Ruedi Noser

09. April 2010 07:48; Akt: 09.04.2010 09:34 Print

«Keine Rücksichtnahme der Romands erlebt»

von Lukas Mäder - Die Romandie debattiert heftig übers Schweizerdeutsch. Nationalrat Ruedi Noser zog nach Genf, um Französisch zu lernen. Er hält nichts von der Diskussion.

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Das Schweizerdeutsch gefährde den nationalen Zusammenhalt der Schweiz: Mit dieser Befürchtung hat der Genfer Nationalrat Antonio Hodgers eine grosse Debatte in der Romandie ausgelöst (20 Minuten Online berichtete). Als mögliche Lösung schlägt er vor, dass die Deutschschweizer im öffentlichen Raum nur Hochdeutsch sprechen sollten. Davon hält Ruedi Noser nichts. Der Zürcher Nationalrat lebt mit seiner Familie seit letztem Juli im Kanton Genf, um während eines Jahres Französisch zu lernen. Die sprachliche Verständigung sieht er trotz seines Effort nicht als zentral für den Zusammenhalt des Landes.

Was halten Sie von der Sprachendiskussion, die derzeit in der Romandie läuft?
Diese Debatte läuft in den Zeitungen. Die Leute interessiert das nicht besonders stark. Die Politiker thematisieren diese Frage immer wieder, wenn ihnen sonst nichts einfällt.

Der grüne Nationalrat Antonio Hodgers fordert, dass die Deutschschweizer Hochdeutsch sprechen sollen. Was halten Sie davon?
Überhaupt nichts. In einer globalisierten Welt wird die engere Heimat immer wichtiger. Deshalb erleben wir eine Zunahme des Dialekts in der Deutschschweiz. Das Gefühl des Zuhause-Seins läuft bei uns stark über die Sprache.

Aber für Romands ist es ein Problem, die Dialekte zu verstehen.
Hochdeutsch ist für uns eine Bildungssprache. Wer mit uns Hochdeutsch spricht, kann ebenso gut English mit uns sprechen. Um die Wesensart der Deutschschweizer zu verstehen, muss man Dialekt verstehen.

Wie könnte man dieses Verständnis fördern?
Eine Sprache lernt man über das Herz. Aber in der Deutschschweiz lehren nur Personen Französisch, die es selbst gelernt haben. Das müsste man ändern. Die Französischlehrer sollten aus der Romandie kommen. Sie verfolgen die Ereignisse in der französischsprachigen Region und können den Schülern auch die Kultur mitgeben. Das gilt umgekehrt auch für die Deutschlehrer in der Romandie.

Könnte diese Massnahme den inneren Zusammenhalt fördern, den einige Westschweizer in Gefahr sehen?
Der Zusammenhalt der Schweiz ist nicht in Gefahr. Es war schon immer so, dass sich die Schweiz hauptsächlich durch die Abgrenzung gegen aussen definiert. Wir Deutschschweizer grenzen uns gegen die Deutschen ab, wie es die Westschweizer gegenüber den Franzosen oder die Tessiner gegenüber den Italienern tun.

Sie halten also auch den kulturellen Graben zwischen den Sprachregionen für normal?
Er ist sicher nicht das Hauptproblem. Deutschschweizer kennen nun einmal kaum Westschweizer Autoren. Ebenso sind Deutschschweizer Autoren eher noch in Deutschland als in der französischsprachigen Schweiz bekannt. Viel wichtiger wäre es, dass beispielsweise die Metropolen Genf und Zürich ihre Gemeinsamkeiten erkennen würden.

Was würde das bringen?
Oft sehen sich die Wirtschaftsregionen Arc lémanique und Zürich als Konkurrenz. Dabei sollten sie aufeinander zugehen, sich austauschen und die Probleme gemeinsam angehen.

Pflegen Sie einen solchen Austausch mit ihren Nationalratskollegen im Bundeshaus?
Ich profitiere dabei sicher von meinem Aufenthalt in Genf. Meine Kollegen aus der Romandie interessieren sich dadurch stärker für mich, und umgekehrt. Denn generell haben die Parlamentarier über die Sprachgruppen hinweg sicher eher weniger Kontakt. Das ist schade, aber kaum zu ändern mit dem dichten Programm, das während der Session herrscht. So ist beispielsweise meine Agenda für die Juni-Session bereits voll.

Es gibt also auch einen politischen Graben entlang der Sprachgrenze?
Ich habe gemerkt, dass gewisse Themen unterschiedlich wahrgenommen werden. Das Problem der Sans-Papier beispielsweise interessiert in der Deutschschweiz kaum, während in der Romandie der Wille klein ist, gegen sie vorzugehen. Dafür kennt keine Sau in der Romandie Carl Hirschmann. Ein anderes Beispiel ist der Wirbel um den Verwaltungsratspräsidenten der Post, Claude Béglé. Während ihn die Deutschschweizer Medien stark kritisierten, wurde er in der Romandie verteidigt, weil er Waadtländer ist.

Die Westschweizer Medien sind weniger kritisch?
Ja, sie gehen gnädiger mit politischen Exponenten um. Ich werde von den Deutschschweizer Journalisten kritischer beurteilt als meine Ratskollegen aus der Romandie.

Waren die Westschweizer auch gnädig im Umgang mit Ihnen als Deutschsprachigen?
Nein, eine spezielle Rücksichtnahme habe ich nicht erlebt. Wenn jemand in der Romandie es nicht gewohnt ist, sich mit Fremdsprachigen zu unterhalten, nimmt er kaum Rücksicht. Das ist zum Glück bei den Westschweizer Parlamentariern anders, da sie häufig mit uns Deutschschweizern zu tun haben.

Sie haben seit neun Monaten täglich mit Romands zu tun. Lohnt sich Ihr Sprachaufenthalt?
Ich habe sicher Fortschritte gemacht in der französischen Sprache. Aber der Aufenthalt hat auch meinen politischen Horizont erweitert. Dank der täglichen Lektüre der «Tribune de Genève» habe ich beispielsweise gelernt, dass die Genfer Gemeinden fast keine Kompetenzen haben im Vergleich zu den Zürcher Gemeinden. Davon profitiere ich in politischen Debatten.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pascal D. am 09.04.2010 12:12 Report Diesen Beitrag melden

    quel discussion

    Ich lebe nun seit 5 Jahren in Lausanne und muss sagen: so viele Leute schreiben hier Kommentare ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben. 1. Ja, der Romand hat einen Minderheitskomplex, welcher aber weniger ausgeprägt ist als auch schon. Wisst Ihr liebe D-CH'ler, Ihr gebt den Romands auch genug zu spüren, dass Sie schlechtere Schweizer sind. 2. Genf ist nicht gleich Romandie, BITTE, lasst Genf Genf sein... 3. In unserem Unternehmen werden Deutsch Kurse angeboten, die Nachfrage ist gross, die Leute WOLLEN D lernen 4. Die Stadt Zürich ist die 3. grösste frankophone Gemeinde der CH (50'000)

  • Peter am 09.04.2010 14:59 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz hat 4 Nationalsprache

    Die Fernsehe Reklame kann werde Deutsch, Italienisch, Französisch noch Romanisch in fast jedem Spot kommt ein Englischer Spruch der nicht unverständlich ist, wenn die Werbung als Zukunft gerichtet werden soll dann muss Sie sofort umdenken und auf Chinesisch gesendet werden!! Grösste Welt Bevölkerung! Bei uns können heute die Schulabgänger nicht einmal eine einzige Landessprache einwandfrei Ausdrücken und schreiben.

    einklappen einklappen
  • Noldi Schumacher am 09.04.2010 11:07 Report Diesen Beitrag melden

    Betriebsblinde Experten

    Sehr Grün Herr Antonio Hodgers, ausgereift ist diese Idee keinesfalls. Grüne & Linke, diese Betriebsblinde Experten mit ihren überrissenen Forderungen, meist in einer Akademischen Stellung mit hohem Lohn, leben doch völlig am täglichen Leben vorbei. Zum Glück, wenn ich in den Jura, oder im Welsche verkehre, lerne ich nicht so komische Menschen wie Herr Antonio Hodgers kennen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin Studer am 12.04.2010 00:11 Report Diesen Beitrag melden

    Schleierhaft

    Mir ist Schleierhaft wie jemand mit Bildung und Kultur so etwas Stupides von sich geben kann. Habt ihr Politiker so wenig zu tun? Und wie entgegenkommend ist dass wenn ich in die Romandie fahre, mir dort noch Mühe gebe und mein mikriges Schulfranzösich auspacke, weil ich ja in der Romandie bin und gerade deswegen verarscht und Beleidigt werde, wie Entgegenkommend ist dass?? Soweit kommts noch, mir meine Sprache verbieten zu wollen, ich finde dass überaus Anmassend von ihnen Herr Hodgers.

  • Heliamphora am 11.04.2010 08:49 Report Diesen Beitrag melden

    Sprachenvielfalt

    Das schöne an den Sprachen sind ihre vielfältigkeiten. Das hat mir ein Proffessor der französischen Linguistik and der Uni Basel bei einer Prüfung gesagt. Leider haben wir neben Rassen- und Religionswahn in der Schweiz auch einen äusserst ausgeprägten "sprachlichen Rassismus".

  • heizim am 11.04.2010 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Sprachenwirrwar und Zwang

    Mich hat man gezwungen französisch zu lernen, wobei mich das absolut nicht zu interessieren vermochte. Durch schlechte Noten in diesem Fach (versteht sich ja bei einem Sprachtrottel) durfte ich auch kein Englisch lernen, was mir jetzt in technischer Hinsicht ausserordentlich zu gute kaeme. Na das danke ich noch heute unserer Borniertheit der Gesellschaftspolitiker, die andere zwingen wollen das zu lernen was sie meinen sei gut fuer die CH.

  • Giovanni Bernasconi am 11.04.2010 07:57 Report Diesen Beitrag melden

    Deutsch? Franzoesich?

    Als Tessiner kann ich nur Kopf schuetteln vor so einer idiotischen Diskussion!

  • Claude Chevroulet am 11.04.2010 05:54 Report Diesen Beitrag melden

    Kompromiss

    Die Kommentare, die fuer die Einfuehrung von Englisch als offizielle Verstaendigungssprache plaedieren, sind auf dem richtigen Weg. Nur so werden alle gleichbehandelt und nur so werden die Schweizer endlich international kommunikationstauglich, ohne belaechelt zu werden. Die Welt rueckt nach wie vor naher zusammen und Englisch ist nun mal die wichtigste Sprache. Gerade eine offene und exportorientierte Schweiz kann sich dem nicht mehr laenger verschliessen. Dialekt, oder eine Sprache, die Kulturzugehoerigkeit anzeigt, ist eben Kultursache und Kultur sollte zu Hause praktiziert werden.