Leistungsdruck

09. Mai 2017 18:08; Akt: 09.05.2017 18:08 Print

«Mädchen weinen, wenn sie eine 4,5 bekommen»

von Nikolai Thelitz - Schüler setzen sich in der Schule oft selbst unter Druck – vor allem junge Frauen. Auch Lehrervertreter erleben das so.

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Die Jungendumfrage von 20 Minuten zeigt: Über 80 Prozent der Schweizer Schüler wollen gute Noten schreiben. «Ich erlebe es durchaus so», sagt Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbandes.

Umfrage
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27 %
43 %
6 %
14 %
10 %
Insgesamt 3646 Teilnehmer

Man bespreche einmal im Jahr mit den Schülern, was ihre Ziele seien. «Mit Abstand am meisten genannt wird: gute Noten zu bekommen. Die Schüler wollen sich gerade in der Oberstufe ihre Chancen auf eine gute Lehrstelle oder ein Studium nicht verbauen.» Sie wollen wohl nicht gerade Klassenbeste werden, hätten aber durchaus hohe Ansprüche an sich selbst.

«Castingshows und Rankings fördern den Wettbewerb»

Dadurch entstehe aber ein hoher Leistungsdruck. «Die Schüler und Schülerinnen wollen zwar gute Leistungen erbringen, scheitern dann aber an den Prüfungen. Das führt zu Frust, weil sie ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.» Die Ziele würden mit der Realität kollidieren, da nun mal nicht jeder ein exzellenter Schüler sein könne. «In der Folge bauen sich viele selbst einen Druck auf, bei der nächsten Prüfung besser zu sein.»

Beat Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, findet: «Die heutige Jugend ist deutlich leistungsorientierter als beispielsweise die Flower-Power-Generation der 70er-Jahre. Castingshows und Rankings sind in allen Bereichen omnipräsent und fördern die Leistungsorientierung und den Wettbewerb.» Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen an die schulische Ausbildung würden laufend steigen. «Das geht natürlich nicht spurlos an den Schülerinnen und Schülern vorbei.»

«Jungs überschätzen sich, Mädchen sind ehrlicher mit sich selber»

Besonders Mädchen nehmen sich laut Lätzsch schlechte Noten sehr zu Herzen. «Ich habe es schon des Öfteren erlebt, dass Mädchen in Tränen ausgebrochen sind, wenn sie eine 4,5 geschrieben haben. Obwohl sie eine genügende bis gute Leistung erbracht haben, sind sie nicht zufrieden und zeigen das auch.»

Jungs hätten vielleicht ähnlich hohe Ansprüche, bei einer nicht ganz so guten Note würden sie aber gelassener reagieren. «Ich nehme an, sie wollen vor ihren Gspänli cool wirken.» Zemp ergänzt: «Jungs überschätzen sich eher in solchen Umfragen, während Mädchen realistischere und ehrlichere Antworten geben.»

«Das zeigt, dass wir keine Kuschelpädagogik betreiben»

Lätzsch kennt auch genug Fälle von Schülern, die keine Zeit für Freunde hätten. Gerade die schwächeren Schüler würden oft so lange an ihren Hausaufgaben arbeiten, dass keine Zeit für Hobbys oder Freizeit bleibe. «Wir stellen massive Unterschiede fest: Was einige Schüler in zehn Minuten erledigen, dauert bei anderen eine Stunde.» Wenn sie feststelle, dass sich ein Schüler übernehme, suche sie mit ihm und den Eltern das Gespräch und versuche klarzumachen: «Die Schule ist zwar wichtig, Hobbys und ein soziales Umfeld aber genauso.»

Für Zemp zeigen die Zahlen auch, dass der Vorwurf nicht stimme, an Schweizer Schulen werde nur Kuschelpädagogik betrieben. «Der Leistungsdruck ist gross, aber 82 Prozent leiden nicht darunter und schaffen die schulischen hohen Anforderungen. Das ist sehr erfreulich.» Zudem hätten über 90 Prozent aller 25-Jährigen einen Abschluss auf der Sekundarstufe II (Matura, Lehre oder berufliche Grundbildung). «Das ist ein Spitzenresultat, um das uns andere Länder beneiden!»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Echelon97 am 09.05.2017 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Willkommen...

    ... in der Leistungsgesellschaft, in der man als Mensch keinen Wert mehr hat und nurnoch auf seine Leistung reduziert wird... musste mir schon oft genug von Vorgesetzten anhören: Jeder ist ersetzbar... wundern mich da die vielen Burnouts?

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  • Swagetti Chabonara am 09.05.2017 06:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noten erfassen nur einen Teil

    Unser System verlangt Noten. So kann man Menschen schon im Kindesalter in die "richtige" Schublade einordnen. Versuche den Menschen auch noch über seine Persönlichkeit zu beurteilen sind eher hilflos. Noten spiegeln nie die möglichen Leistungen in einem Fach wieder. Aber echte Leistungsnachweise sind aufwendig und Noten schnell verteilt.

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  • jane77 am 09.05.2017 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    elternhaus

    eigendlich bin ich als mutter froh einen sohn zu haben der die schule ernst nimmt. aber auch bei einer missglückten prüfung geht die welt nicht unter. ich erlebe eher das die eltern den druck machen und von ihren kindern mehr erwarten als sie zu leisten vermögen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Beobachter 73 am 09.05.2017 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Noten alleine

    nützen nichts, wenn der Wille nicht da ist etwas zu erreichen.

  • tinu76 am 09.05.2017 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Magische Grenze

    Ich habe jeweils gegen Ende des Semesters ausgerechnet was für miese Noten ich mir noch erlauben kann, dass es gerade so reicht um nicht "auf Probe" zu kommem. Magische Marke war, soweit ich mich zurück erinnern kann, 37,5 Punkte. War das ein Krimi, aber es hat jedesmal gereicht ! Gottfried-Keller Schulhaus Basel, in den frühen 90ern

  • Apop85 am 09.05.2017 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern...

    die Mädchen die ich kenne und wegen einem "schlechten" Prüfungsresultat angefangen haben zu weinen haben dies meistens getan weil sie dieses ihren Eltern zeigen mussten, oder spätestens nach dem sie das Resultat per Telefon nach hause übermittelt haben weinten sie aufgrund deren Reaktionen...

  • VirginiaWoolf am 09.05.2017 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fleiss=Gutes Lebensstandard!

    Für einen guten Lebensstandard braucht es Fleiss und Disziplin! Mit viel Freizeit lasse sich die Rechnungen auch nicht bezahlen.

  • belabellll am 09.05.2017 19:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schule

    Überall wird vermittelt bzw. das Gefühl gegeben, dass man nur etwas erreicht, wenn man einen Hochschulabschluss hat. Natürlich streben die Jungen danach. Leider wird in Vergessen geraten, dass wir auch Mechaniker, Chauffeure, Verkäufer, etc. brauchen. Zudem kommen die Eltern, die ihre Kinder in "angesehenen" Positionen sehen möchten und das Kind vielleicht auch überfordern. Ziemlich traurige Entwicklung...