Gegenvorschlag gefordert

20. Juni 2019 08:05; Akt: 20.06.2019 08:33 Print

«Nichts gegen Pestizide zu tun, ist unerklärbar»

von P. Michel - Nimmt die Politik die Anliegen der beiden Pestizid-Initiativen auf? Während die Wasserfachleute hoffen, bleibt der Bauernverband stur.

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«Tödliches Gift» oder «Pflanzenschutzmittel»? Über den Einsatz von Pestiziden in der Schweizer Landwirtschaft wird derzeit heftig gestritten. Während die Trinkwasser- und die Pestizid-Verbote im Nationalrat heute Morgen debattiert werden, ist klar: Die Volksbegehren aus den Bürgerkollektiven zeigen bereits Wirkung. Zum einen hat das Bundesamt für Landwirtschaft kürzlich die Pestizide Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl aus der Zulassungsliste gestrichen. Die Mittel gehören bis heute zu den am häufigsten eingesetzten Insektiziden, obwohl ihr Einsatz umstritten ist. Der Druck der beiden Pestizid-Initiativen zeige auch bei Bauern und in der Forschung grosse Wirkung, sagt Andreas Bossard, Geschäftsleiter der Stiftung Vision Landwirtschaft. Es gebe kaum eine Versammlung von Bauern mehr, bei der der Pestizid-Einsatz nicht leidenschaftlich diskutiert werde. «Viele überdenken, was für Gift sie ausbringen, verwenden Alternativen oder steigen gar auf bio um.» Auch die Forschung habe auf den Druck reagiert und den Fokus geändert, stellt Bosshard fest. «Während es früher darum ging, noch wirksamere Produkte zu entwickeln, steht jetzt endlich die Erforschung von Alternativprodukten im Fokus», sagt Bosshard. Auch die Produzenten können den Handlungsbedarf nicht mehr ignorieren. So haben sich verschiedene Produzenten und Händler im Januar 2019 zur «IG Zukunft Pflanzenschutz» zusammengeschlossen. Sie will bis 2030 Alternativen zu den umstrittensten Pflanzenschutzmitteln entwickeln und dafür die Investitionen verdoppeln – auch aus Angst vor Verboten. . «Es muss etwas passieren, aber nicht mit «weltfremden» Initiativen», findet Präsident Christian Schönbächler. Die Initiativen sind ihm zu radikal. «Die Bauern sprühen Pflanzenschutzmittel nicht, weil sie Spass daran haben.»

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Pestizide gelangen ins Trinkwasser, töten Insekten und reichern sich in Lebensmitteln an: Diese Bedenken, die zwei Volksinitiativen aufgenommen haben, beschäftigen die Bevölkerung. Laut einer GFS-Umfrage macht sich jeder Dritte häufig Gedanken über die Trinkwasserqualität.

Die emotional geführte Debatte zeigt Wirkung: Das Bundesamt für Landwirtschaft hat jüngst die zwei Wirkstoffe Chlorpyrifos und Chlorpyrifos-methyl aus der Zulassungsliste gestrichen. Auch die Industrie reagiert: Die «Interessensgemeinschaft Zukunft Pflanzenschutz» will bis 2030 zu jenen Mitteln mit dem höchsten Risiko Alternativen entwickeln.

Zu hohe Rückstände im Wasser

Nimmt der Nationalrat heute die Stimmung auf und stellt den Initiativen direkte Gegenentwürfe oder indirekte Gegenvorschläge gegenüber? Das sei zwingend, finden die Hüter des Schweizer Trinkwassers. «An 70 Prozent der Grundwasserstellen werden Pestizidrückstände mit über 0,1 Mikrogramm pro Liter festgestellt. Das ist zu viel. In kleinen Gewässern messen wir sogar regelrechte Pestizid-Cocktails», sagt Paul Sicher, Sprecher des Vereins des Gas- und Wasserfaches. Es werde immer schwieriger, sauberes und günstiges Trinkwasser zu bieten.

Verweigere das Parlament Gegenvorschläge, sagt Sicher: «Dann werden wir als Option auch die Unterstützung der Initiativen in Betracht ziehen, die uns eigentlich zu weit gehen.» Die Initiativen artikulierten nachweisliche Probleme im Gewässerschutz und würden den Nerv der Zeit treffen. «Keine Massnahmen wären den Wasserversorgern und der Bevölkerung nicht zu erklären.» Die Monster-Debatte hat am Mittwochnachmittag im Nationalrat begonnen. 54 Redner wollen ihre Position darlegen. Abgestimmt wird voraussichtlich am Donnerstagmorgen.




Verfolgen Sie die Debatte.

Diese Gegenvorschläge stehen zur Debatte

Handlungsbedarf sieht eine Minderheit aus Grüne, GLP und SP. Sie fordert eine Kommissionsinitiative als indirekten Gegenvorschlag. Dieser würde automatisch in Kraft treten, würde die Initiative abgelehnt. Er sieht vor, die Risiken der Anwendung von Pestiziden bis 2030 zu halbieren, Alternativen zu fördern sowie das Trinkwasser besser zu schützen.

Ebenfalls hat die Minderheit zwei direkte Gegenentwürfe zu den Initiativen formuliert: Der eine will den Text der Trinkwasser-Initiative abschwächen. Er sieht nur noch die Streichung der Direktzahlungen vor, wenn «grundsätzlich auf synthetische» Pestizide verzichtet wird sowie maximal so viele Tiere gehalten werden, wie es regionales Futter gibt. Laut Initiativtext gibt es nur bei gänzlichem Pestizid-Verzicht sowie bei einem Tierbestand, der mit auf dem Hof produzierten Futter ernährt werden kann, Geld.

Ein zweiter direkter Gegenentwurf sieht vor, die Pestizid- und Düngereinträge auf ein «nachhaltig verträgliches Mass zu reduzieren». Gelinge dies bis 2030 nicht, kann der Bund den Import von Futtermitteln oder ein Verbot von besonders schädlichen Pestiziden erlassen.

Der Widerstand gegen die beiden Initiativen aber auch gegen die Gegenvorschläge ist gross – besonders in der SVP, der FDP und der CVP. «Wir nehmen das Thema sehr ernst», betont Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes (CVP). Die Gegenvorschläge seien aber unnötig, da der Bundesrat bereits in einem Aktionsplan die nötigen Massnahmen aufgegleist habe und diese in Umsetzung seien. «Dafür braucht es keine weiteren Gesetze.»

«Initiativen sind sehr extrem formuliert»

Doch könnte diese kompromisslose Haltung nicht dazu führen, dass sich Bürger nicht ernst genommen fühlen und den Initiativen zustimmen? Das glaubt Ritter nicht. «Die Initiativen sind sehr extrem formuliert. Sie würden die Lebensmittelpreise um 20 bis 40 Prozent in die Höhe treiben und Tausende Arbeitsplätze vernichten», sagt er. «Mit diesen harten Fakten und Argumenten wollen wir auch in der Volksabstimmung überzeugen. Einen Gegenvorschlag braucht es nicht.»

Sollten Gegenvorschläge zustande kommen, will Franziska Herren, die Initiantin der Trinkwasser-Initiative, zuerst den konkreten Text prüfen. Das Komitee des Volksbegehrens «Für ein Verbot synthetischer Pestizide» war am Mittwoch nicht zu erreichen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Findnicht am 20.06.2019 07:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es ist höchste Zeit

    Pestizide und sonstige Schädlingsbekämpfungsmittel sind die Hauptursache für das Artensterben in unserem Land. Stichproben ergaben, dass sie sogar via Luft, Wind und Wasser die offen liegenden Biofelder verseuchen. Im Gegensatz zum Klimawandel kann man hier schnell und wirksam etwas dagegen tun.

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  • Chrigu am 20.06.2019 10:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pestizidverbot

    Ich bin mit Leib und Seele Bauer. Möchte euch kurz mein Hauptproblem erläutern. Ich bin voll und ganz für ein Verbot der Pestizide. Bin aber darauf angewiesen dass ich auch Produkte welche weniger schön aussehen verkaufen kann. Ich stelle in meinem Hofladen fest, dass zum Beispiel die seit Jahren ungespritzen Äpfel kaum Absatz finden, da diese im Erscheinungsbild nicht so toll sind wie dijenigen im Supermarkt. Es wird viel geredet, aber Qualität ist ein weiter Begriff. Und 90 Prozent der Konsumenten schauen einfach auf das Aussehen des Produkts. Ihr Konsumenten habt es selber in der Hand. Gruss Chrigu

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  • Planetbuster am 20.06.2019 07:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das reicht nicht!

    Ein Verbot muss her, desto schneller, desto besser!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Monika 83 am 28.06.2019 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Es schadet allen - und wie!!!

    Ich habe jahrelang im Keller unter meiner Wohnung gelagertes Pestizid von dem ich nicht wusste das es offen da war abbekommen. Heute gibt es kaum was, wogegen ich nicht allergisch bin!! Das wünsche ich keinem! Diese ganze Pestizid-Debatte wird immens verharmlost und es stehen dem auch Wirtschaftsinteressen entgegen (soweit ich weiss alles in US- und Chinesischer Hand - zahlen die überhaupt Steuern bei uns?) So ändert sich nie was!! Aber letztendlich kriegen unsere Nachfahren einfach keine Kinder mehr und alles erledigt sich von selbst..

  • Ida am 24.06.2019 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch Gift

    Alles was aus dem Ausland kommt , traue ich nicht Tee wird so eingesprüht und bei uns als Gesund verkauft , alles wird so vergiftet und wir lassen das in die Schweiz einfliegen , da wird nichts gemacht , aber Geld regiert die Welt .

  • Anna am 24.06.2019 09:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles nur Bio

    Mit so viel Gift glaub ich schon nicht das es gute Weine gibt , auch bei Früchten und Gemüse das gleiche . Nur abzocken und alles als Bio verkaufen . Echt einen Betrug . Wie wärs mit weniger Gewinn aber ohne Gift .

  • seher am 23.06.2019 09:02 Report Diesen Beitrag melden

    Wasser heisst Leben

    Interpellation NR Moser 22.3.19 Wie viele stark humantoxische (für Menschen giftige) Pestizide sind in der Schweiz zugelassen? Antwort Bundesrat vom 29.5.2019 Aktuell sind in der Schweiz ein mutagener Wirkstoff der Kategorie 2, 25 karzinogene Wirkstoffe der Kategorie 2 und 18 reprotoxische Wirkstoffe der Kategorie 2 genehmigt. Auf Deutsch: 1 Erbgutverändernder, 25 krebserregende und 18 Gifte die Fehlbildungen beim Embryo verursachen sind zugelassen. Zum Glück haben wir noch Frauen denen Leben vor Geld geht, der Rest hat meine ganze Verachtung.

  • Aldointernationale am 23.06.2019 08:31 Report Diesen Beitrag melden

    Deklaration der verwendeten Pestizide

    Der Konsument greift zu optisch schönerem Gemüse, weil er die Wahl hat. Aber Optik ist nicht gleich Qualität. Vielleicht sollte man statt der Herkunft die Belastung des Gemüses deklarieren. Dieses Gemüse wurde drei mal mit .... gespritzt, der Boden mit ..... behandelt. Guten Appetit!