«Man lernt damit umzugehen»

24. Juli 2018 05:42; Akt: 24.07.2018 11:13 Print

Das sagen türkische Secondos zum Fall Özil

von D. Waldmeier - Bei Secondos mit türkischen Wurzeln gibt der Fall Özil zu reden. Viele nehmen den Kicker in Schutz – und ziehen Parallelen zu ihren eigenen Erfahrungen.

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Der Rücktritt von Mesut Özil aus dem Nationalteam hat in Deutschland eine Rassismus-Debatte ausgelöst. In der türkischen Community stärken viele dem Fussballer den Rücken. Sie sehen Parallelen zur Doppeladler-Debatte in der Schweiz.


Emrah Tuna (21), Olten: «Man sollte Politik und Sport nicht vermischen»

«Özil hat recht: Hätte er in der 90. Minute den Siegtreffer erzielt, würde er gar von Neonazis abgefeiert. Jetzt ist er wegen seiner Herkunft der Prügelknabe. Man sollte Politik und Sport nicht vermischen. Wenn er in seiner Freizeit ein Foto mit Erdogan machen will, soll er das. Erdogan ist immerhin der gewählte Präsident der Türkei. Ich selbst bin in der Schweiz geboren, habe aber den türkischen Pass. Politisch halte ich mich lieber raus. In der Türkei bin ich der Schweizer, hier der Ausländer. So ähnlich muss sich Mesut Özil fühlen – man steht irgendwo zwischen Stuhl und Bank. Ich habe auch erlebt, dass Kollegen mit Schweizer Namen bevorzugt behandelt wurden. Das ist aber menschlich, und man lernt damit umzugehen.»


H. G. (42): «Es ist falsch, wenn man gleich die Rassismus-Keule auspackt»

«Das Statement von Mesut Özil stösst mir sauer auf. Es ist falsch, wenn man immer gleich die Rassismus- oder Nazi-Keule auspackt. Wegen solcher Leuten kann es dann passieren, dass echte Rassismus-Vorwürfe nicht ernst genommen werden, da schon zu oft in diese Kerbe geschlagen wurde. Natürlich kommt Rassismus vor, ich habe auch schon eine Wohnung wohl einzig wegen meines Nachnamens nicht bekommen. Özil aber hat einen Fehler gemacht und sich als Sportler in die Politik eingemischt. Er sollte sich auf den Sport konzentrieren – genauso wie Doppeladler-Gesten nichts auf dem Platz verloren haben.»


C. A. (22): «Ich kann mich gut in Özil versetzen»

«Ich bin im Toggenburg geboren und fühle mich mehr als Schweizer denn als Türke. Trotzdem kann ich mich gut in Özil versetzen: Solange alles in Ordnung ist, gehört man dazu. Geht etwas schief, schiebt man es auf die Herkunft. Bei meiner Arbeit als Optiker wurde ich manchmal auf Idiotendeutsch angesprochen – vor allem von älteren Menschen, wenn sie mein Namensschild gesehen haben. Wenn man dann zeigt, dass man kompetent ist, ist es kein Problem mehr. Man hat einfach eine zusätzliche Hürde, die man überwinden muss. Der Fall Özil zeigt, dass es auch bekannten Persönlichkeiten nicht anders ergeht. Ich glaube aber, dass sich mit der Debatte nicht viel ändern wird: Die Vorurteile in den Köpfen gewisser Menschen sind zu festgefahren.»


Can Bilgin (29), Bern: «Man kann die Wurzeln nicht verleugnen»

«Ich bin in der Schweiz geboren und habe zwei Jahre lang in Istanbul gearbeitet. Ich behaupte, ziemlich kritisch gegenüber Erdogan zu sein. Im Fall Özil bin ich aber solidarisch mit ihm: Er ist kein Politiker und hat die symbolische Wirkung des Fotos mit Erdogan unterschätzt. In seiner Lage hätte ich wohl gleich gehandelt: Stellt euch vor, ihr hättet Familie in der Türkei und würdet eine solche Einladung ausschlagen. Das wäre ein Affront und könnte eine mediale Lynchkampagne auslösen, der Familie würden womöglich Repressalien entstehen. In der Debatte um Özil sehe ich Parallelen zur Doppeladler-Debatte in der Schweiz: Man kann die Wurzeln nicht verleugnen, trotzdem schlägt das Herz auch für die Schweiz oder im Falle Özils für Deutschland. Es sind die Medien, die daraus ein Problem konstruieren – im Alltag habe ich nicht das Gefühl, dass man mich nicht als Schweizer akzeptiert.»


Mustafa Ilhan (26), Adlikon: «Wir sind in der Türkei Ausländer und in der Schweiz Ausländer»

«Ich bin mit zehn Jahren aus der Türkei in die Schweiz gekommen. Inzwischen habe ich beide Pässe. Wir sind in der Türkei Ausländer und in der Schweiz Ausländer. So geht es auch Özil: Er spricht besser Deutsch als Türkisch, trotzdem akzeptiert man ihn nicht als Deutschen. Ich arbeite in der Qualitätskontrolle und bin ziemlich schweizerisch. Wenn ich etwas gut mache, heisst es: ‹Hier zeigt sich der Schweizer in dir!› Wenn ich etwas schlecht mache, heisst es, der Türke scheine durch. Das nervt schon. Dass Özil Präsident Erdogan getroffen hat, ist okay. Wäre ich nach Australien ausgewandert, würde ich mich auch mit Ueli Maurer treffen. Die Rassismus-Debatte bewirkt, dass wir sensibilisierter werden, das hat man auch bei der #MeToo-Debatte gesehen. Wir dürfen aber auch nicht überborden und gleich überall Rassismus wittern.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Spyy83 am 24.07.2018 06:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sie wollen es nicht verstehen

    die leute sind einfach naiv, wenn sie hinter özil stehen. sich mit einem präsidenten zu treffen ist das eine, aber hier hat er sich mit erdogan getroffen. ein präsident der mit zweifelhaften methoden an die macht kam, menschenrechte ignoriert und kritiker mundtot macht. wie kann jemand der in einer demokratie grossgeworden ist, sowas unterstützen?

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  • SPUTIM69 am 24.07.2018 06:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einseitig

    Immer sich in diese Opferrolle sehen Es nervt langsam. Rassistisch kann man nur gegen eine Minderheit sein... aber warum? Warum können offiziell nur Schweizer eassistisch sein. Oder nur Weisse. Hört mal hin wie die von uns reden. Da sagt keiner was.

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  • Bume83 am 24.07.2018 06:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Entscheiden

    Entweder oder, aber nicht beides. Entweder sieht er Erdogan als seinen Präsidenten oder trägt das Deutsche Nati Shirt, beides geht nicht. Genau gleich wie Shaqiri und Co. Entweder CH Nati oder Doppeladler. Sonst sind solche Leute selber Schuld wenn sie zwischen Stuhl und Bank stehen.

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  • muss man wissen am 24.07.2018 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    allzu bequeme Opferrolle

    man macht es sich viel zu einfach wenn man sich in eine Opferrolle flüchtet. Dadurch schiebt man jede Verantwortung von sich, auch wie man wahrgenommen wird. An seinem Image kann jeder selber arbeiten. Vorurteile wird es immer geben, viele davon sind eigentlich harmlos, sofern man eine etwas entspannte innere Einstellung hat. Was ich völlig kontraproduktiv finde ist, dass in letzter Zeit überall Rassismus/Sexismus hineininterpretiert wird, auch da wo keiner ist. Wenn man ständig den Feueralarm auslöst obschon es nirgendwo brennt, dann wird irgendwann ein echter Alarm nicht mehr ernstgenommen.

  • magoA am 24.07.2018 11:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    typisch deutschland

    in einem geb ich recht : wenn jemand erfolgreich ist , nennen die deutschen unser ........... ! wenn nicht ist er ein ausländer ! das sieht man in der musikbranche zu hauf !

  • leser20min am 24.07.2018 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    seine Probleme wollen andere haben

    Ich habe keinen Schweizer Pass, lebe & arbeite aber seit 20 Jahren in diesem Land und beklage mich nicht. Wenn ich alles auf meine Herkunft reduziere, und damit begründe, wäre ich überall "Ausländer", doch das ist dann meine Schuld & meine Einstellung. Vielmehr muss ich durch mein Wesen, Auftreten, Leistung überzeugen, oder eben das was ich unterlasse. Als Multimillionär in London, der in diesem Job eben auch durch Publicity bezahlt wird, kann man sich nicht die Rosinen rauspicken und dabei über Rassismus in Deutschland beklagen.

  • Hamster Backe am 24.07.2018 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Finger weg

    Das Hauptproblem besteht auch vor allem darin, dass zu diesem Zeitpunkt die Beziehung zwischen Deutschland und Türkei nicht gerade gut wahr und der türkische President diese Bilder dafür ausnutzte um genau diese Situation hervorzurufen. Ich denke hätte Özil zu diesem Zeitpunkt ein Foto mit Frau Merkel gemacht hätte wäre es in der Türkei auch nicht gut angekommen. Deshalb Finger weg und sich nicht instrumentalisieren lassen!

  • Alex am 24.07.2018 09:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doppelmoral

    Ja, Erdogan ist ein Diktator und seine Wahl sum Präsidenten ist äusserst fragwürdig und nicht demokratisch. Fragen sollte man sich aber wieso er so etwas nicht darf und wieso es aber ganz okay ist, dass kein europäisches Land Sanktionen gegen die Türkei erhoben hat und wieso immer noch alle Staatsoberhäupter mit ihm zusammenarbeiten. Genau diese Doppelmoral stört mich in dieser Situation. Merkel kritisiert zum Beispiel immer wieder Erdogan, doch sie trifft sich mit ihm und pflegt die Kontakte zur Türkei. Deshalb gebe ich Özil Recht und verstehe sein Entscheidung voll und ganz.