Attentate

05. August 2016 21:50; Akt: 05.08.2016 21:50 Print

«Messer sind gefährlicher als Pistolen»

Würzburg, Rouen, London: Auffällig häufig verwenden Attentäter primitive Waffen wie Messer oder Macheten. Laut einem Sicherheitsexperten sind die gefährlicher als Schusswaffen.

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Bei den jüngsten Attentaten in Europa griffen Täter öfters auf einfache Waffen zurück. Der Attentäter von Würzburg etwa war mit einer Axt bewaffnet, der Täter von Reutlingen tötete sein Opfer mit einer Machete und verletzte mehrere Personen damit. Auch die Attentäter von Rouen töteten ihr Opfer mit einem Messer. Und beim jüngsten Vorfall in London, bei dem eine Frau getötet und fünf Menschen verletzt wurden, benutzte der Täter ebenfalls ein Messer.

Das verwundert Patrick Carruzzo nicht. Der Gründer der Académie Suisse de Sécurité in Genf sagt zu «Le Matin»: «Wir konzentrieren uns auf Schusswaffen, weil sie eine gesellschaftliche Debatte ausgelöst haben, aber das Messer ist die gefährlichere Waffe.» Das Problem: «Jeder kann eines haben. Du kannst für drei Franken ein Messer kaufen und hast eine furchterregende Waffe in den Händen. Es ist nicht einmal nötig, den Umgang damit zu erlernen.» Diese Tatsache bringe Psychopathen gleichermassen auf Ideen wie Terroristen.

«Kann mehrere Minuten dauern, bis man merkt, was passiert»

Alexandre Vautravers, zuständig für Sicherheitsfragen beim Global Studies Institute an der Universität Genf, pflichtet Carruzzo bei: «Seit einem Jahr ruft der IS dazu auf, die Attentate mit den gerade verfügbaren Mittel zu begehen.» Der Chefredaktor der Revue Militaire Suisse verweist auf das eigentliche Ziel der Terroristen: «Natürlich wollen sie so viele Opfer wie möglich töten, aber gleichzeitig wollen sie Angst und Schrecken verbreiten.» Paradoxerweise würden Messerattacken grössere Angst verbreiten als Attentate mit Schusswaffen. «Es gibt einem das Gefühl, dass einen jeder überall angreifen kann», so Vautravers' Analyse.

Ausserdem sei eine Stichwaffe diskreter. «Es ist nicht schwierig, sich eine Pistole zu besorgen. Aber das braucht Zeit und man riskiert, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.» Auch bei der Tat sei ein Messer unauffälliger: «Es gibt keinen Schuss, der ertönt. In einer grossen Menschenmasse kann es mehrere Minuten dauern, bis man merkt, was eigentlich gerade passiert, selbst wenn man nur wenige Meter entfernt ist.»

Erste-Hilfe-Kurse bereits im Schulalter

Ein Messer sei zudem einfach in der Tasche oder der Hand zu verbergen, ergänzt Carruzzo. Und es gibt Modelle aus Karbon, bei denen Metalldetektoren nicht anschlagen. Doch aus psychologischer Sicht ist die Handhabung einer Stichwaffe nicht ganz einfach. «Man spürt die Klinge in das Opfer eindringen. Wer so etwas macht, muss eine enorme Aggressivität und einen schwierig einzuordnenden Wahn in sich tragen», sagt Carruzzo.

Der Experte warnt davor, sich zu leichtsinnig gegen Messerattacken zu wehren: «Die Leute denken, ein Angreifer mit Messer sei einfach zu überwältigen. Das ist falsch. Bei einer Schusswaffe gibt es einen Punkt, der gefährlich ist. Beim Messer sind es mindestens zwei, oft auch drei: Die Spitze des Messers und die scharfen Kanten.» Carruzzo begrüsst deshalb Erste-Hilfe-Kurse bereits im Schulalter. «Man kann sich ja auch zu Hause in der Küche schneiden.»

Das Attentat von London:

Reaktionen auf das Attentat in Rouen:

Die Tat in Reutlingen:

Die Axt-Attacke in Würzburg:

(vro)