Eisenmangel bei Frauen

04. Mai 2019 21:13; Akt: 04.05.2019 21:13 Print

«Man könnte meinen, die Schweizer verrosten»

Eiseninfusionen sind beliebter denn je. Aber sind sie auch sinnvoll? Nur in wenigen Fällen, sagt ein Experte.

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Thomas Rosemann ist Leiter des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich und sieht die steigenden Verordnungen von Eiseninfusionen kritisch. «Man hat durch gezielte Werbekampagnen alltägliche Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung zu einer Krankheit gemacht. Eiseninfusionen sind dann eine vermeintliche Win- win-Situation: Ärzte verdienen viel Geld daran, und Patienten haben das subjektive Gefühl, dass es ihnen besser geht», sagt er. Kritiker von Eiseninfusionen wie Rosemann werde oft vorgeworfen, sie möchten den Frauen etwas vorenthalten. «Dabei kritisieren wir nur die fehlenden Belege zur Wirksamkeit.» Dass sich Frauen durch die Gabe von Eiseninfusionen besser fühlen würden, liegt laut dem Institutsleiter am starken Placeboeffekt: «Etwas mehr als 50 Prozent der Patientinnen, die Placebo-Mittel bekamen, gaben in einer Studie an, dass sie sich nach der Behandlung weniger müde fühlten.» Er negiert auch, dass Frauen durch den Blut- und Eisenverlust bei der monatlichen Menstruation grundsätzlich auf Eiseninfusionen angewiesen seien. Der weibliche Körper habe sich stattdessen über Jahre an diesen ständigen Blutverlust angepasst. Rosemann würde erst ab einem Wert von unter 15 Nanogramm pro Milliliter Blut eine Infusion verordnen. Darüber würden Frauen nicht mehr profitieren. Allerdings sieht er einen Graubereich zwischen 15 und 30, wo einige Frauen nachweislich eine Verbesserung verspüren können. Dieser Effekt verliere sich ab einem Wert von 30. Rosemann macht auch auf die Nebenwirkungen aufmerksam, die nicht zu unterschätzen seien:« Der Aufsichtsbehörde Swissmedic wurden seit 2010 beim am häufigsten verwendeten Präparat 340 Nebenwirkungen gemeldet, davon 239 schwerwiegende, sowie drei Todesfälle». Zudem kann es bei der vermehrten Ablagerung von Eisen im Gewebe langfristig zu Leberzirrhose, Diabetes oder sogar Erblindung kommen.

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Thomas Rosemann ist Leiter des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich. Im Gespräch erklärt er, warum Eiseninfusionen seiner Meinung nach nicht nur sinnlos, sondern gar gefährlich sein können.

Umfrage
Haben Sie schon mal eine Eiseninfusion bekommen?

Herr Rosemann, werden in der Schweiz mehr Infusionen verschrieben als bei unseren europäischen Nachbarn?
Das ist tatsächlich so. In Deutschland werden viermal weniger Infusionen verordnet und in Österreich sogar zehnmal weniger. Unser Institut hat kürzlich eine Studie zur Eisentherapie bei einer englischen Fachzeitung eingereicht. Die Gutachter haben nur mit Kopfschütteln auf das reagiert, die Engländer kennen das Thema Eiseninfusion praktisch nicht. Bei dem vielen Eisen, das wir in unsere Venen kippen, könnte man fast Angst haben, die Schweizer verrosten.

Wieso sind Eiseninfusionen hierzulande so beliebt?
Man hat durch gezielte Werbekampagnen alltägliche Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung zu einer Krankheit gemacht. Eiseninfusionen sind dann eine vermeintliche Win-
win-Situation: Ärzte verdienen viel Geld daran und Patienten haben das subjektive Gefühl, dass es ihnen besser geht – ein Riesengeschäft für Ärzte und Industrie. Kritiker wie ich sehen sich dagegen dem Vorwurf ausgesetzt, wir möchten den Frauen etwas vorenthalten, dabei kritisieren wir nur die fehlenden Belege zur Wirksamkeit.

Wie kommt es, dass Frauen sich nach einer Eiseninfusion besser fühlen?
Durch den starken Placeboeffekt. Etwas mehr als 50 Prozent der Patientinnen, die Placebomittel bekamen, gaben in einer Studie an, dass sie sich nach der Behandlung weniger müde fühlten.

Sind Frauen durch ihre Menstruation, bei der sie monatlich Blut und nachweislich Eisen verlieren, nicht tatsächlich anfälliger?
Nein, der weibliche Körper hat sich über Jahre an den ständigen Blutverlust durch die Menstruation angepasst und ist nicht auf Eiseninfusionen angewiesen.

Wieso gibt es in der Schweiz keinen einheitlichen Richtwert?

Die Richtwerte bei Eisen sind erstaunlich unterschiedlich, weil es bislang nur wenig Studien darüber gibt. Die vier Studien, an denen man sich in der Schweiz orientiert, wurden von der
Pharmaindustrie nicht nur mitfinanziert, sondern teilweise auch mitgeschrieben.

Ab welchem Wert sehen Sie eine Eiseninfusion als angebracht?
Ab einem Wert von unter 15 Nanogramm Eisen pro Milliliter. Darüber profitieren Frauen nicht mehr. In den oft zitierten Studien, die immer wieder als Legitimation für Infusionen herhalten müssen, zeigten sich ebenfalls Effekte erst unter 15. Zwischen 15 und 30 existiert sicher ein Graubereich, wo einige Frauen nachweislich eine Verbesserung verspüren können. Dieser Effekt verliert sich ab einem Wert von 30.

Wie würde eine optimale Eisentherapie aussehen?
Bei Werten unter 30 würde ich Tabletten verordnen und sie über die Nebenwirkungen wie schwarzen Stuhl oder harmlose Magenprobleme aufklären. Da ein Mangel häufig über Jahre entsteht, ist es völlig natürlich, dass die Therapie auch Monate dauern kann. Eine Eiseninfusion käme nur als ultima ratio in Frage, wenn orale Präparate nicht anschlagen oder vertragen werden.

Was für Nebenwirkungen können bei einer Eiseninfusion auftreten?
Akut sind dies allergische Reaktionen. Der Aufsichtsbehörde Swissmedic wurden seit 2010 beim am häufigsten verwendeten Präparat 340 Nebenwirkungen gemeldet, davon 239 schwerwiegende sowie drei Todesfälle. Bei der vermehrten Ablagerung von Eisen im Gewebe kann es langfristig zu Leberzirrhose, Diabetes oder sogar Erblindung kommen.

(sis)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sulejka am 04.05.2019 22:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das sollte der Arzt wissen

    Tja sagen Sie das unseren Hausärzten denn seit 10 Jahren hat mein Arzt bei dem jährlichen CheckUp immer wieder Eisenmangel festgestellt, einmal bekam ich eine Infusion, weil die verabreichten Tabletten Durchfall machten, jetzt kaufe ich immer im Coop oder Migros so Kapseln mit 14 mg Eisen, scheinbar ist das nun die Lösung denn seit etwa 2 Jahren hat er nie mehr was gesagt.

  • Lorzi am 05.05.2019 07:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und bei den Männern?

    und was ist mit den Männern? Ich durfte vor Jahren kein Blutspenden, da der Eisenwert chronisch zu tief war. Seit dem nehme ich täglich Floradix Dragees und es ist alles im grünen Bereich.

  • Giräffli78 am 04.05.2019 22:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bei welchen Krankheiten bitte?

    Ich hätte es gut gefunden, wenn man in diesem Beitrag erfahren hätte, bei welchen Krankheiten eine Eiseninfusion tatsächlich Sinn machen würde.

Die neusten Leser-Kommentare

  • peter laufmann am 06.05.2019 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    74 Kommentare....

    keiner dieser zieht die Erwartungshaltung in Betracht. Wir können Jahrelang über die Schulmedizin, Homöopathie, Natur... und deren Wirk oder Nichtwirksamkeit diskutieren, doch geht vergessen, dass ohne positive Erwartungshaltung nichts funktioniert. Das gwewinnoptimierte System Gesundheit, macht so nur noch mehr krank, wird dadurch auch sicher mal unbezahlbar. Daher hoffe ich, viele nehmen primär vor allem SICH SELBER, mit was und wem auch immer, als Grund einer Genesung wahr.

  • PROLLTRASH am 06.05.2019 12:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    meine meinung.

    eventuell mal aufs fasten und vegizeugs verzichten und mal fleisch mit teigwaren und salat essen. ich kenne ein par menschen die eiseninfusionen machen lassen. und bei denen ist vegan und fastenzeugs halt voll hip und modern.

  • PROLLTRASH am 06.05.2019 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lol

    wenn der körper eisenmangel hat sollte es doch etwas nicht medizinisches geben. sonst wären 100 jahre vorher ja alle im tiefschlaf gewesen. hypochonderzeugs halt.

  • Isabelle M. am 06.05.2019 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ist doch mit allem so! Es gehört zum

    guten Ton, muss sein, wenn man "in" sein will. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Laktoseintoleranz, Gluten Unverträglichkeit; ein Schlag ins Gesicht der wenigen, wirklich Betroffenen. Nahrungsergänzungsmittel, Diätenmarathon, Superfood Hype, Pilates auf dem Mount Everest, Yoga in der Hölle. Einfach auffallen um jeden Preis. Anders sein als Lebensinhalt. Mehr Schein als Sein. Mir tun die echt Kranken und Bedüftigen leid, der Leiden damit verhundst werden.

  • Ulrike am 06.05.2019 11:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zu viel Kohle

    Ich denke, auch der Absatz von vitaminisiertem Wasser wird im Ausland tiefer sein. Einfach weil kaum einer 3.50 Fr. für Wasser übrig hat.