Ungewollte Schwangerschaft

29. Juni 2019 21:52; Akt: 05.07.2019 01:37 Print

«Mein Freund drängte mich zur Abtreibung»

von J. Käser - Der Abtreibungsentscheid liegt bei der Frau, nicht selten aber üben Partner Druck aus. Männer seien dem Willen der Frau komplett ausgeliefert, das führe zu Ohnmacht, sagen Experten.

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«Mein damaliger Freund drohte mir, mit den Fäusten gegen meinen Bauch zu schlagen, damit ich das Kind verliere. Ich habe abgetrieben, weil ich mit 19 nicht alleinerziehend sein wollte», erzählt Léonie* (23). Sich für oder gegen ein Kind zu entschliessen, ist eine der schwierigsten Entscheidungen des Lebens. Rechtlich gesehen liegt sie bis zur 12. Schwangerschaftswoche bei der Frau. Doch wie verschiedene 20-Minuten-Leserinnen berichten, üben Männer nicht selten erheblichen Druck aus, um den Entscheid zu beeinflussen.

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Sollen Männer bei Abtreibungen mitentscheiden dürfen?

So auch bei Andrea (35)*: «Ich trieb mit 23 ab. Mein Freund wollte das Kind nicht. Er drängte mich solange, bis ich psychisch nicht mehr konnte.» Im Falle eines sogenannten Schwangerschaftskonflikts können sich Betroffene an anerkannte Beratungsstellen wenden. Die Kantone sind gesetzlich dazu verpflichtet, Schwangerschaftsberatungsstellen zu führen, die unentgeltlich beraten – auch der potenzielle Vater hat als unmittelbar Beteiligter Anspruch auf eine kostenlose Beratung.

Beratungsangebot weitgehend unbekannt

Sibylle Ming, Sozialarbeiterin bei der Beratungsstelle «Sexuelle
Gesundheit Aargau», führt solche Beratungsgespräche. «Meistens kommen die Frauen allein zu uns. Wir empfehlen ihnen aber, den Partner oder Kindsvater mitzunehmen. Als neutrale Stelle beraten wir weder Richtung Schwangerschaftsabbruch noch dagegen.» Falls beide Partner anwesend seien, würde die Situation beider angehört. Am Ende liege der endgültige Entscheid aber bei der Frau, da es um ihren Körper gehe, über den niemand sonst bestimme solle.

Dass Frauen teils unter Druck gesetzt werden, hört Ming regelmässig. Männer täten dies meist aufgrund eines Ohnmachtgefühls – auch deshalb, weil sie wüssten, dass der endgültige Entscheid bei der Frau liege. Ming empfiehlt betroffenen Männern, sich an eine Beratungsstelle zu wenden,
um nicht mit unnötigem Druck der Frau den Entscheid zu erschweren. «Noch immer wissen viele Männer nicht über unser kostenloses Angebot Bescheid.» Dass Männer von sich aus Hilfe suchten, sei sehr selten.

«Eine Abtreibung rettet keine Beziehung»

«Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Frauen nach einem Abbruch dann die beste Aussicht auf psychische Gesundheit haben, wenn sie ohne Druck von aussen entscheiden können», sagt Ming. Frauen wiederum werde klargemacht, dass es falsch sei, ein Abbruch zuliebe ihres Partners durchzuführen, um die Beziehung zu retten. «Ein Abbruch ist keine Garantie für das Fortbestehen der Beziehung. Ein Schwangerschaftskonflikt ist für ein Paar immer eine starke Krisensituation. Es ist ein klassisches Dilemma: Es gibt keine gute Lösung, sondern nur zwei belastende.»

Schliesslich beobachte sie, so Ming, dass Kondome unter Männern allgemein oft nicht akzeptiert seien, zu häufig werde darauf verzichtet. Doch Verhütung sei Sache von beiden: «In diesem Fall müssen sich Männer, die die Frau durch Druckausübung beeinflussen wollen, bewusst sein, dass sie sich nicht einfach aus der Verantwortung ziehen können.» Im
Allgemeinen liesse sich durch eine zuverlässige Verhütung eine ungeplante Schwangerschaft meist vermeiden.

«Ein Informationsrecht wäre das Mindeste»

Daniel Bekcic von Männer.ch bestätigt das Ohnmachtsgefühl, das Männer in solchen Situationen überkommen kann. Die Auffassung darüber, ob ein Kind ausgetragen werden solle oder nicht, weiche wohl nicht selten von derjenigen der Mutter ab. «Weil die letzte Entscheidung bei der Frau ist, die Verantwortung für den Aufzug und Unterhalt des Kindes aber ebenso selbstverständlich bei beiden liegt, ist der Mann dem Willen der Frau ausgeliefert.» Das sei überholt, da es nicht der partnerschaftlichen Elternschaft mit gleichen Rechten und Verpflichtungen entspricht: «Die Entscheidung über eine Abtreibung sollte deshalb wenn möglich zusammen gefällt werden», sagt Bekcic.

Ein gesetzliches Vetorecht geht Bekcic zu weit, aber: «Ein Informations- und Anhörungsrecht ist das Mindeste, das eingeführt werden sollte.» Männer.ch fordere deshalb, dass dem Mann die Mitsprache ermöglicht werde, bevor der endgültige Entscheid gefällt werde. Das heisst, die Frau müsste den Kindsvater über die Schwangerschaft informieren und das Gespräch suchen. Schliesslich sei bereits die Verhütung die Angelegenheit von beiden, so Bekcic. «Es braucht für jeden der Schritte zwei – nur zum Austragen des Kindes nicht. Daher bleibt die letzte, sehr persönliche Entscheidung im Zweifelsfall bei der Frau.»

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Toni Maccaroni am 29.06.2019 22:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auch ein Kind ist nicht unbedingt die Rettung...

    Eine Abtreibung rettet keine Beziehung. Ein Kind auch nicht. Ich weiß wovon ich hier spreche....

  • Foolio am 29.06.2019 23:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmmm...

    Frühzeitige Aufklärung, richtige Verhütung und das Thema muss gar nicht erst auf den Tiach kommen. Sorry, klingt hart, aber so wurde ich erzogen und so hat's funktioniert!

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  • Findnicht am 29.06.2019 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben nicht das Recht dazu

    Nie würde ich eine Frau zur Abtreibung nötigen. Auch wenn die Umstände schwierig sind, alles ist irgendwie lösbar.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Frau am 01.07.2019 13:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstverantwortung

    Jeder Mann kann ein Kondom benützen und er übernimmt Eigenverantwortung.

    • WaleLi am 01.07.2019 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Frau

      Die meisten Kondome sind dicht, trotzdem gibt es Ausnahmen, oder in der Hitze des Gefechtes platzt eines. Die Spermien nutzen jede noch so kleine Gelegenheit schamlos aus und versuchen, das Ei zu finden und zu befruchten, allzu oft mit Erfolg. Bitte lesen auch Sie als Frau die Packungsbeilage.

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  • Jack Sturges am 01.07.2019 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Geschlechtsgenossen

    Überlegt Euch doch einfach vorher über die Konsequenz was ihr wo mit Eurem Geschlechtsteil macht. Dann erübrigt sich doch die ganze Diskussion.

    • WaleLi am 01.07.2019 15:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Jack Sturges

      Guter Gedanke, aber da gibt es so eine Sache: Den Geschlechtstrieb.

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  • m.h. am 01.07.2019 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung

    Nun ich denke sowas ist ein schwieriges Thema. Erstens kann man verhüten. Zweitens ein Mann bezahlt ja nacher evtl sogar sein Leben lang falls die Frau zu faul ost wieder Arbeiten zu gehen. Ich finde das Thema sehr sehr schwierig aber Grundsäzlich hat jedes Lebewesen doch ein Recht darauf zu leben

  • Sie staunt am 01.07.2019 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Es geht nicht um eine Schuldzuweisung

    Wenn beide das Kind behalten wollen - super, alle sind glücklich. Wenn nur Sie oder nur Er das Kind behalten will, dann gehts nicht auf. Falls der Mann das Kind will die Frau aber nicht, kann Sie immer noch ohne seine Zustimmung abtreiben? Finde ich korrekt solange Frau nicht erwartet dass der Mann für das Kind bezahlt/beteiligt ist bei der Erziehung falls er das Kind nicht wollte und umgekehrt. (Wir reden hier von ungeplanter Schwangerschaft beim nicht funktionieren der Verhütung) Wer das Kind will, soll auch alleine dafür da sein können. Ohne das sehe ich leider keine Gleichberechtigung.

  • notes713 am 01.07.2019 10:14 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung

    Abtreibung ist ein heikles Thema. Aber gerade in den Diskussionen um die Gleichberechtigung von Mann und Frau kann es nicht sein, dass nur ein Teil alleine eine Entscheidung fällen kann und über die andere Person entscheiden kann. Wenn eine Frau sich für das Kind entscheidet und der Vater eine Abtreibung befürworten würde, sollte die Frau auf die finanzielle Unterstützung verzichten müssen. - Ob das eine gute Voraussetzung für das Kind ist? - Abgesehen davon gibt es schon genug Leute auf der Welt.

    • xerox am 01.07.2019 11:18 Report Diesen Beitrag melden

      etwas komplexer

      Im Gegenzug müsste dann aber, bei einem psychischen Schaden, wenn Frau Mann zu liebe abgetrieben hat, der Mann die kompletten Kosten tragen. Zusätzlich, bei ihrem Vorschlag würde es zwangsläufig bedeuten dass der Steuerzahler für das Kind aufkommen muss. Wieso soll ICH dafür aufkommen wenn zwei nicht verhüten konnten? Die Kosten wird nämlich nicht die Frau tragen, zumindest die wenigsten, wenn man sich die Armutszahlen ansieht.

    • Jack Sturges am 01.07.2019 12:39 Report Diesen Beitrag melden

      so ein käse...

      Bei aller Freude an der Körperlichkeit muss man immer die Konsequenz im Kopf behalten.... nicht nacher darüber jammern.

    • Tim R. am 01.07.2019 12:42 Report Diesen Beitrag melden

      Genau meine Meinung

      Schliesse mich deiner Meinung an!

    • Frau am 01.07.2019 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @notes713

      Der Mann kann eine ungeplante Schwangerschaft verhindern in dem er verhütet. So arm sind sie doch nicht. Sie dürfen selbst entscheiden, ob ein Kind entsteht oder nicht. Ein hoch aud das Kondom.

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