Coronavirus

10. März 2020 12:48; Akt: 10.03.2020 12:48 Print

«Junge absichtlich zu infizieren, wäre unethisch»

Ein Ökonom schlägt vor, junge Leute, für die das Coronavirus kaum gefährlich ist, zu «durchseuchen». Für das BAG ist das theoretisch interessant, praktisch aber nicht umsetzbar.

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Für Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim BAG, hat der Schutz der Bevölkerung Priorität vor wirtschaftlichen Interessen. Junge mit dem Virus anzustecken, damit diese immun werden und wieder arbeiten können, hält er für nicht durchsetzbar. Wie können wir den Schaden für die Wirtschaft klein halten? Der Ökonom Reiner Eichenberger sagt zu 20 Minuten: «Das Ziel könnte also eine klug gelenkte Durchseuchung sein.» Denn je mehr Leute das Virus gehabt hätten, desto weniger könne es sich ausbreiten und Alte und Schwache gefährden. Liestal BL, 8. März 2020: In der Schweiz gibt es den zweiten Todesfall infolge einer Infektion mit dem Coronavirus. Ein Mann verstarb im Spital in Liestal an den Folgen der Infektion.Der Kanton Basel-Landschaft informierte am Sonntagnachmittag über die Hintergründe. Es handelt sich um einen 76-jährigen Mann, der bereits an zahlreichen Vorerkrankungen litt. Er hatte Herzprobleme, Diabetes und habe in der jüngeren Vergangenheit einen Herzinfarkt erlitten. Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind verbrachte während der Fasnachtsferien einige Tage in Südtirol. Nachdem nun ganz Italien als Risikogebiet eingestuft wurde, muss sie die kommenden Tage im Homeoffice arbeiten, wie der Kantonale Krisenstab am Freitag, 6. März bekannt gab. Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger bedankte sich am Freitag bei der Bevölkerung für das grosse Verständnis. Er sei beeindruckt, wie die Absage der Fasnacht verdaut worden sei. Stand Freitag gab es in Basel zwölf Corona-Fälle. Das sind vier mehr als noch am Donnerstag. «Wir sind erst am Beginn des Anstiegs der Glockenkurve», so Steffen. Das Virus aufzuhalten, sei China nicht geglückt. Was man nun mache, sei, den Verlauf zu verzögern. Darauf zielten die getroffenen Massnahmen ab. «Auf diese Art versuchen wir, genug Zeit zu haben, um die pflegebedürftigen Patienten zu behandeln.» Steffen betonte, dass sich die Krankheit nicht stoppen lasse. Die Strategie des Kantons ziele darauf ab, die Risikogruppen bestmöglich zu schützen. «Wir empfehlen Pflegeheimen, die Besuchszeiten einzuschränken», so Engelberger. Besucher sollen zudem befragt werden, damit Risiken vermieden werden können. Der Gesundheitsdirektor warnt aber davor, die Besuche von Angehörigen ganz einzustellen, das sei ganz wichtig. «Wir stellen uns auf ein relativ garstiges Szenario ein», sagt Werner Kübler, Direktor des Universitätsspitals Basel. So rechne das Spital damit, in ein paar Wochen mit einer dünneren Personaldecke mehr Fälle behandeln zu müssen, weil man damit rechne, dass es beim Spitalpersonal auch Ansteckungen gebe.

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Der Ökonom und Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger sagte gegenüber 20 Minuten, eine absichtliche Ansteckung junger Schweizer mit dem Coronavirus könnte helfen, die wirtschaftlichen Schäden möglichst gering zu halten: «Das Veranstaltungs- und Reiseverbot verursacht immense Kosten. Wir müssen jetzt überlegen, Junge vorbeugend und gezielt zu durchseuchen.» Diese wären nach zwei Wochen in Quarantäne so gut wie immun gegen das Virus und könnten wieder arbeiten, festen und reisen.

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Auch für den Notarzt und Harvard-Dozenten Jeremy Samuel Faust ist der Schutz junger, gesunder Menschen nicht mehr sinnvoll. Er schreibt auf Slate.com: «Wir müssen unsere Ressourcen zum Schutz älterer und besonders gefährdeter Personen einsetzen.» Ausserdem sei die Sterblichkeitsrate beim Coronavirus wohl deutlich tiefer als bisher angenommen (siehe Box).

«Verbreitung bei Gesunden kann nicht verhindert werden»

Für Mark Witschi, Leiter Sektion Impfempfehlungen und Bekämpfungsmassnahmen beim Bundesamt für Gesundheit, ist Eichbergers Idee «theoretisch spannend». Der Beweis, dass eine einmalige Ansteckung mit dem Coronavirus vor weiteren Ansteckungen schützte, sei zwar noch nicht erbracht. Dass es bei so vielen Ansteckungen noch kaum Doppelansteckungen gegeben habe, deute aber darauf hin, dass eine Ansteckung tatsächlich einen hohen Grad an Immunität verspricht, sagt Witschi.

Der Idee, junge Menschen absichtlich zu infizieren, steht Witschi trotzdem kritisch gegenüber: «In der Realität würde sich die Trennung von durchseuchten und Risikopatienten unmöglich sauber vollziehen lassen.» Witschi denkt etwa an Grosseltern, die ihre Enkelkinder betreuen, oder an den Ausgang am Wochenende: «Die Gesellschaft ist kein Labor, wir können unmöglich kontrollieren, wer wen kontaktiert.» Das Risiko sei schlicht zu gross.

«Prognosen für die Wirtschaft sind schwierig»

Dazu kommt: «Bei jungen Menschen verläuft die Erkrankung am Coronavirus zwar meist harmlos, aber nicht immer.» Möglich wäre laut Witschi, dass jemand aufgrund einer unbekannten Vorerkrankung Risikopatient ist, das aber gar nicht weiss: «Im dümmsten Fall könnte jemand sterben, weil man ihn oder sie absichtlich infiziert hat.» Deshalb wäre es für Witschi unethisch, Menschen absichtlich zu infizieren.

Für Witschi hat der Schutz der Bevölkerung Priorität vor wirtschaftlichen Interessen. «Aber selbstverständlich müssen die Massnahmen umsetzbar und verhältnismässig sein.» Verlässliche Prognosen der wirtschaftlichen Schäden seien schwierig: «In Italien wurden grosse Teile des Landes abgeriegelt und fast zum Stillstand gebracht.» Für Witschi stellt sich die Frage, ob der Wirtschaft mit einem Veranstaltungsverbot zu einem früheren Zeitpunkt nicht mehr gedient gewesen wäre. «So hätte die rasante Verbreitung möglicherweise verlangsamt werden können und die Situation wäre jetzt nicht so drastisch – für die Menschen, aber auch für die Unternehmen.»

Wenig Verständnis für Eichenbergers Idee bringen zwei Experten auf. Beda Stadler ist ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern: «Junge Menschen anzustecken, birgt ein zu grosses Risiko», sagt er. Junge Menschen, die «en masse» angesteckt würden, hätten nicht genügend Disziplin: «Deshalb würde das Virus wohl erst recht gehäuft auf die Alten übergreifen.»

«Die Toten kommen nicht zurück ins Leben»

Anstatt die Jungen nun massenhaft anzustecken, empfiehlt Stadler eine bessere Trennung: «Unsere Gesellschaft kennt den Jugendschutz. Jetzt wäre es an der Zeit, ihn temporär in einen Altenschutz umzuwandeln», sagt der Immunologe. Sprich: «Bis die Seuche vorbei ist, sollten Veranstaltungen entweder für die Alten verboten sein oder es werden nur Betagte zugelassen.» So liesse sich die Ansteckung älterer Menschen laut Stadler bestmöglich verhindern. «Veranstalter hätten dann eine einfache Regel, an die sie sich halten können und die jeder Türsteher nachvollziehen kann.»

Von einer «gefährlichen und unverantwortlichen Idee» spricht auch Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel: «Bald haben wir hoffentlich Therapien oder einen Impfstoff. Jetzt das Handtuch zu werfen, setzt Menschenleben aufs Spiel.» Er findet, jetzt müsse nicht weniger gemacht werden, um die Verbreitung zu verlangsamen, sondern mehr. «Denn egal, wie hoch die wirtschaftlichen Schäden sind, das rechtfertigt nicht, Menschen absichtlich zu infizieren. Die Toten kommen nicht zurück ins Leben. Die Wirtschaft schon.»

(dgr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Barista am 10.03.2020 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Wie kann ein gesunder Menschenverstand

    die Wichtigkeit der Wirtschaft über Menschenleben stellen? Das geht mir einfach nicht in den Kopf. Jeder der so denkt riskiert das Leben von Menschen welche mir nahe stehen. Da ernähre ich mich vorher ein paar Wochen von trockenem Brot und Wasser, bevor ich wirtschaftliche Interessen über Leben stelle.

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  • Xname am 10.03.2020 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eine Lüge

    Auch Juge kann es sehr heftig treffen. Siehe Intensivstationen in Italien. Es hat junge sportliche OHNE Vorerkrankungen in schlechtem Zustand! Ind wer sagt dass man nachher immun ist?! Das Virus kann sich mutieren. Das ist ein schlechter Witz!

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  • Rose am 10.03.2020 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    So ein schwachsinn. So würde man nur die alten Menschen schützen. Aber was ist mit den jungen chronische Kranken? Und was ist wenn einer krank wird aber noch gar nicht weiss das er oder sie eine chronische krankheit hat? Bitte schützt nicht nur alte Menschen, sondern auch chronisch kranke Menschen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Süssekleinemaus am 11.03.2020 18:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So oder so...

    Das Virus wird sich so oder so ausbreiten. Jemand, der angesteckt wurde mit dem Virus, Quarantäne durchmacht, nachher wieder gesund rauskommt, trägt das Virus immer noch mit sich. Nur wird er nicht mehr krank, weil sein Körper Antikörper gebildet hat. Jemanden mit einem schwachen Immunsystem wird bei Kontakt angesteckt.

  • Meitschi vo Bärn am 10.03.2020 21:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerung

    Jeder der nicht spätestens jetzt endlich begreifft, dass die Bevölkerung dem Bund und dwm BAG egal ist soll endlich aufwachen. In diesem Land zählt der Mensch nur um Geld zu verdienen, es abzuliefern und für die Wirtschaft zu Arbeiten bis man umfällt. Ansonsten steht dem Volk nichts mehr zu.

  • Daniel Widmer am 10.03.2020 21:02 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Bla Bla Bla

    ich hatte das Virus auch und habe es überlebt. Eine andere Form von Grippe mehr nicht. 14 Tage zu Hause, kräftig schwitzen, viel trinken und viel Schlaf. Bin 50 Jahre alt und zum Glück nicht vorbelastet mit anderen Krankheiten oder gebrechen. Alles bla bla bla. Es stärben nur Leute mit schlechtem Immunsystem und Vorkrankheiten.

  • Dark Archon am 10.03.2020 20:58 Report Diesen Beitrag melden

    Unsinn

    Ich kann diese Ethik-Diskussionen nicht mehr hören, lesen und/oder sehen. Wir schaffen uns selber ab...und das ist gut so!

  • beobachter am 10.03.2020 20:55 Report Diesen Beitrag melden

    das kann nur von Oekononem kommen...

    einer gierigen, durchtriebenen, gewissenlosen Bevölkerungsgruppe