Leuthard-Nachfolge

27. September 2018 17:26; Akt: 27.09.2018 17:41 Print

Hat die CVP jetzt ein Frauenproblem?

von B. Zanni - Der Politologe Louis Perron sieht im Abgang der erfolgreichen CVP-Bundesrätin Leuthard auch eine Chance. Er rechne mit einem Impuls für die CVP.

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Wie sieht die Zukunft von Gerhard Pfisters CVP ohne Doris Leuthard aus? Die Popularität eines Bundesrats lasse sich nicht automatisch in den Erfolg einer Partei ummünzen, so der Politologe Louis Perron. «Aber die anstehenden Ersatzwahlen im Bundesrat für Doris Leuthard könnten der CVP einen Impuls geben.» An einer Medienkonferenz spricht Doris Leuthard über ihren Rücktritt. (27. September 2018) Es war eine sehr emotionale Medienkonferenz. Immer wieder ist Leuthard den Tränen nahe. Bundesrätin Doris Leuthard tritt per Ende Jahr zurück. Das sagte Nationalratspräsident Dominique de Buman (CVP) am Donnerstag im Rat. Sie ist mit 12 Amtsjahren die dienstälteste Bundesrätin. 2006 wurde sie in den Bundesrat gewählt. Der Bundesrat steht vor einer Doppelvakanz. Am 25. September gab bereits Johann Schneider-Ammann seinen Rücktritt bekannt. Leuthard gewann in ihrer Amtszeit 16 von 18 Volksabstimmungen. 7. Dezember 2016: Doris Leuthard wird mit 188 von 208 Stimmen zur Bundespräsidentin gewählt. 26. Juli 2016: Doris Leuthard jettet nach Abu Dhabi, um Bertrand Piccard (l.) zur geglückten Weltumrundung mit der Solar Impulse zu gratulieren. 8. Juli 2016: Auf dem Bundesratsreisli steht eine E-Bike-Tour im Berner Oberland auf dem Programm. Uneitel: Die Magistratin trägt einen Helm. 7. Juli 2016: Am Vortag steigt die Verkehrsministerin in einen Formel-E-Rennwagen. Gar nicht so einfach ... 1. Juni 2016: Merkel, Hollande, Renzi: Alle kamen sie zur Neat-Feier. Mit ihrer Jacke im Emmentaler-Style (Akris) stahl Leuthard aber allen die Show. 6. April 2016: Xherdan Shaqiri und Bundesrätin Doris Leuthard strampeln im Rahmen der Energy Challenge 2016. Wer länger durchhielt, ist nicht überliefert 12. Januar 2016: Leuthard stellt sich im Live-Chat von 20 Minuten den Fragen der Leser zur zweiten Gotthard-Röhre. Die Abstimmung gewann sie. 3. Dezember 2014: Leuthard verhalf der Energiewende zum Durchbruch. Als einziges Mitglied der Landesregierung wird sie in einem Tesla durch die Gegend chauffiert. 1. August 2014: Leuthard schliesst an der Feier zum 100-jährigen Bestehen des Nationalparks Freundschaft mit einem Steinbock. 3. Juli 2014: Das erste Selfie des Gesamtbundesrats. Historisch! 16. April 2014: Mit ihren jungen Fans hat Leuthard zuvor geübt, wie man auf Selfies gut ausschaut. 4. Juli 2013: Zu Befehl, Frau General! Bei der Bundesratsreise steigt Leuthard in einen Schützenpanzer. 15. November 2012: An einer Medienkonferenz des Presseclubs bekommt Leuthard eine Flasche Cognac überreicht. Er trägt ihren Namen 31. Juli 2012: Auch mit Herdenschutzhund Kalin hat es Leuthard gut. Sie war in Les Diablerets im Waadtland unterwegs. 9. Dezember 2012: Leuthard in Arosa. 5. April 2012: In Zürich informiert sich die Bundesrätin über den Stand der Arbeiten bei der Durchmesserlinie unter dem HB. 3. Oktober 2011: Roland Hausin ist Leuthards bessere Hälfte. Hier begleitet er sie in Bern zum Gala-Dinner anlässlich eines Staatsbesuchs des indischen Präsidenten Pratibha Devisingh Patil. 7. Oktober 2010: Im ersten Präsidialjahr eröffnet sie die Olma. Bei Leuthard hat das Schweinchen nicht gepinkelt. Eveline Widmer-Schlumpf waren die Tiere weniger gewogen. 6. Juni 2010: Bundespräsidentin Doris Leuthard beim Eidgenössischen Trachtenfest. 12. April 2010: Immer wohl fühlt sich Leuthard auf dem internationalen Parkett: Am Nukleargipfel in Washington wickelt sie US-Präsident Barack Obama um den Finger. Bundesrätin Doris Leuthard fährt auf der Rodelbahn, anlässlich der Bundesratsreise, a m Donnerstag, 2. Juli 2009, in Jakobsbad, Appenzell-Innerrhoden. 25. Juni 2008: An der Heim-EM wohnt sie hinter der deutschen Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Pascal Couchepin in Basel der Partie Deutschland-Türkei bei. 12. Juli 2007: Wie süss! Leuthard, damals noch Wirtschaftsministerin, füttert im chinesischen Chengdu einen Panda. 14. Juni 2006: Leuthard ist die fünfte Bundesrätin der Schweiz. Hier wird sie vereidigt. 13. Juni 2006: Leuthard beim WM-Spiel Schweiz gegen Frankreich. 28. April 2006: Vor ihrer Wahl führte die Aargauerin die CVP – auch das erfolgreich. 1999 soll Leuthard im Ständeratswahlkampf 20'000 Duschmittelbeutel verteilt haben. Die «Aargauer Zeitung» titelte: «Duschen mit Doris» – der Spruch ist bis heute Kult. Bundesrätin Doris Leuthard an der Medienkonferenz des Bundesrats zu den eidgenössischen Abstimmungsergebnissen in Bern, Sonntag, 23. September 2018.

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Herr Perron, für CVP-Präsident Gerhard Pfister ist die Rücktrittsankündigung von Bundesrätin Doris Leuthard kein Freudentag. Leuthard hat kaum eine Volksabstimmung verloren, die CVP selber hingegen befindet sich in einer Abwärtsspirale. Verliert die Partei jetzt ihre letzte Wahllokomotive?
Zweifellos war Doris Leuthard eine Wahllokomotive. Sie kam in der Bevölkerung sehr gut an und konnte ihre Argumente erfolgreich vorbringen. Mittlerweile wurde sie aber vor allem als Bundesrätin und nicht explizit als CVP-Vertreterin wahrgenommen. Im Rücktritt von Doris Leuthard sehe ich für die Partei auch eine Chance.

Umfrage
Was bedeutet der Rücktritt von CVP-Bundesrätin Doris Leuthard für die CVP?

Hat Bundesrätin Leuthard ihrer eigenen Partei die Show gestohlen?
Nein. Die Popularität eines Bundesrats lässt sich nicht automatisch in den Erfolg einer Partei ummünzen. Aber die anstehenden Ersatzwahlen im Bundesrat für Doris Leuthard könnten der CVP einen Impuls geben. Der Partei sind ein paar Wochen angenehme Presse sicher: Es folgen Rückblicke auf die erfolgreichen 13 Amtsjahre von Doris Leuthard, und neue CVP-Gesichter machen die Runde. Der Normalbürger sieht, wer die Leute hinter der CVP sind.

Kann die CVP deshalb damit rechnen, dass sie den schon lange angestrebten Turnaround schafft?
Nein, das allein genügt nicht. Die CVP hat fundamentalere Probleme. Sie befindet sich in strukturellen Schwierigkeiten.

Weil die Mitte nicht mehr gefragt ist?
Nein. Herr und Frau Schweizer sind sehr in der Mitte positioniert. Es wird immer eine starke Mitte geben. Es braucht aber wahrscheinlich längerfristig nicht drei bis fünf Mitteparteien. Die CVP hat nach der BDP auch von der modernen und coolen GLP Konkurrenz bekommen, und die FDP hat auf die Erfolgsspur zurückgefunden. Es findet ein gewisser Verdrängungskampf statt. Die CVP steht im Konflikt zwischen den Stammlanden und dem eher sozialliberalen und urbaneren Kurs.

Wie könnte sie diesen Konflikt lösen?
Die CVP muss sich nicht entscheiden, sondern einen eleganten Spagat zwischen den beiden Kursen schaffen. Innerlich sollte sie sich nicht noch mehr zerstreiten. Auch müsste die CVP Themen aufgreifen, die die Leute beschäftigen, präsenter sein und Lösungen offerieren. Das wäre für die CVP durchaus machbar, denn in Volksabstimmungen ist sie häufig auf der Gewinnerseite.

Darf sich Doris Leuthard dann als abgetretene Bundesrätin noch im Wahlkampf engagieren?
Grundsätzlich schon. Das ist vielleicht aber nicht üblich. Sie könnte sicher helfen, die Basis zu mobilisieren. Ich glaube aber nicht, dass sie das tun wird. Normalerweise beschäftigen abgetretene Bundesräte andere Dinge. Sie ist dann ehemalige Bundesrätin und nicht der neue, aufstrebende Star.

Die Stimmen nach einem reinen Frauenticket für die CVP werden immer lauter. Der CVP mangelt es jedoch an Kandidatinnen. Hat die CVP mit der Frauenförderung ein Problem?
Die Frauenförderung ist kein spezifisches Problem der CVP. Auch andere bürgerliche Parteien haben Mühe, Frauen für politische Ämter zu finden. Karin Keller-Sutter, die als Kronfavoritin für die Nachfolge von Bundesrat Johann Schneider-Ammann gilt, hat sich vor allem selbst aufgebaut. Frauen sind ansonsten oft zurückhaltend und überlegen sich ein Amt zweimal. Männer können auch besser ellbögeln, was in der Politik dazugehört.

Gerhard Pfister wurden Ambitionen und intakte Chancen für die Nachfolge von Doris Leuthard nachgesagt. Am Donnerstag schloss er eine Kandidatur aber offiziell aus. Glauben sie, er könnte es sich doch noch anders überlegen?
Vielleicht überlegt er es sich nochmals. Für die Partei wäre es aber nicht gut, wenn er als CVP-Präsident ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen wochenweise mit der eigenen Bundesratskandidatur beschäftigt wäre.

Könnte auch ein Mann die Positionen einer Frau vertreten?
Das eine ist das Stimmverhalten. Ein Mann kann mehr oder weniger frauenfreundlich stimmen. Jemand wie Cédric Wermuth macht beispielsweise eine pointiert feministische Politik. Etwas anderes sind die Lebenserfahrung und die Sensibilitäten, die man in ein Amt einbringt und was man repräsentiert. Da bleibt ein Mann ein Mann. Der Anspruch nach mehr Frauen in der Regierung scheint mir legitim.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Junge Frau am 27.09.2018 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz zuerst

    Es braucht nicht unbedingt Frauen im Bundesrat. Es braucht Menschen die die Interessen der Schweizer/innen Vertreten und uns nicht der EU unterjochen.

  • Peter Ameland am 27.09.2018 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politikproblem

    Sicher kein Frauen- sondern Politikproblem. Fehlende Vision, Strategie und fähige Leute.

  • Maria am 27.09.2018 18:00 Report Diesen Beitrag melden

    Kompetenzen

    Frau oder Mann spielt keine Rolle. Kompetenz ist gefragt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sepp Hitz am 27.09.2018 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Rücktritt

    Glaube die Beiden haben es sicher Überlegt wieso Sie jetzt gehen. Gehen bevor die Schweiz in der EU ist und dann sind wir nicht schuld. Klever gemacht und sicher gut überlegt.

  • Anna am 27.09.2018 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    Probleme überall.

    Und ich dachte nur die SP hat ein Problem mit den Frauen.,Jetzt auch noch die CVP.

  • Benachteiligter Mann am 27.09.2018 19:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fähig?

    Wieso wird in den Chefetagen und im BR immer nach Frauenquote geschrien? In unteren Chargen legen die Feministinnen keinen Wert auf Frauenquoten! Fähig müssen sie sein!

  • Gutenberger am 27.09.2018 19:37 Report Diesen Beitrag melden

    Gut so tut so Gut

    Es Beweis nun wieder mal,das Männer resistenter robuster ausdauernder sind weder Frauen ,mit 55 den Löffel abgeben ,wie schön ,ich schuftete bis 65 im Schlachthof Hof

  • Angie Galli am 27.09.2018 19:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man sollte

    Leuthard nicht überbewerten! Sie versteht es zwar bestens, sich aufs Podest zu stellen und aufzufallen! Aber sie ist gut ersetzbar und es gibt Bessere!