Fall Rupperswil

14. September 2018 05:42; Akt: 14.09.2018 07:19 Print

«Man wird sich hüten, ihn wieder freizulassen»

Der forensische Psychiater Ralph Aschwanden geht davon aus, dass die Verwahrung von Thomas N. auch vor Obergericht Bestand hat.

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Die Gerichtszeichnung zeigt Thomas N. zusammen mit Verteidigerin Renate Senn (rechts). Das Bezirksgericht Lenzburg tagte in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil. Im März 2018 verurteilte es Thomas N. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Amtliche Pflichtverteidigerin: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn ist Spezialistin für Strafrecht und verteidigt den geständigen Täter. Sie zieht den Fall weiter ans Obergericht. Der heute 34-jährige Schweizer Thomas N. hat die Tat nach seiner Festnahme im Mai 2016 gestanden. Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter. In einem Rucksack, den die Polizei bei der Durchsuchung im Haus des Täters fand, fanden sich eine Pistole, Fesseln und Klebeband. (13. Mai 2016) Die Tat: Am 21. Dezember 2015 wurden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre 13- und 19-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet. Kriminaltechniker am Tatort. Ein Brand sollte die Spuren am Tatort verwischen. (21. Dezember 2015) Zuvor hatte der Täter die 48-jährige Carla S. gezwungen, an einem Bancomaten 10'000 Franken abzuheben. (21. Dezember 2015) Die Tat schockierte die Gemeinde Rupperswil: Bewohner gedenken der Opfer mit Kerzen. (24. Dezember 2015) Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitete den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016) Die Polizei tappte lange im Dunkeln: Die Aargauer Behörden setzten eine Prämie von 100'000 Franken aus für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten. (18. Februar 2016) Thomas N. wurde fünf Monate nach der Tat gefasst: Barbara Loppacher, leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim über die Festnahme. (13. Mai 2016)

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Herr Aschwanden, der Vierfachmörder von Rupperswil will vor Obergericht erreichen, dass seine Verwahrung aufgehoben wird. Warum akzeptiert er das Urteil nicht?
Das machen viele Täter. Besonders empathie- und reuelose, psychopathische Täter reizen juristische Mittel maximal aus. Schon im Prozess äusserte Thomas N. die abwegige Vorstellung, wieder Teil der Gesellschaft zu werden. Offenbar sieht er sich nicht als rückfallgefährdet oder glaubt, dass in unserem auf Reintegration ausgelegten Strafrecht einfach jeder wieder freikommt, der willig an Psychotherapie teilnimmt. Ein Weiterzug jedenfalls spricht gegen ein aktuelles Problemverständnis, gegen eine vernünftige Realitätseinschätzung und sagt viel über seine Persönlichkeit aus. Bei Menschen, die zu solchen Taten fähig sind, ist ein solches Verhalten im Strafprozess zu erwarten gewesen.

In einem Rechtsstaat ist es normal, dass man ein Urteil anfechten kann.
Er hat das Recht, in Berufung zu gehen – und es schadet auch nicht, wenn sich mehrere Instanzen mit einem solch schweren Fall befassen müssen. Unsere Justiz ist es sich nicht gewohnt, mit solch schweren Tätern umzugehen.

Warum?
Weil das Strafrecht stark auf Reintegration ausgelegt ist. Und auch wenn es öffentlich kaum jemand zu sagen wagt: Wahrscheinlich jeder Jurist und forensischer Psychiater – wie auch der Rest der Bevölkerung – erschaudert, wenn man bei so einem Täter das Wort «Reintegration» in den Mund nimmt. Dass nun aber Gesetzesänderungen vorgeschlagen werden, etwa eine Verlängerung der minimalen Dauer der lebenslänglichen Freiheitsstrafe, zeigt die Wirkung solcher Prozesse, die in einer breiten Öffentlichkeit geführt werden.

Werden für das Berufungsverfahren neue Gutachten nötig sein?
Es sind bereits zwei Gutachten gemacht worden, die das Bezirksgericht Lenzburg berücksichtigt hat. Diese sind nicht in allen Punkten deckungsgleich. Thomas N. kann sie aber nur ablehnen, wenn sie mangelhaft wären.

Wie schätzen sie die Chancen ein, dass Thomas N. vor Obergericht gewinnt?
Ich rechne nicht damit, dass die ordentliche Verwahrung aufgehoben wird. Die Chance, dass er irgendwann entlassen wird, ist relativ klein. Man wird sich hüten, ihn wieder freizulassen, denn niemand wird je mit genügender Sicherheit sagen können, was sich hinter seiner Fassade wirklich verbirgt und dass er nie wieder solche Taten begehen wird.

(daw)