Lausanner Studentin

01. Juli 2019 19:10; Akt: 02.07.2019 00:10 Print

«Meine Mutter schoss fünfmal auf mich»

von Qendresa Llugiqi - Patrizia Mori (29) wurde von ihrer Mutter angeschossen und sitzt seither im Rollstuhl. Ihr Herzenswunsch: wieder gehen zu können. Nun soll ein Crowdfunding helfen.

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Es ist der 29. Juni 2017: Die Mutter von Patrizia Mori (29) feuert mehrere Schüsse auf ihre Tochter ab. Während einige Kugeln den zierlichen Körper verfehlen oder zu keinen schwerwiegenden Verletzungen führen, stellt eine Kugel das Leben von Mori auf den Kopf.

«Sie schoss insgesamt fünfmal auf mich. Warum, weiss ich bis heute nicht. An der Verhandlung von letzter Woche soll sie sich recht vage gehalten haben. Ich vermute aber, dass sie erweiterten Suizid begehen wollte, weil sie in dieser Zeit zutiefst depressiv war», sagt die Lausannerin zu 20 Minuten über die heute 63-jährige Italienerin.

Heute will Mori nicht detailliert auf den Vorfall eingehen, erinnert sich aber: «So seltsam, wie das klingt: Sie schien ihre Tat noch im gleichen Moment zu bereuen. Als ich ihr schwer verletzt sagte, dass ich meine Beine nicht mehr spüre, rief sie die Polizei.» Mori sei nur ein Gedanke durch den Kopf gegangen: «Sie hatte mir unter Einfluss von Medikamenten schon zuvor immer wieder damit gedroht, mich umzubringen. Als es so weit war, dachte ich nur, dass sie ihre Drohungen nun in die Tat umsetzt.»

Zweimal reanimiert

Auf dem Weg ins Spital ist Mori zweimal bewusstlos gewesen und musste reanimiert werden: «Während des zweiten Herzstillstands musste der Chirurg im Spital meine Brust öffnen, um an eine Kugel an der Aorta zu kommen. Diese hatte mich zuvor am Rückenmark verletzt.» Daraufhin wurde sie für drei Tage in ein künstliches Koma versetzt. In einem nächsten Schritt kam sie für sechs Monate in das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil LU. Ganz erholt habe sie sich bisher nicht: Seit dem Vorfall sitzt Mori im Rollstuhl, weil sie von der Taille abwärts gelähmt ist. Ausserdem wurde diesen März noch eine weitere Kugel aus ihrem Körper entfernt. Sie steckte in ihrer Lunge fest.

«Zwar kamen Freunde vorbei, um mich zu besuchen. Trotzdem fühlte ich mich einsam. Dies wurde dadurch verstärkt, dass kaum jemand Französisch konnte», erinnert sich Mori. Einsam habe sie sich aber auch schon vorher gefühlt: «Als ich früher mit Bekannten über die Drohungen meiner Mutter sprach, nahmen sie mich nicht erst. Unser Leben schien von aussen wohl perfekt. Sie arbeitete als Pharmazeutin und ich studierte. Wir hatten ein gutes Leben», erinnert sich die Studentin.

Neutrale Gerichtsverhandlung

Auch nach dem Vorfall hätten viele Leute nicht gewusst, wie sie mit ihr umgehen sollten: «Einige meinten sogar, dass ich aufhören sollte, das Opfer zu spielen, und endlich stark sein müsse. Als ich nach Lausanne zurückkehrte, musste ich mich selbst um eine Wohnung kümmern und eine IV-Rente beantragen.» Diese erhalte sie bis heute nicht, die Studentin lebt von der Sozialhilfe: «Als ich letzten Montag am ersten Verhandlungstag aussagen musste, zeigte sich auch der Richter überrascht, dass ich bisher noch nichts erhalte.»

Laut «Le Matin Dimanche» bat Mori darum, in Abwesenheit ihrer Mutter aussagen zu dürfen. Mori erklärt: «Ich wollte, dass die Verhandlung so neutral wie möglich abläuft. Meine Mutter hat mich bisher nicht gesehen, auch nicht im Rollstuhl.» Am Freitag habe sie dann von ihrer Anwältin den Entscheid des Gerichts erfahren. Laut «Le Matin Dimanche» ist Moris Mutter zu acht Jahren Gefängnis und einem Landesverweis verurteilt worden. Weiter muss sie sich einer ambulanten psychotherapeutischen Behandlung unterziehen. Zu 20 Minuten sagt Mori: «Es ist zu viel. Sie ist alt und muss intensiv gepflegt werden. Im Gefängnis wird dies kaum möglich sein.»

Crowdfunding gestartet

Auch wenn ihre Mutter auf sie geschossen habe, hoffe Mori, dass die beiden Frauen nach der Haft wieder zueinanderfinden. «Ich weiss nicht, ob wir je eine normale Mutter-Tochter-Beziehung hatten. Schliesslich musste ich mich wegen ihrer Depression und der Medikamentensucht oft um sie kümmern. Aber ich will, dass wir beide eine Chance auf ein besseres Leben haben.»

Ein anderer Herzenswunsch von ihr sei, sich in den USA behandeln zu lassen, weil sie gehört habe, dass die Reha-Medizin dort viel weiter sei. Auch ihre Ärzte aus der Schweiz würden sie darin unterstützen. «Natürlich bin ich bereits jetzt glücklich, dass ich noch am Leben bin. Aber ich weiss, dass mein Traum vom Aufstehen und Gehen möglich ist. Da mir aber das Geld für die Therapie fehlt, habe ich das Crowdfunding Make Patrizia walk again auf Gofundme gestartet.»