Frauenstreik vom 14. Juni

07. Juni 2019 11:46; Akt: 07.06.2019 11:48 Print

«Männer sollten nicht in den ersten Reihen laufen»

Dürfen auch Männer am 14. Juni streiken? Eine Mehrheit der Schweizerinnen bejaht das, während die Frauenstreikkomitees die Männer schneiden.

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18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018. Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.» «Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen. 57 Prozent der Frauen fühlen sich diskriminiert, während 67 Prozent der Männer keine Benachteiligungen sehen. Für Helena Trachsel, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons Zürich, ist die Notwendigkeit des Streiks ungebrochen, obwohl eine Mehrheit von 53 Prozent keine Diskriminierung der Frauen sieht. «Wir haben Fortschritte gemacht. Aber dass jede Vierte offenbar respektlosen Umgang erlebt, ist weiterhin alarmierend.» Dass zudem die Lohnungleichheit als grösstes Problem gesehen wird, erstaunt Trachsel nicht: «Das ist seit 20 Jahren das Topthema. Es ist objektiv messbar und bewegt daher am meisten.» Doch wie ist es zu erklären, dass 67 Prozent der Männer finden, Chancengleichheit sei gegeben oder gar sie selbst seien diskriminiert? «Männer müssen ins Militär und haben keinen Vaterschaftsurlaub. Sie können sich auch diskriminiert fühlen», sagt Trachsel. Da aber die Rechte der Frauen eher debattiert würden, wehrten sich die Männer, indem sie Frauen die Solidarität entzögen, so Trachsels Interpretation. «Im Vergleich zur Generation meiner Mutter sind wir privilegiert», sagt Claudine Esseiva von den FDP-Frauen. In den letzten Jahren habe man viel erreicht. Die Zahlen zeigten aber, dass es noch Nachholbedarf gebe – auch wenn die Hälfte der Befragten Frauen als nicht benachteiligt ansieht.

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Der Frauenstreik verunsichert den modernen Mann: Darf, ja muss er seine Arbeit am 14. Juni niederlegen und an der Demo für die Gleichstellung kämpfen? Oder würde er mit dieser Art der Solidarisierung bloss ins Fettnäpfchen treten?

Wie eine grosse Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik zeigt, ist eine Mehrheit der Frauen offen gegenüber einer männlichen Beteiligung: Nur 20 Prozent sagen, Männer hätten am Streik nichts verloren. 65 Prozent finden, dass Männer mitmachen dürfen, während 6 Prozent gar der Meinung sind, dass Männer mitmachen müssen. Weniger offen sind die Männer: 47 Prozent der Männer sind der Meinung, dass sie am Frauenstreik nichts verloren haben.

Männer von der Organisation ausgeschlossen

Ohnehin sind Männer bei den regional organisierten Streikkomitees bestenfalls geduldet. Zwar ist eine Teilnahme von Männern am Umzug erwünscht. Die erste Geige sollen sie dort aber nicht spielen: «Die Männer sollten nicht in den ersten Reihen laufen. Die Frauen und ihre Anliegen sollen am 14. Juni im Zentrum stehen», sagt Christine Filtner, Zentralsekretärin bei der Gewerkschaft VPOD und Mitglied der nationalen Streikkoordination. Sie äussert die Befürchtung, dass sich der herablassende Mann in den Vordergrund drängt – ein Phänomen, das in feministischen Kreisen Mansplaining genannt wird.

Männer dürfen auch nicht bei der Organisation des Streiks mitwirken. «Frauen* können nur selbst die erfahrene Unterdrückung wahrhaftig formulieren», schreibt das Streikkollektiv Zürich. Und weiter: «Wir Frauen sind am 14. Juni damit beschäftigt, unseren Forderungen lautstark Ausdruck zu verleihen. Wir haben weder Lust noch Zeit, auf euch Männer aufzupassen.» Mann müsse sich im Hintergrund halten und dürfe «in keiner Weise mit den Medien interagieren», um sich als selbstlosen Helden darzustellen.

Bänke auf dem Bundesplatz aufstellen


Auf einer Liste eines Kollektivs aus Bern heisst es, dass nur Männer an einer Kundgebung teilnehmen sollen, wenn keine Frau die Unterstützung benötigt. Dort sollten sie nicht zu viel reden und sie einfach begleiten. «Stelle dich nicht in den Vordergrund, gebe keine Befehle. Respektiere Veranstaltungen, die ‹non mixed› sind.» Starke Männer sind zudem beim Aufbau von Bühne, Tischen und Bänken auf dem Bundesplatz oder bei der Verpflegung erwünscht.

Die Männer sollen dafür sorgen, dass etwa in den Schulen, Kitas oder Spitälern der Betrieb weiterläuft, während die Frauen streiken. «So haben wir es im Kanton Zürich abgemacht», sagt Gewerkschafterin Filtner. «Letztlich muss jede Gruppe selbst entscheiden.» Eine Schule in der Waadt etwa habe entschieden, dass Männer und Frauen gemeinsam in den Streik treten würden.

«Radikale Rhetorik»

Klar sei, dass auch Männer ein Interesse an der Gleichberechtigung hätten. Junge Väter etwa hätten auch mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu kämpfen – etwa, wenn sie das Pensum nicht reduzieren dürften. «Ich fände es wunderbar, wenn sie auch mal einen Männerstreik für Fortschritte bei der Vereinbarkeit organisieren würden.» Dass es ihn nicht gebe, habe auch damit zu tun, dass der Problemdruck bei den Frauen grösser sei.

CVP-Politikerin Marianne Binder kann der «radikalen Rhetorik der Frauenstreik-Organisatorinnen» nicht allzu viel abgewinnen: «Solche Provokationen wären angebracht, wenn wir in der Gleichstellung noch nichts erreicht hätten.» Sie finde, solche Sätze hätten kindlichen Charakter. «Der Kampf für die Gleichstellung ist und war ein gemeinsamer. Das sieht laut der Umfrage auch die Mehrheit auch so » Als Mann würde sie sich am 14. Juni zurücklehnen, sagt sie: «Wenn man den Männern doch zu verstehen gibt, dass sie am Frauenstreik nichts suchen haben, dann können die streikenden Frauen die Bühne auf dem Bundesplatz sicher auch selbst aufbauen. Selbst ist die Frau, finde ich.»

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Garfield am 07.06.2019 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Rollenbilder

    Starke Männer sind beim Aufbau der Bühne und Tische erwünscht, soso! Und ich dachte es geht bei der Gleichstellung darum klassische Rollenbilder zu überwinden?!

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  • D.J. am 07.06.2019 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Ja ja jaaa...

    Gleiche Rechte heisst auch gleiche Pflichten meine Damen. P.s. Bin auch Frau :)

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  • Maler50 am 07.06.2019 12:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    überdenken

    Jene Männer welche vorhaben teilzunehmen sollten Sich die Sache noch einmal überdenken(Ich würde es jedenfalls tun) wenn Sie die Ansichten des Organisationskomitee so hören.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Juniper am 07.06.2019 20:54 Report Diesen Beitrag melden

    Seltene Gelegenheit

    Der effektivste Weg wie Gleichstellung für Männer erreicht werden kann ist wenn die Anliege umständlich so umformuliert werden dass es so klingt als würde es um Frauenanliegen gehen. Ich rufe deswegen Männer dazu auf, am Frauenstreik für Vaterschaftsurlaub zu demostrieren weil "ohne Vaterschaftsurlaub Frauen ein wirtschaftlich grösseres Risiko sind und damit einen Wettbewerbstechnischen Nachteil haben". Männergruppen hierzulande versuchen mehr die Männer zurechtzuhämmern als blatant diskriminierende Passagen im Gesetz. Männerdemos gibt es nur mit genannten Mentalen Verrenkungen.

  • ein männlicher Zeitgenosse am 07.06.2019 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    Es ist kein Geheimnis, dass den Frauen immer noch nicht die Wertschätzung zukommt, die sie eigentlich verdienen. Allerdings möchte ich an dieser Stelle erwähnt haben, dass es hierzulande, in unserer schönen Schweiz, mehr als genug Frauen gibt, die wahrhaftig leiden. Man spricht nicht in hohen Tönen von ihnen. Ich spreche übrigens von Menschenhandel, moderner Sklaverei. Und wer jetzt behauptet, dass sei ein Ammenmärchen, der möge sich doch besser informieren und genau hinschauen. So liebe Feministinnen, solltet ihr mal echte Probleme haben, könnt ihr sehr gerne demonstrieren gehen.

  • Kate56 am 07.06.2019 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umgangsformen bitte!

    Ich bin eine Frau, 63 und in einer leitenden Position- ich schäme mich für das Verhalten gewisser Frauen- ihr schadet dem Ansehen der Frauen, welche sich durch gute Umgangsformen und Bildung positioniert haben. Ich bin für Lohnfairness, für bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten ( bezahlbare) - dass jeder Arbeitnehmer und Arbeitgeber unverzüglich ab jeden Lohn BVG abrechnen muss- aber auf diese primitive Art kämpfe ich nicht - ich werde am 14.6. arbeiten.

  • Erik76 am 07.06.2019 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Männer

    Männer sollten da gar nicht mitlaufen!!

  • Mr. Spock am 07.06.2019 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ja klar

    hab ja nix besseres zu tun