Wahlumfrage

30. September 2019 09:58; Akt: 01.10.2019 11:14 Print

Mehrheit für Samenspende für lesbische Paare

Die Mehrheit der Bevölkerung befürwortet die Samenspende für lesbische Paare. Mache die Politik nicht vorwärts, brauche es eine Initiative, sagen Aktivisten.

Im Video erzählt Manuela von den Erfahrungen, die sie und ihre Partnerin mit der Samenspende machten. (Video: T. El Sayed)
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Wünscht sich ein lesbisches Paar ein Kind, muss es dafür Fruchtbarkeitskliniken im Ausland aufsuchen, denn der Zugang zur Samenspende ist ihm hierzulande verwehrt. Dieser Weg ist laut Betroffenen mit grossem Leidensdruck verbunden. So sagte etwa Manuela (40), die mit ihrer Partnerin ein Kind erwartet, jüngst zu 20 Minuten: «Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich, was Diskriminierung bedeutet.» Geht es nach der GLP, den Grünen, der SP und der FDP, soll sich das im Rahmen der Gesetzesvorlage «Ehe für alle» deshalb ändern.

Umfrage
Sollten lesbische Paare Samenspenden erhalten dürfen?

Die neue Tamedia-Wahlumfrage zeigt: Auch eine Mehrheit der Bevölkerung will es lesbischen Paaren ermöglichen, Samenspenden zu empfangen. Insgesamt 52 Prozent würden das eindeutig oder eher befürworten. 44 Prozent sind klar oder tendenziell dagegen. Eine Minderheit von vier Prozent ist unentschlossen. Die SVP stellt sich als einzige Partei definitiv gegen die Samenspende für lesbische Paare. Die Wahlumfrage zeigt: Selbst unter ihren Anhängern finden sich 32 Prozent, die diese gänzlich oder eher befürworten.

Verein Regenbogenfamilie ist zuversichtlich

Anders sieht es die Rechtskommission des Nationalrates. Diese hat den Zugang zur Samenspende für lesbische Paare im Rahmen der «Ehe für alle» zur Diskussion gestellt – und vorerst auf Eis gelegt. Die Begründung des knappen Entscheids: Die Vorlage wäre sonst nicht mehrheitsfähig im Parlament.

Maria von Känel, Geschäftsleiterin vom Verein Regenbogenfamilien, lässt dieses Argument nicht gelten: «Wir gehen davon aus, dass die Rechtskommission konservativer ist als der Nationalrat und sind deshalb zuversichtlich, dass dieser trotzdem grünes Licht geben wird für den Zugang zur Samenspende für lesbische Paare.» Auch GLP-Nationalrat Beat Flach ist nicht einverstanden mit dem Beschluss der Rechtskommission und will diesen mit einem Minderheitsantrag korrigieren.

«Das Volk ist viel weiter als die Politik»

Stelle sich der Nationalrat entgegen ihrer Erwartungen gegen den Zugang zur Samenspende für lesbische Paare, sei die Lancierung einer Volksinitiative durch LGBTQI-, Frauen- und Familien-Organisationen nicht auszuschliessen, sagt von Känel. «Denn das würde bedeuten, dass vielen lesbischen Paaren Kinderwunsch sowie Familienplanung hier für weitere Jahre verwehrt werden. Das wiederum birgt Risiken – sei es durch die Behandlung in ausländischen Kliniken oder für die Kinder.» Wäre die Samenspende hier zugänglich, würde sogleich die Elternschaft ab Geburt gelten. Das heisst: Die nicht leibliche Mutter des Kindes wird sofort als Elternteil anerkannt. Die Samenspende im Ausland bedingt hingegen eine Adoption. Und dieser lange Prozess sei nicht einfach für die Einheit und Identität einer Familie.

«Es geht um Kinderrechte. Mit der heutigen Regelung etwa ist das Kind schlecht abgesichert, falls dem leiblichen Elternteil vor Abschluss des Adoptionsverfahrens etwas zustösst.» Von Känel hat keine Zweifel, dass eine mögliche Initiative vor dem Volk Erfolg haben würde. «Die Politik hinkt hinten nach. Ein grosser Teil der Gesellschaft stellt das Recht auf Samenspende für lesbische Paare nicht einmal in Frage. Ihnen scheint klar, dass echte Gleichstellung nur dann erreicht werden kann, wenn Homosexuelle auch hier dieselben Rechte haben.»

Anonyme Samenspende als Identitätsproblem

Das sieht CVP-Frau und Ständeratskandidatin Marianne Binder ähnlich: «Ich mache die Ermöglichung des Kinderwunsches nicht an der sexuellen Orientierung fest.» Sie sei deshalb für die Gleichberechtigung aller Paare. «Ich finde einfach, dass bei dieser Diskussion eine andere Frage zu kurz kommt, nämlich die grundsätzliche, wie ein Kind damit umgeht, wenn es um seine Herkunft geht.» Und diese Frage stelle sich schliesslich bei Kindern aller Paare. «Wenn man sieht, wie oft adoptierte Kinder sich später auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern machen, dann erkennt man doch auch ihren grossen Wunsch, die eigene Identität zu kennen», sagt Binder. Darüber müsse auch gesprochen werden.

Lesbischen Paaren den Zugang zur Samenspende verwehren, will grossmehrheitlich einzig die SVP. Andrea Geissbühler (SVP), Mitglied der Rechtskommission des Nationalrates, sagte zu 20 Minuten kürzlich: «Ein Kind hat ein natürliches Recht auf einen Vater und eine Mutter.» Die Verfassung sehe die Samenspende nur für Paare vor, die von Unfruchtbarkeit betroffen seien. Das treffe auf homosexuelle Paare in der Regel nicht zu. Weiter liess die SVP verlauten, ein Zugang zur Samenspende für lesbische Paare sei eine massive Diskriminierung gegenüber homosexuellen Männern.

(jk)