Pillensüchtige Ärzte

06. März 2011 23:30; Akt: 07.03.2011 10:44 Print

«Morgens Ritalin, mittags Prozac, abends Valium»

von Lorenz Hanselmann - Ärzte neigen zur Sucht, suchen deshalb aber fast nie Hilfe. Nun sind gleich zwei Zürcher Oberärzte in Behandlung.

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Ärzte sind doppelt so oft Risikotrinker wie Normalbürger. Und sie schlucken deutlich mehr Pillen. Dies hat die Schweizer Ärztestudie von 2002 aufgedeckt. Doch die Sucht ist bei den rund 30 000 zugelassenen Medizinern in der Schweiz ein Tabuthema. «Sie haben eine besonders grosse Angst, ihren Job zu verlieren», sagt Michael Peltenburg, Projektleiter von Remed, dem offiziellen Hilfsangebot der Ärztegesellschaft FMH. Erst neun Ärzte haben sich dort seit 2007 wegen ihrer Drogensucht gemeldet. Der Vergleich mit dem Ausland zeigt: Die Dunkelziffer ist hoch.

Umso erstaunlicher ist, dass jetzt gleich zwei Oberärzte eines Zürcher Spitals in Behandlung sind, wie 20 Minuten aus ­sicherer Quelle weiss. Bestätigen darf das wegen des Arztgeheimnisses niemand. Andreas Moldovanyi hat aber schon mehrere andere Ärzte behandelt. Im Interview erzählt er, welche Drogen die «Halbgötter in Weiss» aus welchen Gründen nehmen und ob für Patienten eine Gefahr besteht.

Herr Moldovanyi*, wie viele Ärzte in der Schweiz sind drogensüchtig?
Das weiss niemand genau. Es kommen jedenfalls nur ganz wenige in die Suchtbehandlung.
 
Aber die Schweizer Ärztestudie hat gezeigt, dass Ärzte im Schnitt klar häufiger zu Alkohol und Pillen greifen als die Durchschnittsbevölkerung.
Die Voraussetzungen dafür werden schon in der Ausbildung geschaffen. Ab etwa der Hälfte des Studiums lernen die Studenten den Umgang mit Medikamenten und erhalten einen Ausweis, mit dem sie alle Medikamente ausser Betäubungsmittel problemlos und ohne Registrierung kaufen können. Und im Studium lernen sie auch, dass zum Beispiel drei Gläser Wein pro Tag gesund sind. Ist man krank, geht man meist nicht zu einem anderen Arzt, sondern behandelt sich selber. Später, im Arztalltag, sind Medikamente/Drogen sowieso omnipräsent.
 
So lernen die Mediziner, dass das Einnehmen von Drogen völlig normal ist?
Wenn jemand viele Pillen nimmt, ist er in den Augen von Normalbürgern ein Süchtiger. Ärzte nennen das Behandlung. Sie neigen auch dazu, sich selbst zu behandeln. Pillen schlucken kann so zur Gewohnheit werden, der Gang zur Apotheke oder die Bestellung von Medikamenten ist für Ärzte ohnehin Routine. Und sie kriegen sogar Medikamente-Müsterchen. Auch das übrige medizinische Personal hat leicht Zugriff zu Medikamenten: Es kann sich am Apothekerschrank in der Praxis oder im Spital bedienen. Das fällt ausser bei den Morphinen und Benzodiazepinen, so genannten Tranquilizern, kaum auf.
 
Was treibt Ärzte in die Sucht?
Die Arbeitsbedingungen begünstigen den Griff zu Drogen und Medikamenten, die wiederum stets verfügbar sind. Der Stress als Arzt ist oft gnadenlos. Ich selbst habe zum Beispiel eine Zeit lang am Spital 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Laut neueren Studien haben Ärzte einen doppelt so hohen Work-Life-Konflikt wie der Bevölkerungsdurchschnitt. Jeder Zweite leidet unter seiner Arbeit, überdurchschnittlich viele sind depressiv. Das hat auch einen negativen Einfluss auf das Privatleben. Unter solchen Bedingungen greift man wohl eher mal zu Drogen.
 
Wie sieht die typische «Drogenkarriere» eines Arztes aus?
Oft ist es ein Teufelskreis, der ganz harmlos beginnen kann: Ein Arzt hat Schlafstörungen, geht in die Apotheke und kauft ein «kleines Helferlein». Hat er dazu noch Eheprobleme, nimmt er am Tag Antidepressiva. Wenn dieses nicht mehr ausreicht, greift er zu Beruhigungspillen. Oft werden die Medikamente mit Alkohol kombiniert. So beruhigt sich der Arzt am Abend. Und um am Morgen trotz Kater wieder fit zu werden, nimmt er weitere Pillen. Das ergibt beispielsweise den Kreislauf: Morgens Ritalin, Mittags Antidepressiva, am Abend Alkohol und Valium. Lange geht das gut, doch irgendwann bricht die Sucht aus wie ein Vulkan. Den klassischen Morphin-Arzt gibt es heute hingegen kaum noch. Ketamin oder Propofol nehmen höchstens Narkoseärzte.
 
Sind «verladene» Ärzte nicht eine Gefahr für die Patienten?
Risiken gibt es überall. Wer sitzt schon gerne in ein Taxi, wenn der Fahrer eine Fahne hat. Speziell bei Ärzten ist, dass Fehler wie eine falsche Dosis eines Mittels in die Spritze aufziehen oder einen Wattebausch im Bauch eines Patienten vergessen äusserst schlimme Auswirkungen haben können. Doch menschliches Versagen und der grosse Druck führen zu weitaus mehr Fehlern, als Drogen. Wir müssen uns aber nichts vormachen: Es besteht eine Gefahr, wenn ein süchtiger Arzt beispielsweise starke Konzentrationsstörungen hat. Diese kann er aber auch wegen einer Depression haben. Man kann auch fragen: Wollen Sie sich lieber von einem Arzt behandeln lassen, der keine Pillen nimmt und bei dem die Gedanken ständig um seine Probleme kreisen, oder von einem, der deswegen Medikamente schluckt? Mit Valium hat ein Chirurg vielleicht sogar eine ruhigere Hand. Und mit Ritalin kann er sich möglicherweise besser konzentrieren. Das soll aber kein Aufruf an die Ärzte sein, dass sie nun Drogen nehmen sollen.
 
Sprechen Ärzte offen über die Sucht oder wird sie eher versteckt?
Die Abhängigkeit fällt ja lange nicht auf. Ärzte zeigen keine Entzugssymptome, weil sie leicht Zugriff zu den Drogen haben. Und Medikamente kosten sehr wenig. Benzodiazepine sind sogar unmoralisch billig. Da ist die Sucht nicht teurer, als wenn man jeden Tag zwei Kaffees in der Kantine trinkt. Zudem können Ärzte ihre Suchtsymptome wie Nervosität oder Zittern medikamentös relativ gut kontrollieren. Ans Licht kommt die Sucht oft erst, wenn sie weit fortgeschritten ist – wenn ein Arzt schon am Nachmittag eine Fahne hat oder anfängt, sich Medikamente zu spritzen und mal eine gebrauchte Spritze im WC vergisst. Beim Spitalarzt fällt das noch eher auf, da er eher unter der sozialen Kontrolle der Kollegen steht, als der Kollege in der Praxis, wenn er beispielsweise verladen ist oder oft fehlt. Ein Praxisarzt hingegen kann seine Abhängigkeit lange verstecken: Er kann seine Patienten nach seinem Sucht-Rhythmus einteilen und sie beispielsweise nur am Vormittag empfangen. Der Nachmittag gehört dann dem Konsum und administrativen Arbeiten. Wenn ein Arzt in die Suchtberatung geht, wird das auch selten öffentlich. Viele wechseln die Stelle, wenn die Sucht bekannt wird, weil sie sonst ständig unter Beobachtung der Kollegen stehen.
 
Sind süchtige Ärzte spezielle Patienten?
Ihre Behandlung ist eher schwieriger: Sie geben uns Tipps, fühlen sich nicht als Patient, sondern als interessanten «Fall» und betrachten sich nicht als krank. Die Erfolgsrate der Behandlung ist bei Ärzten in Suchtkliniken aber sehr hoch. Und wie bei allen Süchtigen gilt: Abstinenz ist nicht in jedem Fall oberstes Ziel. Das ist überholt, die Behandlungsziele werden individuell erarbeitet. Wichtig ist, dass der Süchtige seinen Konsum unter Kontrolle bekommt, so dass der moderate Konsum keine Auswirkungen auf die Arbeit hat. In einigen Fällen ist eine Krankschreibung oder eine stationäre Behandlung notwendig.
 
Welche Ärzte sind besonders gefährdet?
Notfallärzte und Anästhesisten kommen am einfachsten an sehr starke Medikamente. Aber auch Chirurgen und Psychiater sind wegen der Belastung besonders anfällig. Gefährdet ist aber das ganze medizinische Personal. Darf ich noch etwas anfügen?

Bitte...
Abhängigkeit ist kein Tabu, sondern eine Krankheit, die behandelt werden kann. Dazu gibt es diverse Angebote.
 
*Andreas Moldovanyi ist Leitender Arzt im stadtärztlichen Dienst Zürich und ärztlicher Leiter der Entzugsklinik Frankental und der Polikliniken Crossline und Lifeline der Stadt Zürich