Margrit Kessler

08. August 2014 23:00; Akt: 10.08.2014 20:11 Print

«Lohnen sich teure Medis bei Todkranken?»

von J. Büchi - Wer soll ein Medikament erhalten, wer nicht? Geht es nach Patientenschützerin Margrit Kessler, ist in dieser Frage ein radikaler Richtungswechsel nötig.

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Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation und GLP-Nationalrätin, fordert ein Umdenken im Gesundheitswesen. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

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Frau Kessler, was sagen Sie als Patientenschützerin dazu, dass das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi aufgrund seines hohen Preises nur gewissen Patienten vergütet wird (siehe Box)?
Ich finde es bedenklich, dass Pharmafirmen immer gieriger werden und sich schamlos am Leid von Kranken bereichern. Das fragliche Hepatitis-Medikament kostet über 19‘000 Franken pro Packung – das ist jenseits von Gut und Böse. Allerdings kann die Schweizer Politik nur beschränkt Einfluss auf diese Preise nehmen. Deshalb müssen wir uns zwangsläufig die Frage stellen, welche Patienten das Medikament erhalten und welche nicht.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat entschieden, dass nur Patienten, die bereits Leberschäden aufweisen, Anspruch auf das Medikament haben. Ist das in Ihrem Sinn?
Nein, es sollten die Patienten das Medikament erhalten, die die besten Aussichten auf Heilung haben. Ich würde zudem dafür plädieren, dass man die Tabletten denjenigen Personen bezahlt, die ihre Krankheit nicht selbst verschuldet haben, sondern beispielsweise durch ein kontaminiertes Blutprodukt an Hepatitis C erkrankt sind.

Können Sie diesen Gedanken etwas ausführen?
Im Fall von Hepatitis C hat über die Hälfte der Erkrankten eine Drogenvergangenheit. Meist erfolgt die Ansteckung über Spritzen, die mehrfach verwendet werden. In solchen Fällen sind die Betroffenen selber für ihr Schicksal verantwortlich. Das BAG und die Politik müssen sich fragen, ob sie die vielen Milliarden in die Therapie von ehemaligen und immer noch Drogensüchtigen investieren wollen.

Die meisten Krankheiten, für deren Behandlung ebenfalls teure Medikamente nötig sind, sind aber nicht selbstverschuldet.
Ich bin der Meinung, wir müssen im Gesundheitsbereich allgemein über einen Paradigmenwechsel nachdenken: Lohnt es sich, eine Krebserkrankung im Endstadium für Zehntausende von Franken zu behandeln, wenn der Tod der Betroffenen nur um einige Wochen herausgezögert wird?

Diese Fragen sind ethisch höchst umstritten. Wer soll das entscheiden?
Der Bund, die Politik und Fachleute müssen zusammensitzen und Leitlinien zu diesen Fragen ausarbeiten. Der Anstoss müsste meiner Meinung nach von den Fachgesellschaften und vom BAG kommen. Das Problem ist jedoch, dass dort keine Ärzte mehr arbeiten, die solche Fragen aus medizinischer und ethischer Sicht beurteilen könnten. Seit der Ära Couchepin sitzen im BAG nur noch Juristen, die bürokratische Entscheide fällen. Das ist aus meiner Sicht falsch.

Praktizierende Ärzte sprechen sich in den Medien aber teils dezidiert dagegen aus, Kranken Medikamente vorzuenthalten.
Die Ärzte machen es sich einfach, sie bieten den Patienten die maximale Therapie an und lassen ihnen die Hoffnung, dass es doch noch ein Medikament gibt, welches ihre Krebskrankheit lindern oder heilen könnte. Es ist ein viel bequemerer Weg, als die Patienten darüber aufzuklären, dass ihre Krankheit zum Tode führt. Viele Patienten würden sich gegen eine Therapie entscheiden, wenn sie gut informiert wären. Den Ärzten kann es gleich sein, was Medikamente und Pflege kosten. Die Politik hingegen muss eine Kostenanalyse machen.

In der Politik wird sich aber wohl kaum jemand die Finger an diesem heissen Eisen verbrennen wollen. Wer will seinem Wähler schon beibringen, dass seine krebskranke Mutter aus Kostengründen nicht behandelt wird?
Natürlich sind dies keine angenehmen Fragen. Aber wir müssen die Diskussion jetzt führen. Es gibt teure und weniger teure Therapien: Jeder erhält eine Therapie, aber die Kosten laufen mit diesen Medikamentenpreisen aus dem Ruder. Das Stimmvolk soll das letzte Wort haben. Wenn es sich dafür ausspricht, sämtliche Patienten mit allen verfügbaren Mitteln zu behandeln, dann ist das so. Dann dürfen sich die Bürgerinnen und Bürger aber auch nicht beschweren, wenn die Prämien jährlich um 20 Prozent ansteigen.

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Lieber Urs Der Wert defininiert sich durch die Bereitschaft einen Preis (Gegenwert) zu bezahlen. Dieser ist individuell. D.h. es muss einen Konsenz/Kompromiss getroffen werden. Da ich keine Zahlen kenne, hier einige Vorschläge (allgemein gehalten) Dies könnte z.B. sein, dass 10 fache der Durchschnittskosten. Eine weitere Möglichkeit wäre eine Obergrenze zu setzen. Oder einen Schlüssel mit der zu erwarteten Lebenserwartung ("Kosten-Nutzen") – Ethiker

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Blue Wave am 08.08.2014 23:06 Report Diesen Beitrag melden

    Musste für meine Mutter kämpfen

    Vor zehn Jahren wurde bei ihr überraschenderweise ein Tumor in der Bauchhöhle entdeckt. Der Arzt begann sofort zu behandeln, aber die Kasse meinte, sie wäre mit 56 Jahren zu alt für ein so teures Medikament. Sie würden 3 Behandlungen bezahlen, aber nicht mehr. Ich flippte völlig aus und machte ein Riesentheater (ungewöhnlich für mich). Sie bewilligten 4, und genau diese 4. schlug an. Sie lebt bis heute beschwerdefrei. Aber wir mussten für die EINE Behandlung kämpfen. Daneben!

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  • friday am 08.08.2014 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Ich habe HepatitisC und keine Ahnung woh

    Woher ich das habe weiss ich nicht, dass das Medikament zu teuer ist mir auch klar! Seit 50 Jahren bezahle ich meine Krankenkasse und jetzt soll mein Leben keine 19000 mehr Wert sein????

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  • mia lindner am 08.08.2014 23:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    na?

    aber wäre sie krank würde sie bestimmt behandelt werden wollen! frechheit!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mk am 10.08.2014 00:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das System macht krank..

    Das System ist krank.. Wie kann man nun Gott spielen und über Leben und Tod entsheiden bemessen am Geld! Ich weiss nicht wie lange Patienten diese Medikamente nehmen, die 19'000 im Monat kosten. Aber wie es aussieht, ist ein Menschenleben doch nur ein paar 100tausende Franken Wert! Willkommen in der geldgeilen Welt.. Allen wurde eine Gehirnwäsche verpasst.. Die Menschen welche so denken wie Sie, würd ich wollen das diese jedem erkrankten/todesnahen Menschen dies persönlich ins Gesicht sagen, dass diese keine tausende Frankem Wert sind!! Würden Sie das über s'Herz bringen?

  • patrick star am 10.08.2014 00:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ich finde

    man sollte bedenken, dass die hohen Preise von der Entwicklung kommen und somit ein Patient mehr oder weniger eigentlich nichts bringt und es nicht auf die Menfe gross ankommt! Hier sollte das etwas mehr in den Händen von Staat/Krankenkassen sein...

  • Roger am 09.08.2014 23:50 Report Diesen Beitrag melden

    Der wahre Wert einer Gesellschaft..

    ..zeigt sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht. Mit den Kranken, den Armen, den Alten. Reiche und Superreiche die sich die bestmögliche Behandlung leisten können, gibt es in jeder x-beliebigen Bananenrepublik auch, das ist nichts Besonderes. Echte Empathie, und wieder mehr Solidarität mit denen, die nicht so sehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen, das wünsche ich mir für unsere Zukunft. Im Interesse von uns allen. Wer mehr "survival of the fittest" haben will, soll mal auf Besichtigungstour in die Slums nach Burkina Faso, El Salvador und co. gehen.

  • Heinrich Meier am 09.08.2014 23:29 Report Diesen Beitrag melden

    Patientenorganisation?

    Einerseits erklärt man uns, dass die Forschungskosten die hohen Preise dieser "high end" Medis rechtfertigen. Andrerseits will man diese Preise auch nicht mehr unbeschränkt bezahlen. Entweder ist das mit den Forschungskosten als Preisfaktor falsch, oder aber diese Sparmassnahme wird direkt auch die Forschung negativ beeinflussen. Dies wiederum wird sich natürlich in der Qualität der Medis niederschlagen, was eigentlich nicht im Interesse der Patienten ist.

  • Doni am 09.08.2014 23:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nocht mehr normal

    Krasse welt.