Experten sagen

14. Oktober 2013 22:29; Akt: 15.10.2013 11:49 Print

«Junge Menschen werden heute später erwachsen»

von Hannes von Wyl - Laut britischen Forschern sind junge Menschen mit 18 noch lange nicht erwachsen. Ihre Schweizer Kollegen geben ihnen recht - und sprechen sogar von einer neuen Lebensphase.

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Die Zeit bis zum Erwachsenenalter dauert immer länger, sagen Experten. (Symbolbild) (Bild: Colourbox)

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Achtzehnjährigen fehle es an emotionaler Reife und sie bräuchten über die Volljährigkeit hinaus beträchtliche Unterstützung, sagt die britische Kinderpsychologin Laverne Antrobus in einem Artikel der BBC. Der Soziologe Frank Furedi spricht darin sogar von einer Kultur der «Verkindlichung», die sich an der zunehmenden Beliebtheit von Kindersendungen und Trickfilmen zeige. Die Jugendzeit erstrecke sich in der heutigen Generation bis Mitte oder gar Ende Zwanzig.

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«Menschen werden heute später erwachsen als in früheren Generationen», bestätigt der Schweizer Soziologe François Höpflinger, der sich intensiv mit der Generationenforschung beschäftigt. Dies zeige sich beispielsweise an der immer späteren Familiengründung: 1970 lag das Durchschnittsalter verheirateter Frauen in der Schweiz bei der Erstgeburt bei rund 25 Jahren, 2012 bei 31 Jahren.

Immer mehr Nesthocker

Auch der Auszug aus dem Elternhaus verschiebe sich stetig nach hinten, sagt Höpflinger, um zwei bis drei Jahre zwischen 1970 und 2000. «Mehr Menschen machen heute eine tertiäre Ausbildung und die Ausbildungswege haben sich tendenziell verlängert.» So seien heute Viele auch nach der Volljährigkeit finanziell abhängig von den Eltern. Eine eigene Wohnung lasse sich dann nur mit Nebenjobs oder in vermögenden Familien finanzieren. «Zudem nehmen Zwischenjahre mit ausgedehnten Reisen oder Sprachaufenthalten zu», sagt der Soziologe. Diese dienten vornehmlich der Selbstverwirklichung.

Grund für das längere Zusammenleben mit den Eltern seien aber nicht nur wirtschaftlicher Natur, meint Höpflinger. «Das Verhältnis von Eltern und Kindern hat sich verändert.» Heute hätten junge Erwachsene im Elternhaus oft ähnliche Freiheiten wie in einem eigenen Haushalt - und entsprechend weniger Antrieb auszuziehen.

Neue Lebensphase

Neben der späteren Familiengründung, den längeren Ausbildungszeiten und einem veränderten Eltern-Kind-Verhältnis spricht Höpflinger auch von einem jugendorientierten Freizeitverhalten. «Das Besuchen von Parties, die Zugehörigkeit zu einer Szene mitsamt ihren Erkennungsmerkmalen wie Tattoos, Piercings oder entsprechender Kleidung ist schon länger nicht mehr der Jugend vorbehalten.» Für junge Erwachsene bis Ende Dreissig gehöre dieses Verhalten zur Freizeit - gewisse Elemente liessen sich sogar bei über 50-Jährigen finden.

Der Assistenzprofessor für Lebenslauf- und Kompetenzentwicklung im Kindes- und Jugendalter an der Universität Zürich, Peter Titzmann, spricht daher von einer neuen Lebensphase zwischen Jugend und Erwachsensein. Diese «Emerging Adulthood», also die Phase des sich bildendenden Erwachsenseins, sei «eine verlängerte Phase der Identitätsfindung und des Ausprobierens, die Jugendliche früherer Generationen so nicht hatten.»

Verstärkung von Unreife und Machtlosigkeit

Der britische Soziologe Furedi warnt jedoch davor, dass die Wissenschaft mit der Definition eines neuen Lebensabschnitts passives und unreifes Verhalten bei jungen Erwachsenen verstärke und ein Gefühl von Machtlosigkeit fördere. Die Verkindlichung, die Furedi feststellt, führe zu einer Abhängigkeit vom sozialen Umfeld, die sich negativ auf spätere Beziehungen auswirken könne.

Auch der Schweizer Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Basel, Alexander Grob, steht einer Ausweitung des Jugendalters skeptisch gegenüber: «Wenn der Spielraum für das Jugendalter weiter ausgedehnt wird und junge Erwachsene bis Mitte oder Ende Zwanzig wenig Verantwortung übernehmen müssen, fördert man diese Verkindlichung.» Die altersmässige Grenze des Jugendalters bei 18 oder 20 Jahren übe auf die Jugendlichen einen Entwicklungsdruck aus, der sie dazu anhalte, sich den Erwartungen an die Rolle eines Erwachsenen zu stellen. «Diese Entwicklungsaufgaben dürfen junge Menschen nicht erst mit Dreissig in Angriff nehmen», ist Grob überzeugt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Funky am 15.10.2013 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Kind-Sein unerwünscht

    Für mich als Alte steht fest, dass man den Kindern heute via knallhartem Leistungsdruck, Angstmache und Verbote die Kindheit raubt. Sie haben zu wenige Freiheiten um sich zu entwickeln, niemand hat Zeit etwas mit ihnen zu unternehmen, es heisst immer nur Pflichten, Pflichten und nochmals Pflichten, sonst wirst du zum Loser. Statt etwas Tolles zu unternehmen, werden ihnen lediglich noch Theorien und Konsumieren gelehrt. Darum müssen sie später unbewusst etwas nachholen, oder versuchen es zumindest. Später ist jedoch zu spät!

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  • Rach73 am 14.10.2013 23:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrte welt

    Wenn ich die mutter meines neuen - jungen nachbars sehe - wie sie ihm die frischgewaschenen kleider und säche mit esswaren in sein zuhause trägt würde ich ihr am liebsten sagen - was sie ihm da eigentlich antut. Sie putzt, wäscht, kauft ein etc. Wie soll ein man so selbständig werden? Ich kenne einige solcher männer zwischen 30 - 40 jahre welche keine verantwortung mehr übernehmen können oder noch immer bei mami wohnen - da sie von mami noch immer geld, wäsche, essen etc. Erhalten. Sie übernehmen keine verantwortung für die eignen kinder - wollen aber noch von mutti profitieren! Verkehrte wel

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  • Thomas H. am 15.10.2013 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    wen wunderts...

    Ist ja auch kein Wunder. In der Schule werden lieber Ideologien und Konsumverhlaten gelehrt statt Wissen. Alles wird gleich gemacht. Überall wird nur noch gekuschelt und therapiert. Antiauthoritäre Erziehung. Probleme werden schön geredet statt angesprochen. Leistungsdruck aus der Wirtschaft im Kindesalter..... usw... Naja wie soll denn da auch einer Erwachsen werden. Wir sind auf dem besten Weg, eine unmündige Generation heranzuziehen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Adult Kid am 15.10.2013 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    Heute und erwachsen?

    Mhhh, was heisst hier "heute" und "erwachsen"? Ich werde bald vierzig, habe selbstfinanziert studiert, zwei Kinder im Teenie-Alter und fühle mich nicht "erwachsen". Ich habe kein Interesse, "erwachsen" zu werden - das hört sich grässlich und langweilig an.

  • ein Mann am 15.10.2013 12:30 Report Diesen Beitrag melden

    fehlender Anreiz

    Dass junge Menschen später "erwachsen" werden hat auch folgende Gründe: 1. unsichere Berufsaussichten, welche eine Unabhängigkeit vom Elternhaus erschweren und 2., und dies gilt für uns Männer: kein gesellschaftlicher Anreiz (einseitige Rechtslage) eine Beziehung einzugehen, zu heiraten und Kinder zu zeugen, was gemäss Artikel ("spätere Familiengründung") auch ein Hinweis auf Erwachsensein sein soll.

  • Kariny am 15.10.2013 11:29 Report Diesen Beitrag melden

    Danke mama und papa

    Nach der matura haben mich meine eltern auf die strasse gestellt. Da ich musste mich um wohnung, weitere ausbildung und finanzierung kümmern. Es hiess, sie würden mir sonst keinen gefallen tun. Ich war 5 jahre hässig, sprach kein wort mit ihnen bis ich einsah - sie hatten recht. Es war hart, ich fragte NIE um geld aber ich lernte, dass man nichts geschenkt bekommt. Nebn studium hab ich security gemacht.

  • A.L. am 15.10.2013 11:15 Report Diesen Beitrag melden

    frühe Überforderung

    Diese Forderung von Eigenverantwortung nach der Ausbildung resp. Anfang Mitte Zwanzig, kann auch sehr schnell in Überforderung gehen und das kann schlussendlich fatalere Folgen haben als eine "verlängerte Teenagerzeit", z.Bsp. Depressionen

  • manu am 15.10.2013 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    welche rolle der erwachsenen

    das gelernte vergessen, und jeden und alles über das Ohr zu hauen um an möglichst viel Geld zu kommen. Ein völlig unreflektiertes Leben führen, wie die allermeisten. Ich bin ü30, gut ausgebildet etc., aber diese Welt ist nicht die meine. Zum glück habe ich mir die Möglichkeit bald geschaffen um auszusteigen...