IS in der Schweiz

24. September 2014 20:23; Akt: 24.09.2014 20:23 Print

«Neutralität ist kein Schutz vor Terror»

von Gabriel Brönnimann - Drei Männer aus dem Irak sitzen in Untersuchungshaft – sie sollen einen Anschlag in der Schweiz geplant haben. Terrorismus-Experte Lorenzo Vidino erklärt im Interview die Gefahren.

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Mitglieder der radikalislamischen Terrormiliz IS fahren durch die Strassen einer Stadt in Syrien. Mitglieder und Anhänger der Terrorgruppe planten laut «Tages-Anzeiger» einen Anschlag in der Schweiz. (Bild: AFP/HO / WELAYAT RAQA)

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Herr Vidino, es scheint konkrete Hinweise darauf zu geben, dass Mitglieder der Terrormiliz IS einen Anschlag in der Schweiz geplant haben. Wie gross ist die Gefahr?
Lorenzo Vidino: Man darf die Bedrohung nicht übertreiben. Aber gleichzeitig sollte man sie nicht herunterspielen. Vergessen wir nicht: Es gab einen erfolgreichen Anschlag auf europäischem Boden – das Massaker im Jüdischen Museum in Brüssel. Und in den letzten Wochen hörten wir von geplanten Anschlägen in Schweden, Frankreich, Belgien – dort auf das Gebäude der EU-Kommission – und nun auch in der Schweiz.

Was bedeutet das für die Schweiz, wenn man die Gefahr weder übertreiben noch herunterspielen soll?
Ich würde die Schweiz nicht als hochrangiges Ziel für Anschläge einstufen. Aber es sind dieselben Dynamiken im Spiel wie in anderen europäischen Ländern: Auch die Schweiz ist nicht vollständig sicher. Wir wissen, dass Untersuchungen gegen über 20 Personen wegen direkter Verbindungen zum IS laufen. Diese Leute sind in ziemlich üble Sachen verstrickt. Zumindest besagen das die Informationen, die wir haben.

Wie gefährlich sind diese Leute wirklich? Man liest, dass das inhaftierte Trio Material «beschaffen wollte» – das kann vieles heissen. Die können darüber im Internet fantasiert haben, oder sie können tatsächlich einen Anschlag geplant haben, mit allem Drum und Dran.
Die verhafteten Iraker müssen als Bedrohung ernst genommen werden. Das sind keine Teenager, die sind alle um die 30 Jahre alt. Auf einer Skala von «ziellose Loser» bis «strukturierte terroristische Armee» würde ich sie eher auf der strukturierten Seite einordnen. Das ist zumindest mein Eindruck.

Die Rede ist von Giftgas und Waffen – haben die drei sich das denn schon aktiv beschaffen wollen?
Inwieweit sie tatsächlich das Material beschafft haben, über das sie sich unterhielten, das weiss ich nicht. Wir kennen die Details nicht.

Unternimmt die Schweiz Ihrer Ansicht nach genug gegen diese Gefahr?
Noch einmal: Die Gefahr für Anschläge in der Schweiz ist nicht gross. Aber eine neutrale Aussenpolitik ist kein magischer Schutzschild gegen Terrorismus. Dafür ist Schweden das beste Beispiel: Obwohl das Land neutral ist, wurden mehrere geplante Anschläge vereitelt. Dschihad ist vor Ort möglich – zum Beispiel gegen jüdische Mitbürger, oder einfach aus purem Hass auf die westliche Gesellschaft. Zum Glück haben wir es bis jetzt nicht mit sehr ausgeklügelten Plänen oder Attacken zu tun, sondern mit ein paar Typen, die Zugang zu Waffen haben. Ja, das sind Extremisten – aber das hat ein anderes Ausmass als 9/11.

Gibt es Anzeichen dafür, dass es grössere Anschläge geben wird?
Von einem nachrichtendienstlichen Standpunkt her ist es sicher nicht falsch, mögliche grössere Bedrohungen in Betracht zu ziehen. Etwa die Informationen über die Gruppe Chorasan – wenngleich mit einer gesunden Dosis Skepsis. Über diese Bedrohung braucht es noch mehr Nachweise. Was die Öffentlichkeit betrifft, stelle ich fest, dass gewisse Dynamiken 13 Jahre nach 9/11 bereits wieder vergessen gegangen zu sein scheinen.