich zum Klettern eignet. Dann kommen sie in Scharen und klettern durch.

«Richtige Alpinisten gibt es heute kaum mehr»

Gibt es so nicht weniger Unfälle?
Aus meiner Sicht geht das Abenteuer verloren. Echtes Abenteuer ist für die Jungen kaum noch zu finden. Sie versuchen die Steigerung in der Zahl zu finden. Also schneller oder höher. Ueli Steck ist einer der besten Bergsteiger der Welt. Seine Schnellbesteigung des Annapurna ist beeindruckend und eine grosse Leistung. Ein Abenteuer ist es aus meiner Sicht aber nicht.

Aber das Himalaya-Gebirge ist doch das Bergerlebnis schlechthin.
Nicht mehr. Auf den Mount Everest werden jedes Jahr richtige Pisten bis auf den Gipfel gebaut, um die Touristen hoch und wieder runterzubringen. Die wollen den Everest nur im Tourenbuch stehen haben. Es geht um das Prestige und nicht um das Erlebnis.

Wo kann man denn heute noch wahre Abenteuer erleben?
Junge, die das Abenteuer heute wirklich suchen, gehen irgendwohin ans Ende der Welt. Es gibt noch viele 6000er oder 7000er, die irrsinnig schwierig sind und noch nie bestiegen wurden. In Zweier- oder Dreierteams gehen sie los ohne viel Ausrüstung und versuchen den Aufstieg. Das ist noch echt.

Gibt es das auch noch in der Schweiz?
Nicht ganz in derselben Dimension, aber im Berner Oberland gibt es grosse Fels- und Eiswände und im Wallis eine ganze Serie von 4000ern, bei denen man Nachdenken muss und Bauchkribbeln bekommt. Statt dem Everest würde ich den Leuten etwa raten, auf das Zinalrothorn bei Zermatt zu steigen. Das ist viel mehr Erlebnis.


Die Erzählungen von Reinhold Messner lassen sich bald live erleben: Im Januar tourt er durch die Schweiz und hält Vorträge zu seinem neusten Buch «ÜberLeben». Er tritt in Chur, Winterthur, Luzern, Basel, Zürich, Amriswil und Thun auf. Tickets unter: www.messner-live.de

(ann)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Remo Kaiser am 01.12.2016 15:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abenteuer?

    Um 2 Uhr morgens am Bahnhof den Leuten tief in die Augen schauen. Oder Jugendlichen sagen es sei Rauchverbot. Ja, dann haben sie ihr Abenteuer...

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  • Denkpause am 01.12.2016 14:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt echte Abenteuer ...

    ... für Junge Leute, z.B. Pokemon Go. ;-)

  • Realist am 01.12.2016 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt immer Abenteuer

    Man muss sie nur sehen. Und Berge sind nicht die einzige Herausforderung. Jeder sollte etwas finden das er/sie gerne machen würde aber sich nicht traut. Zum Beispiel quer durch den Zürichsee schwimmen. Oder Einen Fallschirmabsprung machen. Es gibt sehr viele Möglichkeiten. Einfach etwas das über dem ist was man sich zutraut aber noch nicht hochrisiko ist für die eigenen Verhältnisse und das eigene Können. Solche Grenzen überwinden bringt viel und jeder kann das machen. Erstbesteigungen sind nicht wirklich jedermanns Sache und muss es auch nicht sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Heinz Bern am 02.12.2016 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Wuste wieder wie das Leben Schön ist

    Also Bergsteigen ist in meinen Augen kein Abenteuer !! Berg Hoch ein Zelt Aufschlagen Essen aus der Büchse und wieder runter ;-( habe ich Als Grenadier genug gemacht, Abenteuer gibt es wohl noch und wie, nur mal nach Alaska und von dem Leben 14 Tage lang was einem die Natur gibt, war 1 Monat da mit einem Buschpiloten wahr der Hammer und wusste wieder wie das Leben eigentlich wunderschön sein kann, (ohne Elektronik) ;-)

  • Ryanna am 02.12.2016 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Schick mer na ä chli Gäld

    Ja man kann sich vom hinterletzten Kaff mit Papa verbinden und über Western Union Geld zugeschickt bekommen, wenn Kreditkarten gestohlen wurden, verloren gingen oder sonst was mit dem "Abenteuer" schief geht.

  • Nils Anheim am 02.12.2016 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    Abenteuer ist Risiko, Gefahr

    Wenn du genügend Geld hast oder dich im Notfall auf Papi und Mami stützen darfst, dann kannst du viel unternehmen, aber ein Abenteuer ist's eben nicht. Ein solches Erlebnis ist meistens mit Risiko verbunden, ja sogar mit Gefahr.

  • blaesi007 am 02.12.2016 12:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Massenabenteuer

    Was soll den noch Abenteuerlich aein, wenn auch meine Putzfrau bereits auf dem Everest war?

  • Rebel son am 02.12.2016 11:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    man muss nur wollen

    anemteuer gibts auch in der Schweiz, harder kulm und niesen gehören nicht dazu, gibt aber unzählige mehrtäger abseits der Zivilisation, abseits von swisscom und Co.