Widerstand

22. März 2019 20:47; Akt: 22.03.2019 20:47 Print

«Künstlicher E-Auto-Lärm grenzt an Perversion»

Elektroautos müssen lauter werden – aus Sicherheitsgründen. Verkehrspolitiker finden das paradox und intervenieren.

So können Elektro-Autos künftig bis 20 km/h tönen.
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Für Fussgänger können E-Autos gefährlich sein: Weil man die leisen Flitzer kaum hört, ist das Unfallrisiko hoch. Darum müssen Elektro- und Hybridautos jetzt lauter werden. Dank künstlichen Fahrgeräuschen (wie diese tönen können, hören Sie im Video), sollen Fussgänger und Velofahrer die leisen Autos besser wahrnehmen. Für diese Warngeräusche, die neu beim Rückwärtsfahren und bis 20 km/h vorwärts ertönen müssen, gibt es genaue Vorgaben (siehe Box). Bereits ab 1. Juli ist für alle neuen Elektro- und Hybrid-Modelle das sogenannte Acoustic Vehicle Alerting System (Avas) Pflicht. Die europaweite Neuerung gilt auch für die Schweiz.

Für CVP-Ständerat Konrad Graber ist sie absurd: «Dass E-Autos künstlich Lärm erzeugen müssen, geht mir gegen den Strich. Ihr grosser Vorteil wird so zunichte gemacht.» Gerade in Wohnquartieren werde oft viel Geld für Lärmschutzmassnahmen ausgegeben. Und Tausende Menschen litten unter schädlichem Strassenlärm. «Es grenzt an Perversion, gerade an diesen Orten und diesen Leuten jetzt auch noch künstlichen Lärm zuzumuten», sagt Graber. Der Verkehrspolitiker hat darum Mitte März eine Interpellation eingereicht. Er will vom Bundesrat wissen, ob diese «Lärmpflicht» für E-Autos nicht paradox sei und ob es tatsächlich mehr Unfälle zwischen Fussgängern und E-Autos gebe.

Mehr Unfälle mit E-Fahrzeugen

Laut der US-Verkehrsbehörde NHTSA sind E-Fahrzeuge zu 37 Prozent häufiger in Unfälle mit Fussgängern verwickelt als herkömmliche Autos. In der Schweiz gibt es laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) aber noch keine detaillierten Zahlen. Die Unfälle mit Elektro- und Hybridautos stiegen zwar in den letzten Jahren – aber parallel zu deren Verkäufen. «Dass von geräuscharmen Autos ein höheres Unfallrisiko ausgeht, ist zwar naheliegend, aber nicht bewiesen», sagt BfU-Sprecher Marc Kipfer. 2017 waren 321 Elektro- und Hybridautos in Unfälle verwickelt. «Ob dabei das fehlende Geräusch ein Grund für den Unfall war, ist indes nicht bekannt», erklärt Kipfer.

Deshalb fragt sich Graber: «Führt man jetzt einfach etwas ein, was es gar nicht braucht?» Er fährt selbst ein E-Auto und fordert ein Umdenken: «Gegenseitiger Respekt ist die Lösung. Fussgänger müssen lernen, dass es lautlose Fahrzeuge gibt. Deren Lenker müssen so verantwortlich fahren, dass sie niemanden gefährden.» Unterstützung erhält er von ACS-Präsident und SVP-Nationalrat Thomas Hurter. Er sei nicht begeistert von der Neuerung. Schliesslich betreffe Verkehrssicherheit Autofahrer wie Fussgänger – beide müssten sensibilisiert werden. «Es kann nicht sein, dass die Leute immer mehr am Handy sind oder Kopfhörer im Ohr haben und einfach über die Strasse gehen. Wir müssen unser Verhalten ändern.»

Blindenverbände erleichtert

Dass E-Autos umgerüstet werden, ist auch ein Erfolg für die europäischen Blindenverbände. Sie hatten laut Spiegel.de entsprechend Druck auf die Politik ausgeübt. Auch für den Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) ist die Neuerung eine grosse Erleichterung. «Für uns ist die Einführung dieses Systems lebenswichtig», sagt Joel Favre vom SVB gegenüber der «NZZ am Sonntag». Laut ihm verursachen geräuschlose Autos überdurchschnittlich viele Unfälle. «Sie sind ein Sicherheitsrisiko – nicht nur für Sehbehinderte, auch für Kinder und ältere Menschen», sagt Favre.

Für den SBV geht die Neuerung gar noch zu wenig weit. Zusätzlich zu den EU-Vorschriften sollten die E-Autos auch Fahrgeräusche von sich geben, wenn sie beispielsweise an einer Kreuzung stehen. Eine Verschärfung oder Abschwächung der «Lärmpflicht für E-Autos» wäre laut dem Bundesamt für Strassen (Astra) für die Schweiz aber äusserst schwierig. «Solch technische Ausrüstungen an Fahrzeugen werden aufgrund von bilateralen Abkommen mit der EU übernommen», sagt Astra-Sprecher Guido Bielmann.

Elektroautos müssen bald Lärm machen

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • marco am 22.03.2019 20:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fussgängervortritt aufheben

    Dann schaft doch endlich wieder den Fussgänger vortritt ab, so wie es früher war. Da hat man noch auf den verkehr geachtet und ist nicht einfach auf die strasse hinaus gelaufen mit Kopfhörern drin.

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  • Domi82 am 22.03.2019 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bikes und E-Bikes...

    dann entsprechend auch. Nicht dass ich es gut finden würde dass es überhaupt sein muss, aber wenn, dann konsequent.

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  • Jörg am 22.03.2019 20:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Völlig daneben

    Ich habe mich seit Jahrzehnten auf einen geräuscharmen Individualverkehr gefreut und nun das: Es ist wirklich schlicht pervers!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • harryN am 23.03.2019 21:09 Report Diesen Beitrag melden

    leise erwischt man nicht ?

    Frisiert ein Junge sein Fahrad mit Hilfsmotor genannt Töffli dann kommt er an die Kasse. Elektrovelo mit Motor mit 70kmh innerorts rechts überholen ist dann ok??? komische gesetze.

  • Martin Berchtold am 23.03.2019 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Paradox

    E-Autos die ein Verbrennungsmotoren Geräusch machen müssen, damit die Fussgänger, welche auf's Handy blickend, Musik hörend, ohne Links oder Rechts zu sehen, die Fussgängerstreifen stürmen können.

  • Andy am 23.03.2019 20:52 Report Diesen Beitrag melden

    was als nächstes?

    der nächste Schritt wären dann stehende Abfallkübel beschallen damit keiner reinfällt

  • Felixi am 23.03.2019 20:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    bringt nichts

    Was soll das bringen? Die meisten haben Kopfhörer in den Ohren. Da hören sie eh nichts.

  • Leichtes Augenzwinkern am 23.03.2019 20:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Roooaaaaar

    Könnte man die E-Autos nicht blöcken, muhen oder mähen lassen? So etwas mehr in Richtung Bio halt.