Historiker warnt

13. Dezember 2013 10:48; Akt: 13.12.2013 11:18 Print

«Mythen dürfen nicht in falsche Hände geraten»

von J. Büchi - Geschichtswissenschaftler finden, Mythen und Sagen gehörten in den Unterricht. Ob diese nun wahr seien oder nicht, sei zweitrangig.

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Die Kritik des Kinderpsychologen Allan Guggenbühl, Schweizer Schüler lernten heute nichts mehr über Wilhelm Tell, sorgt für Zündstoff – auch bei unseren Lesern. User Urs Gerber schrieb in der Kommentarfunktion: «Nachdem ich diesen Artikel gelesen hatte, wollte ich von meinen Kindern (14 und 18) wissen, ob sie Wilhelm Tell kennen. Fehlanzeige! Beide hatten das in der Schule nie behandelt.» Für Gerber ein unhaltbarer Zustand. Leserin Liselote Meier auf der anderen Seite meint: «Sagen und Mythen haben an einer Bildungsstätte nichts verloren.» Die Schweiz mit Tell zu erklären sei «das Gleiche, wie man den Kindern im Aufklärungsunterricht in der Schule erzählen würde, die Kinder kämen vom Storch».

Was halten Historiker von der Debatte? Wie viel Mythos hat im Schulzimmer Platz? Der Zürcher Historiker Dölf Wild, heute Leiter der Stadtarchäologie Zürich, hat sich eingehend mit der Entstehung der Tell-Sage befasst. «Der Wahrheitsgehalt der Tell-Geschichte beträgt praktisch null Prozent», hält er fest. Trotzdem plädiert Wild dafür, dass der Mann mit der Armbrust in den Schweizer Schulzimmern weiterhin eine wichtige Rolle spielt. «Menschen brauchen schöne Geschichten, gerade Kinder und Jugendliche», so Wild. «Der Blick in die Vergangenheit regt die Fantasie der Menschen unglaublich an.» Dies merke er in seiner Funktion als Stadtarchäologe regelmässig.

«Man darf Sagen nicht zerreden»

Wilhelm Tell als «schöne Geschichte» – dann könnte man unsere Gründungsmythen ja auch einfach im Deutschunterricht abhandeln? Nein, meint Wild. «Mythen haben ihre eigene Geschichte.» So sei die Tell-Sage nach der Gründung des modernen Bundesstaates, insbesondere ab 1891, wichtig für den Aufbau der neuen Schweiz gewesen. Auch während des zweiten Weltkrieges habe man sich stark auf solche Gründungsmythen abgestützt. «So haben diese Erzählungen den Verlauf der Geschichte stark geprägt.» Deshalb gehörten sie unbedingt in jeden Lehrplan.

Laut dem Historiker ist es zwar wichtig, dass im Unterricht harte Fakten und Mythen getrennt werden. «Man darf die Sagen aber nicht zerreden, sonst werden sie entzaubert.» Seit den 1970er-Jahren würden die Schweizer Gründungsmythen zunehmend kritisch hinterfragt. Der Nationalheld Tell etwa sei in der öffentlichen Wahrnehmung – gleichzeitig mit der Idee der geistigen Landesverteidigung – in den Hintergrund gerückt. Dies habe auch politische Konsequenzen: «Wenn unsere Gründungsmythen von der Schule nicht aufrechterhalten werden, überlassen wir die Deutungshoheit einzelnen Gruppierungen.» Konkret seien das konservative Kreise, die eine Abschottung der Schweiz anstrebten. «Es ist nicht im Interesse der Gesellschaft, wenn unsere Mythen in falsche Hände geraten – sie müssen allen gehören.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Irma Gruetter am 13.12.2013 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Irgend ein Gescheiter hat mal gesagt:

    Man dürfe nicht vergessen, woher man komme. - Und damit hat er recht! - Warum haben so viele Menschen heute Probleme damit, sich zu integrieren und mit anderen klar zu kommen? - Ich vermute stark, dass es daher kokmmt, dass "man" nicht weiss, woher man kommt und keinen blassen Schimmer hat, wohin man geht. - Schade eigentlich!

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  • Michael von der Vaart am 13.12.2013 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Wir lernen nur ausländische Waren

    Schweizerische Werte, Traditionen, Geschichte, Kultur wird weggelassen, dafür wird die Europäische Integrität, die EU Form und Zukunft Europas, die US-Revolution und französische Revolution in der Schule durchgenommen. Wenn wir so weiter machen werden Schweizer nicht mal mehr wissen wann die Schweiz gegründet wurde, welche Rolle sie im 2.WK hatte, welche Staatsformen sie vor 200 Jahren hatte, welcher Kanton der älteste-grösste ist, wer Tell war, wie unsere Fahne aussieht... das ist traurig. Wir verlieren den Bezug zur Schweiz. Das ist als ob man das Land verkauft hat. Ich will abstimmen!

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  • SC PB am 13.12.2013 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Dann aber konsequent!

    Alles was nicht "Wahrheit" sondern "Mythos" ist, soll aus der Schule verbannt werden? Dann gehört der Religionsunterricht aber auch abgeschafft. Dort wird auch erzählt, dass die Bibel die Wahrheit enthält, ohne dass es Beweise dafür gibt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • anna am 14.12.2013 15:52 Report Diesen Beitrag melden

    Bringt euren Kindern selbst was bei!

    Ich finde ja auch das die ganzen Sagen und Mythen nicht vergessen werden sollten, aber auch als Eltern hat man die Pflicht seinen Kinder etwas über unser Land beizubringen. Es sind nicht nur die Lehrer dafür verantwortlich sondern am meisten die Eltern, leute wacht auf und unternehmt was mit den Kindern!

  • J. Meyer am 14.12.2013 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Mythen u Legenden gehören ebenso

    zur kulturellen Geschichte wie die reale Geschichte selbst. Wer sie vernachlässigt, vermittelt nur halbe Werte. Was ich aber an dieser Diskussion bemerkenswert finde, ist die Tatsache, das viele gar wirklich glauben, das es diesen Tell gegeben hat wie auch die Tatsache, das die Figur Tell die Erfindung eines deutschen Poeten war, wo Schweizer doch solche Probleme mit Deutschen haben. Aber gerade Tell wird akzeptiert u gar zum Nationalhelden hochstilisiert. Wie auch immer, jedes Land muss auch seine eigene Geschichte an nachfolgende Generationen vermitteln u weitergeben können.

  • Lukas am 13.12.2013 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Mythos

    Zu den Angeblich verlorenen Traditionen. Noch nie hatten z.B. Schwingfeste so eine grosse Aufmerksamkeit wie heute. Eidg. Turnfest war ein gigantischer Erfolg, ältere Namen wie Peter, Emma, Urs etc. werden seit langem wieder den Kindern gegeben. Und das sind ein paar wenige Beispiele. Schweizer Traditionen hatten wohl seit jahrzenten keinen solch hohen Stellenwert wie heute

  • Mich ael am 13.12.2013 18:36 Report Diesen Beitrag melden

    Schnurz egal ob wahr oder unwahr!

    Es ist doch schnurzegal ob sich ein Mythos genauso abgespielt hat, oder nicht! Es war ja eh niemand von uns mit dabei. Ich finde Tells Geschichte einfach geil! Einfach eine geile Geschichte und ich verkaufe sie allen als wahr! Dass ist gut so, denn daran zu glauben verpflichtet! Und ich finde es nützlich wenn man sich mit so krassen Leuten wie Tell vergleicht! Unbestrittene Tatsache ist, dass die Leute damals eh viel harter drauf waren als wir heute, dass obwohl sie in anderen Belangen sensibler und bescheidener waren als wir! Ich schneide mir eine riesen Scheibe ab!

  • Liselote Meier am 13.12.2013 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    @Michael von der Vaart

    Bis ins 18. Jahrhundert war das Gebiet der heutigen Schweiz ein Geflecht souveräner Kleinstaaten. Es gab nur Militärische Bündnisse (Bundesbriefe). Eine Schweizer Nation war das Resultat, der französischen Revolution und der Einmarsch von Napoleon welcher die Leibeigenschaft beendete, (vorher waren die meisten ländlichen Gebieten Untertanengebiete + Autokratie reicher Familien) und der Wiener Kongress. Tell ist Fiktion. Die Rolle der Schweiz im 2 WK ist noch nicht mal richtig aufgearbeitet, so neutral war sie nicht. Die idealisierte Geschichte der Schweiz ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts.