Rat von der Swisscom

21. Mai 2016 18:50; Akt: 22.05.2016 16:49 Print

«Man sollte täglich eine Handy-Auszeit nehmen»

von Marco Lüssi - Ausgerechnet die Swisscom ruft dazu auf, das Handy weniger intensiv zu nutzen. Michael In Albon, Medienkompetenz-Experte der Telekomfirma, erklärt die Gründe.

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Herr In Albon, die Swisscom hat am Freitag am Zürcher HB 30'000 Blumen verteilt. Mit der Botschaft, man solle weniger am Handy hängen. Warum tun Sie das?
Wir wollen die Medienkompetenz fördern und die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren. Viele Menschen sind heute stark von der digitalen Welt eingenommen und gefangen – manchmal so sehr, dass sie dem wirklichen Leben keine ungeteilte Aufmerksamkeit mehr schenken und schöne Momente verpassen. Wir wollen den Leuten sagen: ‹Legt euer Handy auch mal weg und nehmt euch Zeit füreinander.›

Umfrage
Können Sie sich vorstellen, sich täglich Handy-Auszeiten zu nehmen?
68 %
23 %
3 %
2 %
4 %
Insgesamt 7540 Teilnehmer

Die Swisscom verdient Geld damit, dass die Leute surfen und telefonieren. Machen Sie mit dieser Botschaft nicht Ihr Geschäft kaputt?
Nein, im Gegenteil. Die Swisscom hat eine gesellschaftliche Verantwortung. Es ist nicht in unserem Interesse, wenn die Menschen wegen der ständigen Erreichbarkeit, die die digitale Welt ermöglicht, unter Druck geraten und gestresst sind. Wir wollen eine gesunde Informationsgesellschaft.

Die meisten Handynutzer haben heute ein Flatrate-Abo. Wollen Sie mit dieser Aktion dafür sorgen, dass diese Flatrates weniger ausgereizt werden?
(lacht) Nein, diese Überlegung haben wir nicht angestellt.

Sie sind Medienkompetenz-Experte bei der Swisscom. Können Sie sagen, wie viele Swisscom-Kunden handysüchtig sind?
Nein, dazu haben wir keine Zahlen. Doch allein die Tatsache, dass Angebote wie Offline-Hotels und Digital-Detox boomen, zeigt, dass die Gesellschaft ein Problem mit der übermässigen Nutzung von digitalen Angeboten hat und viele Mühe haben, das richtige Mass zu finden.

Wie dramatisch ist die Situation?
Jedenfalls werden die Risiken unterschätzt. Die digitalen Mittel sind ständig verfügbar, und deshalb nutzen wir sie auch ständig. Dabei sollten wir das nicht tun, sondern dafür gewisse Fenster festlegen und uns immer wieder Auszeiten nehmen.

Wie sollen diese Auszeiten aussehen?
Es bringt jedenfalls nichts, einmal drei Tage ohne Handy auf eine Alp zu gehen. Damit kann man sein Verhalten im Alltag nicht ändern. Ich empfehle, sich jeden Tag Handyauszeiten zu nehmen. Denn wer ständig auf den Display oder in sein Mail schaut, ist auch ständig abgelenkt, er arbeitet weniger konzentriert, und die zwischenmenschlichen Beziehungen leiden.

Ich sollte also jeden Tag ein paar handyfreie Stunden haben?
Ja. Ein gutes Mittel dazu ist die Offtime-App, die ein Berliner Start-up mit Unterstützung der Swisscom entwickelt hat. Sie bietet zweierlei: Einerseits erfasst sie, wie intensiv man das Handy nutzt – dann sehen Sie beispielsweise, dass sie 166-mal am Tag auf den Display geschaut haben. Andererseits kann man mit der App Auszeiten definieren, in denen das Smartphone keine Benachrichtigungen und SMS anzeigt und keine Anrufe eingehen. In den letzten zwei Jahren wurde die App über 100'000-mal heruntergeladen.

Ist es nicht paradox, wenn man mit dieser App ein digitales Mittel braucht, um der digitalen Welt zu entfliehen?
Ja, das stimmt. Doch damit dies auch ohne geht, braucht es mehr Medienkompetenz. Und die Menschen müssen vermehrt darauf achten, was für Signale sie mit ihrem Verhalten aussenden. Ein Chef sollte am Sonntag oder nach Feierabend möglichst keine Mails an Angestellte verschicken, das kann zu Stress beim Mitarbeiter führen. Und Eltern müssen sehr darauf achten, wie sie ihre digitalen Geräte in Anwesenheit der Kinder nutzen. Denn diese nehmen sich an ihnen ein Vorbild.

Sollten Eltern Kinder von Handys und Tablets möglichst fernhalten?
Nein, überhaupt nicht, Handys gehören heute dazu und Kinder müssen lernen, sie richtig zu benutzen. Einen Umgang mit Mass zu lernen, ist wichtig. Sie sollten genau darauf achten, dass ihr Kind keine Abhängigkeit entwickelt.

Woran erkennt man das?
Wenn das Kind sich nach der vereinbarten Nutzungszeit nicht vom Tablet lösen kann, partout weitermachen will und es deshalb jedes Mal Streit oder Tränen gibt, dann müssen die Alarmglocken läuten.

Und woran erkenne ich als Erwachsener, ob ich handy- oder internetsüchtig bin?
Die meisten digitalen Angebote funktionieren nach dem Belohnungssystem. Jeder Facebook-Like, den man erhält, löst ein kleines Glücksgefühl aus, bleiben die Likes oder die Antwort auf die Whatsapp-Nachricht aus, spürt man Enttäuschung. Wer feststellt, dass ihm diese Dinge mehr bedeuten als schöne Momente mit den Mitmenschen, der sollte sein Verhalten dringend überdenken.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marco am 21.05.2016 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    War heute in einem Restaurant essen. Es waren recht viele Leute da, meist zu zweit oder mehr... Ich konnte es nicht glauben das nur etwa 2 Paare miteinander geredet haben. Alle anderen waren die ganze Zeit an ihren Smartphone!!

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  • West_Casten am 21.05.2016 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow

    Bravo swisscom. jetz noch die abo preise senken dann bin ich ganz zufriden.

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  • Ollie am 21.05.2016 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Okey

    Gut bisschen PR war auch der Sinn der Swisscom aber immerhin! Gute Aktion.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hildegard am 22.05.2016 23:19 Report Diesen Beitrag melden

    All you can eat aber bitte nicht zu viel

    ...essen,denn das ist ingesund; wie klingt das? :-))) Wenn die Swisscom tatsächlich so besorgt ist, wie wärs, wenn sie die Flatabobenutzer, welche "Handypausen" einlegen und weniger telefonieren mit Rabatten belohnt, anstatt eine weitere "Offtime App" zu empfehlen, welche ihnen die reinste Gratisstatistik liefert? Die SBB will ja auch bereits am liebsten bei den GA's die Fahrten limitieren, - wollt ihr uns veräppeln? Alles fängt im Kopf an Leute, und nicht mit einer APP, macht euch doch nicht auch noch von Apps abhängig! App zum abnehmen, zur Raucherentwöhnung, um fitter zu sein, ohmannomann..

  • Evi am 22.05.2016 20:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kombientzugsteraphie

    Aus Geldmangel müsste man dann Kombientzugsteraphien machen .verrückte Welt . Hoffe es kommt das Grundeinkommen , dann wäre schon einmal die Arbeitssucht weg , und wer weiss vielleicht weniger kranke wegen dem Arbeitsstress , ( gilt nicht für die hohen Einkommen )

  • F. Felix am 22.05.2016 20:13 Report Diesen Beitrag melden

    Die grösste Sucht der Neuzeit

    Ich sag schon lange, dass die Handy-Sucht zurzeit die weitverbreiteste (und in Zukunft kostenspieligste) Sucht aller Süchten überhaupt ist. Ich meine damit nicht die Benutzerkosten, sondern die Gesundheitskosten, welche in den nächsten 10-20 Jahrern aufgrund des absolut irren Handykonsums auf uns zukommen werden. Haltungsschäden, Augenschäden, Fingerschäden und und und. Und da ja heut zu Tage nach dem Handy süchtig sind und es selbst ja nichtmal realisieren, kommen da auch Kosten von Entziehungskuren etc dazu. Think about!

  • Blattherz am 22.05.2016 18:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das eine wollen Sie verkaufen verkaufen und der an

    Ja so ist es genau niemand will mehr sprechen den sie haben Angst.Und wie können die ein Essen geniessen. Ich denke kaum so weit sind wir.

  • Evi am 22.05.2016 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dank an die Globalisierung liebe Aliens

    Schöner Sonntag , hat Mir gefallen , ein herr meier mit dem Mona Lisa Syndrom war auch dabei , der Globslisierung und dem handy sei dank ,