Stigmatisierung

22. November 2018 08:14; Akt: 22.11.2018 08:14 Print

Sollen Schweizer Schulen Luxus-Kleider verbieten?

An einer englischen Schule werden Luxus-Winterjacken verboten. Ist diese Massnahme auch in der Schweiz nötig? Lehrer winken ab.

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An einer Schule im Nordwesten Englands sind teure Winterjacken von Marken wie Canada Goose oder Moncler künftig verboten. Damit wolle sie weniger privilegierte Kinder schützen, die sich unter Druck gesetzt fühlen könnten, sagte die Schulleiterin Rebekah Phillips zu CNN. Die Luxuskleider der anderen könnten ärmere Kinder stigmatisieren. Die teuren Winterjacken kosten bis zu 1200 Franken.

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Sollen Schulen Kleidervorschriften machen?

Ein solches Verbot sei in der Schweiz nicht nötig, sagt
Tina Hascher, die an der Universität Bern zu Schule und Unterricht forscht. «Wenn die Kinder keine Luxusjacke mehr tragen, aber mit dem Bentley zur Schule gefahren werden, ist das Problem nicht gelöst, sondern nur verschoben», sagt sie.

«Müssen Unterschiede anders angehen»

Nicht nur die Schule und die Kinder müssten sich mit der Problematik auseinandersetzen, auch die Eltern würden eine zentrale Rolle spielen. «Unsere Schule ist eine Schule für alle und soll alle zusammenbringen.»

Im Vergleich zu England sei das hiesige Schulsystem föderalistisch, die Schulkulturen seien unterschiedlich. «Wir müssen den sozialen Unterschied anders angehen», sagt Hascher. Wichtig sei es, die Gemeinschaft zu fördern – etwa mit kreativen Schulanlässen, an denen sich arme und reiche Familien besser kennen lernen könnten und sich als Teil einer Partnerschaft mit der Schule verstehen würden. «Alle Elternteile müssen sich wertgeschätzt fühlen.»

«Verbot übersteigt Legitimation»

Christian Hugi, der Präsident des Zürcher Lehrerverbands, weiss von Einzelfällen, in denen teure Kleider der einen Schüler zum Problem wurden. «Kinder können andere unter Druck setzen, weil ihre Familien weniger Geld haben. Das kann in extremen Fällen sogar zu Mobbing führen», sagt er. Von einem Verbot hält er trotzdem nicht viel: «Die Schweiz hat keine Tradition von Kleidervorschriften. Ein Verbot würde die Legitimation der Schulen übersteigen.»

Zudem sei die Problematik nicht gross. «Wenn ein solcher Fall auftritt, kann man andere Lösungen finden», sagt Hugi. So gebe es etwa im Kanton Zürich mittlerweile an fast jeder Schule Schulsozialarbeiter, die mit den Schülern reden könnten. Ein solcher Vorfall könne aber auch für Lehrpersonen ein guter Grund sein, mit den Schülern zu philosophieren – «etwa indem man mit ihnen über die Güterverteilung spricht und das Thema unter dem ethischen Aspekt anschaut», sagt Hugi.

Schüler stehen hinter Idee

Auch beim Dachverband der Schweizer Lehrer kommt die Idee schlecht an. «Wir sprechen uns klar gegen schulinterne Kleidervorschriften aus», sagt Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle. Behördlich verordnete Kleidervorschriften seien kontraproduktiv. Stattdessen empfehle der Verband, Hinweise auf angemessene Kleidung herauszugeben und das Gespräch mit Eltern und Schülern zu suchen. «Man soll diskutieren, welche Kleider man trägt, und wie das zu einer Benachteiligung anderer Kinder führen kann», sagt Schwendimann.

Bei den 11- bis 16-jährigen Schülern der englischen Schule kommt die neue Kleiderpolitik hingegen gut an. Schulleiterin Phillips sagt, eine ehemalige Schülerin habe sie sogar dafür gelobt. «Sie meinte, die Schule sei kein Ort, an dem die wirtschaftliche Situation eines Menschen ihn vom Lernen ablenken sollte.»

(nzy/ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Klärchen am 22.11.2018 08:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umdenken

    Ein Schritt in die bessere Richtung könnte auch sein, dass in den Schulen Ethik unterrichtet würde. Werte vermittelt die den Jugendlichen vermitteln, daß Äußerlichkeiten nichts über den wahren Menschen aussagen.

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  • koebi am 22.11.2018 08:29 Report Diesen Beitrag melden

    Trost

    Wenn ich mich an die 'Poser' vor 20 Jahren erinnere und sehe was aus denen geworden ist, kann ich alle beruhigen, die nicht jeden Mist mitmachen.

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  • Aceton am 22.11.2018 08:24 Report Diesen Beitrag melden

    lieber mal die Handys verbieten

    als Luxus-Kleider haben die Kinder mehr davon.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • CH-Meinung am 23.11.2018 21:18 Report Diesen Beitrag melden

    JA GENAU - OBLIGATORISCHE-SCHULUNIFORM

    Diverse Farben für Unter - Mittel - Oberstufen - Klassen wäre eine gute Sache und sieht auch noch schön-gepflegt aus. Selbst im armen Jamaika und diversen anderen Ländern ist die Schuluniform pflicht

  • Schweizer Ente am 23.11.2018 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Mobbing

    Bei uns werden solche Fashionfuzzis gemobbt, bis sie wieder mit normalen Kleidern zur Schule kommen.

    • O du lieber Augustin am 23.11.2018 13:40 Report Diesen Beitrag melden

      Schüler mobben auch schon untereinander.

      @Schweizer Ente, und Ihr sucht aber schon zuvor ein klärendes Gespräch. Mobben ist nicht die feine Art unter Kollegen/innen! Es spricht nicht für Sie und einen starken Charakter. Und das wegen Marken- oder dämlicher Edelklamotten?

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  • Helen E. am 23.11.2018 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Begehrte Markenklamotten

    Es macht keinen Sinn mit teuren Kleidern in die Schule zu gehen, denn gerade teure Jacken und Schuhe werden oft von den Garderoben gestohlen, günstige nicht.

  • Martin am 23.11.2018 10:41 Report Diesen Beitrag melden

    Überall in der Öffentlichkeit

    Bin dafür dies für alle öffentlichen Räume zu machen, da ich mir dank Dumpinglöhnern, Sozialabbau zugunsten des Asylwesen / Entwicklungshilfe und Digitalisierung, sowieso nur secondhand Kleider leisten kann. Das tragische ist dass mein Nachbar, der mit 6 Familienmittgliedern wie Tiere in einer 3 Zi-WHg lebt, sich einen BMW, das neuste Gayphone und zweiwöchentliche Schoppingstrips nach DE leisten kann.

    • Thomas Behn am 23.11.2018 12:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Martin

      Neid ist schon eine schlimme Sache. Warum interessiert es Sir wie Ihr Nachbarn lebt? Wenn er in einer 3 Zimmerwohnung lebt ist es sein Problem und nicht das von Ihnen. Es sollte Ihnen auch egal sein was er für einen Wagen hat und wohin er damit fährt. Was machen Sie eigentlich den Tag? An der Wand horchen und Nachbarn ausspionieren?

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  • Mike am 23.11.2018 10:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst gut sein

    Die Schweizer Schulen sollten sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, nämlich derUnterricht unserer Kinder. Die Erziehung könnt ihr getrost den Eltern überlassen, einschliesslich was meine Kids anziehen, essen und in ihrer Freizeit unternehmen.