Kein Kontakt zu den Eltern

10. Juni 2017 20:22; Akt: 10.06.2017 20:22 Print

«Mama ist mit dem Neuen von zu Hause abgehauen»

Eines Nachts ist Jana A.s* Mutter plötzlich aus dem gemeinsamen Zuhause geflüchtet – mit dem neuen Lover. Zuvor hatte sie schon Job vor Familie gestellt.

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Jana A.* hat seit 10 Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. «Sie ist in einer Nacht-und-Nebelaktion von zu Hause abgehauen und erklärte, dass sie jetzt einen Neuen habe», erzählt die 27-jährige Solothurnerin. «Nachdem meine Mutter einen neuen Job in der Medienbranche angefangen hatte, begann sie sehr viel Zeit mit den bekannten Leuten zu verbringen, die sie bei der Arbeit kennengelernt hatte, und kapselte sich von uns ab.» Laut Jana hat sie oft egoistisch gehandelt und die Familie ignoriert.» (Symbolbild) Die Trennung habe Janas Vater anfangs schwer getroffen. «Zu Hause ging es drunter und drüber und ihm ging es psychisch sehr schlecht. Er ist inzwischen aber gut darüber hinweggekommen und hat auch eine neue Freundin.» (Symbolbild) Besonders über die eher halbherzigen Versuche der Mutter, den Kontakt aufrechtzuerhalten, ist Jana aufgebracht. «An meinem Geburtstag schickte sie mir einen dahingekritzelten Brief, den sie auf dem Briefpapier ihrer Firma geschrieben hatte. Sie redete erst mal mehrere Absätze über ihr tolles Leben und wünschte mir dann noch alles Gute.» Jana hat die Briefe ihrer Mutter nie beantwortet. Jana hat das Leben auch ohne Mutter gut gemeistert. Es gab aber Phasen in ihrem Leben in denen sie gern eine Mutter an ihrer Seite gehabt hätte: «Als ich grosse Probleme in meiner KV-Ausbildung hatte, fühlte ich mich etwas allein gelassen. Klar, mein Vater war für mich da, aber manchmal konnte er mich einfach nicht wirklich verstehen.» (Symbolbild) Inzwischen hat Jana eine Ausbildung zur Pflegefachfrau begonnen. Eine letzte Sorge ist aber doch geblieben: «Ich habe irgendwie Angst davor, selbst Mutter zu werden. Was ist, wenn ich plötzlich auch so werde wie sie?» (Symbolbild)

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Wie viele Kinder mit ihren Eltern brechen, ist nicht untersucht – doch es kommt offenbar häufig vor. So gibt es inzwischen in Bern, Luzern, Winterthur oder St. Gallen Selbsthilfegruppen für Eltern oder Kinder, die unter der Funkstille leiden.

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Jana A.* hat seit zehn Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. «Sie ist in einer Nacht-und-Nebelaktion von zu Hause abgehauen und hat erklärt, dass sie jetzt einen Neuen hat», erzählt die 27-jährige Solothurnerin. Die damals 17-jährige Jana und der Rest der Familie waren schockiert, sie hatten den plötzlichen Aufbruch nicht erwartet. «Meine Eltern hatten sogar noch gemeinsame Ferien im Tirol gebucht», sagt Jana.

Liebhaber beim Job kennengelernt

Kleinere Anzeichen konnte Jana im Nachhinein aber doch ausmachen. «Nachdem meine Mutter einen neuen Job in der Medienbranche angefangen hatte, begann sie sehr viel Zeit mit den bekannten Leuten zu verbringen, die sie bei der Arbeit kennenlernte, und hat sich von uns abgekapselt.» Laut Jana habe sie oft egoistisch gehandelt und die Familie ignoriert.

Besonders im Haushalt habe Janas Mutter kaum noch etwas gemacht. «Ich habe mit 12 Jahren die Wäsche für die ganze Familie gewaschen und wenn Besuch kam, hat mein Vater das ganze Haus geputzt, damit meine Mutter nicht schlecht dasteht», sagt Jana. An schulischen Veranstaltungen habe Jana ihre Mutter ebenfalls vermisst. «Nur einmal ist sie bei meinem Bruder zu einem Event gegangen, um danach für die Arbeit etwas darüber zu schreiben.» Durch den Job habe die Mutter auch ihren neuen Liebhaber kennengelernt.

Ein dahingekritzelter Brief zum Geburtstag

Die Trennung habe Janas Vater anfangs schwer getroffen. «Zuhause ging es drunter und drüber und ihm ging es psychisch sehr schlecht. Er ist inzwischen aber gut darüber hinweg und hat auch eine neue Freundin.» Auch Jana und ihre zwei jüngeren Geschwister waren anfangs sehr verwirrt und verletzt. «Danach war ich aber eher wütend auf sie. Diese Aktion war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.»

Besonders über die eher halbherzigen Versuche der Mutter, den Kontakt aufrechtzuerhalten, ist Jana aufgebracht. «An meinem Geburtstag schickte sie mir einen dahingekritzelten Brief, den sie auf dem Briefpapier ihrer Firma geschrieben hatte. Sie sprach erst mal in mehreren Absätzen über ihr tolles Leben und wünschte mir dann noch alles Gute.» Jana hat die Briefe ihrer Mutter nie beantwortet.

«Was, wenn ich auch so werde?»

Beim Scheidungsprozess der Eltern haben Jana und ihre Geschwister sich sogar explizit dagegen gewehrt, dass die Mutter Besuchsrecht bekommt. «Sie musste auch ziemlich saftige Alimente zahlen, was ihr gar nicht gepasst hat.» Die Mutter habe sich aber auch nicht um das Sorgerecht für die Kinder bemüht. «Mein Vater hat weiter versucht das Richtige zu tun, schickte ihr Zeugnisse und Fotos, aber es interessierte sie nicht.»

Als Jana mit einem jungen Mann aus dem Dorf eine Beziehung begann, schien das Interesse der Mutter plötzlich wieder geweckt zu sein. «Sie ging zum Laden, in dem er arbeitete, und stellte sich sogar als meine Mutter vor und wollte mehr über meinen Freund erfahren. Ich schrieb ihr ein SMS, dass das eine Frechheit sei und sie es gefälligst unterlassen solle, sich einzumischen», erzählt Jana.

Jana hat das Leben auch ohne Mutter gut gemeistert. «Ich habe jetzt gute Freunde und eine tolle Beziehung», sagt sie. Es gab aber Phasen in ihrem Leben, in denen sie gern eine mütterliche Figur an ihrer Seite gehabt hätte: «Als ich grosse Probleme in meiner KV-Ausbildung hatte, fühlte ich mich etwas allein gelassen. Klar, mein Vater war für mich da, aber manchmal konnte er mich einfach nicht wirklich verstehen.»

Inzwischen hat Jana eine Ausbildung zur Pflegefachfrau begonnen. Eine letzte Sorge ist aber doch geblieben: «Ich habe irgendwie Angst davor, selbst Mutter zu werden. Was ist, wenn ich plötzlich auch so werde wie sie?»


*Name geändert

(laz)