Verwöhnte Kinder

11. März 2015 06:11; Akt: 11.03.2015 15:15 Print

«Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich»

von D. Pomper - Das neuste Smartphone, die teuerste Tasche: Bekommen Kinder und Jugendliche nicht, was sie wollen, ticken sie aus. Experten warnen davor, Kinder zu sehr zu verwöhnen.

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Elisa M. (8) hat statt einem Tablet ein Buch bekommen und sich am Papier geschnitten. Marc-Kevin W. (10) weint sich die Augen aus, weil er nur ein altes Smartphone besitzt. Oliver T. (6) erleidet Qualen, weil er statt Kaviar Broccoli vorgesetzt bekommen hat. Sofia K. (8) hat bereits Sorgenfalten, weil sie statt einem Kleid in Türkis eines in Aquamarin erhalten hat.

Umfrage
Sollte ein Kind ein eigenes Handy besitzen?
18 %
77 %
5 %
Insgesamt 13399 Teilnehmer

So beginnt der neuste Werbespot des Hilfswerks World Vision. Schweizweit müssten Kinder leiden, weil ihre Probleme nicht wahrgenommen würden. Man solle doch diesen Kindern helfen und ihre Leiden lindern. Auf Plakaten wird weiter die Einführung eines Mindestsackgeldes gefordert, eine Dreitagewoche für Schüler oder Zweitponys für alle – alles zum Wohl der Kinder.

Das Hilfswerk World Vision will mit seiner aktuellen Informationskampagne kinderinitiative.ch auf die Not von benachteiligten Kindern aufmerksam machen.

Die ganze Aktion sei natürlich «mit einem Augenzwinkern» zu verstehen, sagt Reto Gerber, Geschäftsführer von World Vision Schweiz. Es gehe darum, die Leute aufzurütteln und auf wirklich benachteiligte Kinder aufmerksam zu machen: «In unserem Alltag und in unseren Wünschen sind wir uns oft nicht bewusst, dass es Kinder auf der Welt gibt, denen es am Elementarsten fehlt.»

Wutausbrüche, wenns nicht das gibt, was das Kind will

Tatsächlich scheint vielen Kindern dieses Bewusstsein zu fehlen. Wie Familientherapeuten berichten, haben viele Kinder in der Schweiz übersteigerte Ansprüche. Erfüllen die Eltern ihren Sprösslingen diese Wünsche nicht, drohen Wutausbrüche.
«Es ist heutzutage fast normal, dass Kinder das neuste Handy oder Tablet bekommen, einen Fernseher im Zimmer stehen haben oder einen eigenen Computer besitzen», sagt Carmen Wegmann, Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche. Eltern würden ihre Kinder mit materiellen Geschenken überhäufen, damit ihre Kinder von anderen Kindern Anerkennung ernteten und dazugehörten.

Wegmann warnt: «Werden Kinder so verwöhnt, lernen sie nicht mit Frustration umzugehen.» Die Folge: «Bekommen die Kinder nicht was sie wollen, endet das in einem Wutausbruch.» Wegmann erinnert sich an einen besonders krassen Fall, bei dem eine Mutter ihrem kleinen Sohn immer Geld geschenkt hatte. Als er grösser wurde, entwickelte er eine Spielsucht und landete in den Schulden. «Der Jugendliche forderte von seiner Mutter weiterhin Geld, bedrohte sie, bis er sie schliesslich schlug», erzählt Wegmann.

«Kinder, die alles bekommen, sind unglücklicher»

Eltern müssten ihren Kindern schon früh klare Grenzen setzen. Etwa indem man den Kindern verbiete, während dem Essen wegzulaufen oder ihnen vorschreibt, pünktlich ins Bett zu gehen. Wegmann ist überzeugt, dass Kinder zufriedener sind und sich geborgener fühlen, wenn sie Grenzen erfahren: «Kinder, die immer alles bekommen und dürfen, sind unglücklicher, weil sie gar nie genug bekommen können.» Dabei müssten Eltern lernen, hart zu bleiben und einfach auch mal nein zu sagen: «Doch viele Eltern lassen sich von ihren Kindern erpressen. Sie werden Sklaven von ihren eigenen kleinen Tyrannen.» Dem Kind tue man damit nichts Gutes: «Irgendwann wird es in eine Welt entlassen, die nicht rosig ist, in der man kämpfen und sich behaupten muss.»

Familientherapeut Henri Guttmann teilt diese Meinung: «Verwöhnte Menschen haben durch ihre Erziehung ein unrealistisches Weltbild erfahren. Sie haben nicht gelernt, mit Frustration umzugehen und erleben deshalb ihre Umwelt als ungerecht. Sie reagieren feindselig und aggressiv.» Wenn die Kinder mit der Wut nicht weiterkämen, bekämen sie Depressionen und neigten zu Suchtverhalten. «Menschen, die in ihrer Kindheit zu stark verwöhnt wurden, haben zudem Probleme in der Partnerschaft, weil sie nur gelernt haben, zu nehmen.» So plädiert Guttmann dafür, dass Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen müssten und lernen müssten nein zu sagen. Wer aber nicht konsequent sei, verspiele seine Glaubwürdigkeit: «Dann hat man sich pädagogisch die Hosenbeine abgeschnitten.»

Haben auch Sie Erfahrungen mit verwöhnten Kindern oder Jugendlichen oder wurden Sie selber sehr verwöhnt? Melden Sie sich: feedback@20minuten.ch

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rabenmutter am 11.03.2015 06:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gibt zu denken

    Mein Sohn ist mit 10 Jahren der Einzige seiner Klasse, der kein Smartphone besitzt...!!! Was soll man dazu noch sagen?!!

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  • R. M. am 11.03.2015 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Längst fällig

    Wann gibt es endlich einen "Sachkunde Nachweis" für werdende Eltern. Ein wegen falscher Erziehung verhalten gestörtes Kind kann später enormen "Schaden" anrichten.

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  • Rainer Vockinger am 11.03.2015 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Drohende Kinder

    Wir haben 3 Kinder, die wir alle gleich behandeln, nicht knapp halten und auch nicht verwöhnen. Sie haben was sie brauchen und noch einiges mehr. Mit zweien haben wir es gut, keine Probleme. Mit einer Tochter dafür umso mehr. Ich kam dazu, wie sie meiner Frau drohte:"Ich will... und zwar sofort, sonst klöpfts !" Ich bin gegen jede elterliche Gewalt. Aber hier sorgte ich mit Nachdruck dafür, dass das Töchterchen so etwas nie mehr sagen oder gar tun wird. Unser Verhältnis hat sich damit nicht gebessert. Aber sie begriff, dass sie gewisse Grenzen ungestraft nicht überschreiten kann.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Zilli am 13.03.2015 15:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erziehung fängt nach der geburt an

    Irgenwie muss man es gut machen. Eltern möchten auf nichts verzichten. Voller stress bringt man die kleinsten in die kita und kurz vor schluss im stress werden sie abgeholt. Da gibts nur eins: am weekend ab zum shoppen um den kindern ein lächeln aufs gesicht zu zaubern. Leider kennen sie ihre eigenen kinder und ihre bedürfnisse nicht.

  • Chania12 am 13.03.2015 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eltern!

    Es liegt IMMER an den Eltern!!! Wenn diese schon verwöhnt wurden, geben Sie es weiter!!

  • Anonym am 12.03.2015 23:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade....

    Als ich noch jung war haben wir immer draussen Fussball, Beyblade oder Karten gespielt. Wenn ich heutzutage Kinder sehe sind sie an ihrem Smartphone und reden kaum mehr mit ihren Freunden. Einfach nur schade wie sich die Jugend entwickelt hat.

  • denk nach am 12.03.2015 21:47 Report Diesen Beitrag melden

    die jugend war schon immer schlimm

    Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. (Sokrates, 400 vor Christus)

  • Driver am 12.03.2015 21:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heute tönts

    Meine Mutter heist iPhone, und mein Vater ist Google.