Waffendeal in Italien

15. Juli 2019 19:16; Akt: 16.07.2019 07:41 Print

«Es ist möglich, dass er die Rakete im Netz kaufte»

Bei Ermittlungen in rechtsextremen Kreisen hat die italienische Polizei eine funktionstüchtige Rakete gefunden. Dahinter stecke ein transnationales Netzwerk, so ein Experte.

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Herr Vidino*, die italienische Polizei hat im Rahmen einer Untersuchung gegen Rechtsextreme eine 800 Kilogramm schwere Luft-Luft-Rakete beschlagnahmt. Drei Männer wurden verhaftet, darunter ein Tessiner. Wie häufig kommt so etwas vor?
Das ist höchst ungewöhnlich. Natürlich gibt es einen Waffenmarkt, und es ist auch nicht unüblich, dass rechtsextreme Kreise bewaffnet sind. Dass aber ein westeuropäischer Rechtsradikaler eine Rakete kauft, kommt so gut wie nie vor. Wenn solche Kreise Waffen besitzen, dann Messer oder Schusswaffen, aber keine Luft-Luft-Raketen. Selbst für IS-Kämpfer wäre das höchst aussergewöhnlich.

Was hatte er mit der Rakete vor?
Das werden die Ermittlungen zeigen. Laut der Polizei war einer der Verhafteten früher als Kämpfer am Konflikt in der Ukraine beteiligt. Diese Verbindung liegt nun im Fokus der weiteren Untersuchungen. Es gibt Hunderte von westeuropäischen Rechtsextremen, auch italienischen, die in der Ukraine kämpften – und zwar auf beiden Seiten, sowohl auf russischer als auch auf ukrainischer. Häufig hört man von Radikalisierten, die in den Syrienkrieg ziehen. Aber die Beteiligung von rechtsextremen Westeuropäern am bewaffneten Ukraine-Konflikt sollte nicht unterschätzt werden.

Der mutmassliche Käufer der Rakete ist Mitglied der italienischen Partei Forza Nuova. Wofür steht die Partei?
Die Forza Nuova ist eine Rechtsaussenpartei, die bei den jüngsten Wahlen relativ gute Ergebnisse erzielt hat. Die einwanderungsfeindliche Partei konnte in den letzten Jahren an Sympathisanten gewinnen und gibt sich mehr oder minder offen faschistisch. Einige ihrer Exponenten setzen sich wohltätig für von Armut betroffene Italiener ein. Längst nicht alle Mitglieder sind militaristisch, aber eben ein Teil davon.

Hat die Forza Nouva Kontakte zu rechtsextremen Kreisen im Ausland?
Ja, auf jeden Fall. Das ist ein transnationales Netzwerk, gerade übers Internet sind Rechtsextreme gut vernetzt. Immer wieder werden auch gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Der extreme Kreis der Forza Nuova steht also in regem Kontakt zu anderen faschistischen Gruppierungen in Europa.

Die Polizei hat insgesamt drei Männer verhaftet. Ein weiterer soll in einer Ultragruppe des Fussballclubs Juventus Turin aktiv gewesen sein. Gibt es auch hier einen Zusammenhang?
Fussballstadien sind mitunter die Lieblingstreffpunkte von Rechtsextremen oder Neonazis. Gerade die Ultraszene von Juve ist bekannt dafür, viele Mitglieder mit entsprechendem Gedankengut zu haben. Die Verbindung zur Forza Nuova liegt auf der Hand.

Der letzte Verhaftete schliesslich ist der Schweizer A. M.* Kennen Sie ihn?
Nein, über den Mann kann ich gar nichts sagen. Der Polizei zufolge ist er in den Raketendeal verwickelt. Mir ist schleierhaft, wie er in Besitz der Rakete kam, die katarischen Streitkräften gehört haben soll. Das kann übers Internet geschehen sein, aber auch durch persönliche Kontakte.

Wie geht die Polizei nun vor?
Der Fall liegt nun bei der Anti-Terror-Einheit. Das Terrorismusgesetz in Italien ist auch aus historischen Gründen ziemlich streng. Dass hinter dem Raketenkauf Einzelpersonen stecken, ist so gut wie unmöglich. Die italienische Polizei hat viel Erfahrung mit organisierter Kriminalität und arbeitet effizient. Die Verhaftung der drei Männer ist die Spitze des Eisbergs, unter dem sich ein grosses Netzwerk verbirgt. Es gilt, dieses aufzudecken.

* Lorenzo Vidino ist Terrorismusexperte an der George Washington University und ehemaliger ETH-Professor.

(jk)