1500 verschwundene Patronen

07. Oktober 2018 19:23; Akt: 08.10.2018 09:15 Print

«Wenn sie geklaut wurden, dann aus Dummheit»

Auf einem Militärstützpunkt im Tessin sind 1500 Schuss Munition abhandengekommen. Hochrangige Stabsoffiziere zweifeln daran, dass es sich um Diebstahl handelt.

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Die Schweizer Armee vermisst rund 1500 Pistolen- und Sturmgewehrpatronen. Dies machte 20 Minuten am vergangenen Freitag aufgrund eines anonymen Hinweises publik. Der Vorfall betrifft die Zivilschutzanlage in Riazzino TI (Kreis Verzasca), in der sich aktuell Angehörige der Sanitätsschulen 42 aufhalten. Der Verlust beziehungsweise Fehlbestand sei am Dienstagabend anlässlich einer Überprüfung durch die Truppe festgestellt worden, wie Tobias Kühne, Sprecher der Militärjustiz, am Sonntag auf Anfrage sagte.

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«Eher grosser Verlust»

Dass Munition verschwindet, kommt gelegentlich vor. Im November 2016 etwa waren in der Kaserne in Kloten zwischen 300 und 500 Sturmgewehr-Patronen nicht mehr auffindbar. Im Hinblick auf die nun vermissten 1500 Patronen, die sich auf zwei Munitionskisten verteilten, spricht Armeesprecher Daniel Reist von einem «eher grossen Verlust».

Zugleich weist Reist darauf hin, dass die Sicherheitsmassnahmen in den letzten Jahren verschärft worden seien: Insbesondere seit dem Vorfall in Aarau im September 2016, als mehrere Kilogramm Sprengstoff spurlos verschwanden, würden die Munitionsmagazine stärker kontrolliert und überwacht. «Es wurde viel getan», sagt Reist.

Ob die 1500 Patronen in Riazzino verloren oder gestohlen wurden oder ob es sich um einen Buchhaltungsfehler handelt, ist nach wie vor Gegenstand der Ermittlungen. «Wir können derzeit noch nichts ausschliessen», sagt Kühne.

Diebstahl von Patronen lohnt sich nicht

Hochrangige Schweizer Militärs glauben indes nicht an Diebstahl. Allein die Kisten aus dem Munitionsmagazin zu entwenden, sei nahezu unmöglich, sagt ein Oberst mit mehrjähriger Kommandanten-Erfahrung, der nicht namentlich genannt werden will. «Das sind kleine Hochsicherheitskabäuschen. Um da unbehelligt hineinzugelangen, bräuchte man die Schlüssel des Munitionsoffiziers.»

Abgesehen davon lohne sich der Diebstahl von Gewehrpatronen nicht. «Die kann man überall kaufen. Und im Schützenverein gibt es sie sogar noch günstiger», so der Stabsoffizier. «Wenn sie tatsächlich jemand geklaut hat, dann aus purer Dummheit.»

«Als Kadi ist es einem da nicht mehr wohl»

Für den Kadermann ist jedoch realistischer, dass die Munition während einer Schiessübung abhanden gekommen ist. «Vielleicht wars ein Bubenstreich und jemand hat sie im Gebüsch versteckt», sagt er. Auch ein Major, der während seiner Aktivzeit Munitionsverantwortlicher war und ebenfalls anonym bleiben will, vermutet, dass die Kisten irgendwo liegen gelassen wurden – «zum Beispiel auf einem Lastwagen». Auch der Major hält fest: «Ganze Kisten Munition von einem Militärstützpunkt zu schmuggeln, ist praktisch unmöglich – da schauen so viele Augen drauf.»

Laut dem Oberst werden bei den Ermittlungen der Militärjustiz nun sämtliche Armeeangehörigen auf dem Stützpunkt befragt – Kommandant, Zugführer, Munitionsoffizier und -unteroffizier. «Als Kadi trägt man die Hauptverantwortung über den Munitionsverlust», sagt er. «Da ist es einem definitiv nicht mehr wohl.»

(sul)