Mindestlohninitiative

10. März 2014 09:31; Akt: 10.03.2014 14:33 Print

«Junge lassen sich von 4000 Franken blenden»

von Simon Hehli - Hans-Ulrich Bigler kämpft gegen den Mindestlohn. Der Gewerbeverband-Direktor über gerechte Saläre, Coiffeurbesuche im Ausland und Junge, die wegen des Geldes auf die Lehre pfeifen.

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Hans-Ulrich Bigler ist Präsident der Gewerbeverbandes, der die Kampagne gegen die Mindestlohninitiative der Linken führt. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

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Herr Bigler, was ist für Sie ein gerechter Lohn?
Hans-Ulrich Bigler: Das lässt sich nicht konkret beziffern. Es geht darum, dass eine erbrachte Leistung in einer bestimmten Arbeitsfunktion fair entlöhnt wird.

Das tönt jetzt ziemlich abstrakt. Werden wir konkret: Was kann man sich in der Schweiz mit einem Nettolohn von 3000 Franken leisten?
Grosse Sprünge sind sicher nicht möglich. In sehr vielen Fällen sind solche Löhne aber Einstiegslöhne, die rasch steigen, oder Teile eines Haushaltseinkommens, das insgesamt deutlich höher liegt.

Darf es in einem reichen Land wie der Schweiz Löhne geben, die nur knapp zum Leben reichen?
Man muss das in den Gesamtkontext setzen: Vielfach sind es Zweitverdiener, die so wenig verdienen. Nur bei rund zehn Prozent der Löhne unter 4000 Franken pro Monat muss dieser Lohn alleine reichen. Für diese Fälle gibt es Unterstützung in Form von Sozialleistungen.

Ist es nicht ein Armutszeugnis für ein Land, wenn jemand, der Vollzeit arbeitet, noch vom Staat unterstützt werden muss?
Die Frage ist, welche Qualifikation eine Arbeitskraft hat. Deshalb ist es zu begrüssen, dass sich die Leute in der Schweiz gut weiterbilden können – und dementsprechend auch mehr verdienen.

Laut den Gewerkschaften sind besonders Frauen von Tieflöhnen betroffen. Wieso ist das so?
Das hat wohl auch damit zu tun, dass viele Frauen eine Babypause machen – und dann an einem anderen Punkt wieder ins Erwerbsleben einsteigen als ihre männlichen Kollegen, die nicht pausiert haben. Frauen wären besonders stark von der Mindestlohninitiative betroffen, weil sie unter den ersten sein werden, die die Stelle verlieren oder nicht zurück in den Arbeitsmarkt finden.

Der Coiffeurverband geht gegen die Initiative auf die Barrikaden – dabei ist es kein grosser Sprung mehr vom neuen GAV-Lohn von 3800 Franken auf 4000 Franken.
Dieser Gesamtarbeitsvertrag zeigt ja genau, dass es zwischen den Sozialpartnern – also Arbeitgebern und -nehmern – gute Lösungen gibt. Um mit den Lohnanpassungen möglichst wenige Stellen zu vernichten, hat man sich in der Coiffeurbranche darauf geeinigt, die Löhne in Schritten über Jahre verteilt bis 2015 anzupassen. Ein solches Gesamtpaket geht aber über Lohnfragen hinaus, darin werden auch die Arbeitsbedingungen oder die Ausbildung geregelt. Wir brauchen kein Lohndiktat vom Staat, wie das die Initiative will.

Sie warnen vor einem Beizensterben, weil die Restaurants höhere Löhne bezahlen müssten. Laut einem Papier der Gewerkschaft Unia verdienen aber vier Fünftel der Angestellten bereits mehr als 22 Franken pro Stunde. Spielen Sie mit gezinkten Karten?
Sehr viele Löhne, gerade in ländlichen Gebieten und den Bergkantonen, liegen aber darunter – und gerade dort wird die Initiative viele Arbeitsstellen kosten und Betriebe eingehen lassen. Hinzu kommt, dass die Initiative Druck auf das ganze Lohngefüge ausübt. Wenn jemand heute schon 4000 Franken verdient, wird er fragen: Warum verdiene ich nicht auch ein paar Hundert Franken mehr? Das Unternehmen wird die höheren Kosten durch höhere Preise auszugleichen versuchen. Das bekommt der Konsument zu spüren. Und unsere Konkurrenzfähigkeit im internationalen Vergleich leidet.

Können Sie konkreter werden: Wie viele KMU müssten bei einem Ja zur Initiative schliessen?
Das kann man nicht beziffern. Es gibt aber Branchen, die besonders grosse Probleme bekämen – neben dem Gastrobereich und den Coiffeuren auch der Detailhandel, von der Landwirtschaft will ich gar nicht sprechen. Das kann nicht im Sinne der Angestellten sein: Wenn Sie mehr verdienen als es ihrer Produktivität entspricht, droht ihnen die Arbeitslosigkeit.

Steckt hinter dieser Warnung nicht eine Haltung aus dem Industriezeitalter? Niedriglohn-Jobs in Fabriken können zwar in Tieflohnländer ausgelagert oder durch Maschinen ersetzt werden – aber wir brauchen unseren Coiffeur, unsere Putzfrau und unser Servicepersonal in der Nähe.
Das sind alles Dienstleistungen, bei denen der Konsument genau auf den Preis schaut. Treiben wir die Kosten in die Höhe, wird die Verlockung grösser, ins Ausland zum Coiffeur oder zum Shoppen zu fahren. «Grenznah» trifft in der Schweiz auf weite Gebiete zu: Von Zürich aus bin ich in einer halben Stunde in Deutschland.

In der Innerschweiz zieht das Argument nicht – und wegen einem Franken weniger für ein Bier fährt niemand ins Ausland.
Aber auch in der Innerschweiz wird künftig der Druck auf die verbleibenden Mitarbeitenden beispielsweise in einer Reinigungsequipe steigen, weil wegen der höheren Lohnkosten das Team bei gleichbleibender Arbeit verkleinert werden müsste. Auch steigt die Gefahr der Schwarzarbeit – nicht nur bei den Coiffeusen, die ihre Dienstleistungen künftig von daheim aus anbieten und so vielleicht noch Mehrwertsteuern und Sozialabgaben sparen.

Der von Ihnen propagierte Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Mindestlohn ist nicht zwingend: Der US-Bundesstaat Washington hat den landesweit höchsten Mindestlohn und trotzdem ein überdurchschnittliches Wachstum der Beschäftigung.
Hier müssen wir uns vor Augen halten, was die Initiative will: in der Schweiz den weltweit höchsten Mindestlohn einführen. Doppelt so hoch wie in Luxemburg, das in ganz Europa die höchsten Löhne zahlt. Das Problem ist auch, dass die Initiative eine ständige Anpassung an die Teuerung vorsieht, das sind dann schnell mehr als die 22 Franken, von denen die Gewerkschaften sprechen. Wegen dieses Automatismus können die Unternehmen schlechter auf Rezessionen reagieren: Sie haben einen grossen Fixkostenblock. Das trifft besonders auf Branchen zu, die arbeitsintensiv sind. Die Betreiber von Restaurants oder Coiffeursalons haben im Gegensatz zur Industrie kaum eine Möglichkeit, die Arbeit durch den Einsatz von mehr Technik zu rationalisieren.

Haben wir in der Industrie gar kein Tieflohnproblem mehr?
Die Tendenz geht zwar in Richtung Auslagerung, aber es gibt immer noch niedrig qualifizierte Jobs. Ich mache mir Sorgen um die Jungen.

Wieso?
Die Mindestlohninitiative würde dazu führen, dass man auch in Jobs, für die es keine Ausbildung braucht, 4000 Franken verdienen kann. Einige Jugendliche würden sich davon blenden lassen und sich sagen: ‹Wieso soll ich eine Lehre machen, wenn ich doch auch ohne anständig verdienen kann?› Das wäre eine sehr negative Entwicklung, gerade vor dem Hintergrund des akuten Fachkräftemangels.

Haben Sie sich eigentlich heimlich über das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative am 9. Februar gefreut?
Nein, wieso sollte ich?

Das Volks-Ja hat der Linken ein wichtiges Druckmittel geraubt – die Angst vor ausländischen Arbeitskräften und Dumpinglöhnen.
Ich bin überzeugt, dass das Volk die SVP-Initiative wegen der Sorge um die überlastete Infrastruktur angenommen hat, nicht wegen der Konkurrenz durch ausländische Arbeitnehmer.

Aber je mehr Ausländer in die Schweiz drängen, desto stärker geraten die Löhne unter Druck – und umso attraktiver könnten den hiesigen Büezern Mindestlöhne erscheinen.
Gegen das Lohndumping gibt es die flankierenden Massnahmen und diese stehen auch nicht zur Diskussion. Ein Mindestlohn würde das Zuwanderungsproblem nur verschärfen: Ein Job in der Schweiz wird dadurch ja noch attraktiver.

Kann ein Mindestlohn für das Gewerbe nicht sogar ein Glücksfall sein, Stichwort Kaufkraft? Wer mehr Geld in der Tasche hat, gibt auch mehr aus – beim Bäcker, beim Automechaniker oder für einen Wohnungsputz.
Die Mindestlohninitiative treibt vor allem die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Das hat noch nie die Kaufkraft gesteigert. Zudem gäbe es Druck auf das gesamte Lohngefüge. Die Unternehmer würden die Kosten auf die Konsumenten abwälzen und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Es verlieren alle.

Nicht ganz. Die unteren Schichten würden gewinnen: Die höheren Löhne fallen für sie mehr ins Gewicht als die höheren Preise. Es käme zu einer Umverteilung von Mittel- und Oberschicht zu den Wenigverdienenden.
Vielleicht, aber die Frage ist, ob wir das wollen. Wollen wir die Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel setzen und Jobs gefährden? Es gibt bessere Mittel zur Umverteilung – etwa via AHV oder Steuern, von denen die tiefen Einkommen fast ganz befreit sind.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dave A. am 10.03.2014 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Sorry, aber...

    ...man bezahlt für Arbeit, nicht für Zeit die auf der Arbeit zugebracht wird. Wenn jemand Unausgebildetes für Regale auffüllen 4'000sFr kriegt, frage ich mich wie man die vergleichsweise tiefen Löhne für anspruchsvolle intellektuelle Arbeiten oder auch auf dem Bau rechtfertigen kann. Wenn ich mir die erbrachte Leistung, die getragene Verantwortung und den Grad der Ausbildung im Vergleich zu 4'000sFr für ungelernte Regalfüller anschaue, müsste mein Lohn um mindestens ein Drittel angehoben werden, damit zumindest die Illusion von Fairness aufrechterhalten wird.

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  • skelly am 10.03.2014 14:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    harzig

    auch mit guten Qualifikationen und 20 Jahren berufserfahrung bekommt man in der coiffeurbranche nur den Mindestlohn und damit kann man hier nicht leben.

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  • Isabella am 10.03.2014 14:39 Report Diesen Beitrag melden

    Viele Arbeitgeber sind Abzocker

    Viele Arbeitgeber sind totale Abzocker und beschäftigen ihr Personal auf Abruf. Bei den Wohnungsmieten kann man ja auch Abzüge machen, wenn man weniger verdient. Und auch das Brot kostet in diesem Moment weniger. So eine Ungerechtigkeit - wo führt das nur hin?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jean Weiss am 10.03.2014 16:55 Report Diesen Beitrag melden

    Was für ein Anreiz...

    ...wäre das für Bewohner des nahen Auslands? "Leute, geht in die Schweiz, ihr bekommt mindestens 4000 Franken, egal was ihr macht".

  • Moi am 10.03.2014 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Von nichts, kommt nichts....

    Ich musste auch klein anfangen und habe mir Geld für weiterbildungen und anschliessendes Studium selber erspart (Verzicht ist das Zauberwort.... Viele sehen es heute als selbstverständlich in den Urlaub zu fahren! Die neuesten elektrischen Gadgets zu haben etc.). Damit konnte ich mich langsam aber stetig im Beruf hocharbeiten. Es dauert zwar noch ca. 10 Jahre bis ich das, in die Ausbildung investierte Geld amortisiert habe, dafür kann ich mir jetzt ein finanziell sorgenfreies Leben leisten (wenn auch immer noch ohne Luxus). Von nichts, kommt nichts.... Darum Nein zu 4000 CHF Mindestlohn.

  • marcel am 10.03.2014 16:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    realitätsfremd

    völlig realitätsfremd diese Vertreter. Frage zurück "warum braucht dann ein top Manager Millionen?" 3000.- und er spricht von "grossen Sprüngen nicht machen und sei Ausnahme und Doppeleinkommen" die 3000.- sind h Lohn Angestellte fuer Leute die dafür 40h arbeiten ohne Ausblick, dass sich das ändert. lächerlich und asoziales Benehmen.

  • Mark Strahl am 10.03.2014 16:19 Report Diesen Beitrag melden

    Tiefere Löhne drohen

    Neben dem Fakt, dass das eine oder andere KMU sich fragen muss wie es damit umgeht sehe ich mittelfristig sogar eher die Gefahr, dass die Löhne durch die Annahme der Initiative sinken würden! Warum? Weil Unternehmen ja geradezu dazu eingeladen und ermutigt werden sich auf einen "gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn" zu beziehen! Und schon haben wir einfach nur eine Umverteilung von der unteren Einkommen zu den niedrigsten. Toll... Glaubt man den Initianten betrifft es nur wenige und das meist nur gering. Die Initiative riskiert recht viel für einen kleinen Tropfen auf den heissen Stein.

  • Realist am 10.03.2014 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Wer eine winzige Ahnung von Wirtschaft hat, weiss doch dass diese Initiative ein Witz ist. Ungebildete Leute lassen sich nur vom kurzfristigen "Erfolg" blenden - also den 4000.- CHF Mindestlohn - und verschwenden keinen einzigen Gedanken daran, welche mittel-und langfristige Folgen dies für unser Land haben wird. Und bitte, bitte hört mal auf zu jammern, wie die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden! Abgesehen von Erben oder Lottogewinnern, haben die Reichen für ihren Erfolg härter gearbeitet und mehr Opfer gebracht, als es sich ein "Armer" jemals vorstellen könnte.