Tieflöhne

16. Juli 2019 10:24; Akt: 16.07.2019 10:24 Print

Wieso sind die Löhne im Detailhandel so tief?

473'700 Personen in der Schweiz verdienen monatlich weniger als 4335 Franken. Trotzdem seien solche Jobs sehr wichtig, sagt der Arbeitsmarktforscher George Sheldon.

In dieser Auswahl von Berufen erhalten Angestellte einen sogenannten Tieflohn.
Zum Thema
Fehler gesehen?

Herr Sheldon*, wieso gibt es in Restaurants, Hotels, im Detailhandel oder in Coiffeursalons derart viele Tieflohnstellen?
Viele dieser Stellen – vor allem in der Gastronomie – können von jedem ohne berufliche Qualifikation oder deutsche Sprachkenntnisse ausgeübt werden. Ungelernte, Studenten oder Ausländer: Die Eintrittsschwelle für einen solchen Job ist meist sehr tief. Im Coiffeurbereich ist hingegen die Konkurrenz sehr gross. Die vielen Salons und Coiffeure sorgen für ein Überangebot, was zu weniger hohen Erlösen und dadurch weniger höhen Löhnen führt.

Zwei Drittel der 473'700 Personen mit einem Tieflohnjob sind Frauen. Wie kommt das?
Viele Jobs in den oben genannten Branchen kann man relativ gut Teilzeit ausüben. Für arbeitswillige Frauen, die Beruf und Familie unter einen Hut bringen wollen, sind solche Jobs oft die einzige Möglichkeit, arbeitstätig zu sein. Gleichzeitig nimmt der Anteil der Frauen in solchen Tieflohnjobs ab, weil sie immer besser ausgebildet sind und ihre Karriere nicht im Tieflohnsegment machen.

Zahlreiche Personen kommen mit einem Tieflohnjob nicht über die Runden. Braucht es einen Mindestlohn?
Das ist sehr schwierig zu beantworten. Ein tiefer Mindestlohn hätte allenfalls gar keine grossen Auswirkungen. Ein verhältnismässig hoher Mindestlohn könnte hingegen durchaus auch negative Konsequenzen haben, wenn etwa dadurch Arbeitsplätze verloren gehen. Es ist aber alles auch eine Frage der Ansprüche: Man sollte nicht davon ausgehen, dass man mit einem Job in einem Fast-Food-Restaurant eine Familie ernähren kann. In keinem Land der Welt ist das möglich.

Mehr als die Hälfte der Tieflohnstellen wird von Ausländern besetzt. Übernehmen sie die Jobs, die Schweizer nicht wollen?
Im Arbeitsmarkt gibt es es eine Art Nahrungskette: Personen ohne geeignete Ausbildung oder Sprachkenntnisse müssen sich mit den Jobs zufriedenstellen, die es gibt. Also ja: Diese Leute übernehmen die Jobs, die gut ausgebildete Schweizer nicht wollen. Für diese Personen sind solche Jobs aber sehr wichtig, um in der Schweiz Fuss zu fassen. Ihre Kinder streben aber oft nach mehr und geben sich nicht mit Jobs aus dem Tieflohnsegment zufrieden.

(dk)