Zuschlag zu Stosszeiten

01. Juli 2016 14:59; Akt: 01.07.2016 14:59 Print

«Nicht jeder Pendler muss einen Sitzplatz haben»

von D. Waldmeier - Gewerbeverband-Direktor Hans-Ulrich Bigler (FDP) wehrt sich gegen das Mobility Pricing. Er setzt stattdessen auf den Ausbau der Infrastrukturen.

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Herr Bigler, kaum hatte Doris Leuthard ihre Pläne gegen Staus und überfüllte Züge vorgestellt, verschickte der Schweizerische Gewerbeverband eine Protest-Mitteilung. Was haben Sie gegen Mobility Pricing?
Auf dem Papier mag die Idee, die Spitzen bei den Pendlerströmen zu brechen, gut klingen. Aber ich bezweifle, dass sich der Verkehr so gut über den Tag verteilen lässt, wie man sich das theoretisch vorstellt. Es ist eine Illusion zu meinen, man könne alles über Telearbeit oder Homeoffice organisieren und der Arbeitnehmer könne frei entscheiden, wann er zur Arbeit geht. Wer etwa auf einer Baustelle oder in der Produktion arbeitet, kann das nicht von zu Hause aus tun. KMU müssen gemäss Kundenwünschen und Bestellungen liefern und arbeiten. Für sie beutet Mobility Pricing nichts anderes als eine zusätzliche Abgabe.

Umfrage
Was halten Sie von der Idee des Mobility Pricing für den privaten und den öffentlichen Verkehr?
9 %
40 %
14 %
37 %
Insgesamt 42039 Teilnehmer

Sie befürchten Abzocke, wenn man zu Stosszeiten mehr bezahlen muss. Warum? Der Bundesrat sagt, es soll insgesamt nicht mehr für die Mobilität bezahlt werden, sondern lediglich besser gelenkt werden.
Mit dem Mobility Pricing werden ganze Gruppen mit zusätzlichen Abgaben belastet, die diese kaum umgehen können. So werden Arbeitnehmer, die keine flexiblen Arbeitszeiten haben, zur Kasse gebeten. Das ganze Verkaufspersonal an der Zürcher Bahnhofstrasse zum Beispiel: Es muss um Gottes Namen dann antreten, wenn die Läden öffnen. Mobility Pricing ist eine Belastung insbesondere für die tiefen und mittleren Einkommensschichten.

Sie sprechen vielen Pendlern aus der Seele. Aber zur Rushhour haben wir bereits heute ein Problem, und die Bevölkerung wächst weiter. Laut der Regierung kommen wir um eine Lenkung nicht herum.
Wenn immer es irgendwo Wachstum gibt, muss man in erster Linie die Infrastrukturen anpassen. Entsprechende Kredite sind ja auch gesprochen: Mit dem Bahninfrastrukturfonds Fabi sind Infrastrukturinvestitionen von immerhin 6,5 Milliarden Franken geplant. Zudem stehen wir vor der Einführung des Strassenfonds, mit dem die Engpässe im Nationalstrassennetz systematisch behoben werden können. In einer wachsenden Wirtschaft ist man auf eine adäquate Infrastruktur angewiesen. Wer hingegen – wie die Freunde des Mobility Pricing – glaubt, der Staat könne alles steuern, unterliegt dem sozialistisch-planwirtschaftlichen Machbarkeitsglauben.

Am Morgen und nach Feierabend braucht es riesige Kapazitäten, am Tag sind die Züge aber halbleer. Im Fernverkehr beträgt die durchschnittliche Sitzplatzauslastung bei den SBB rund 30 Prozent. Nur auszubauen, wird extrem teuer.
Ich denke, wir müssen uns auch von der Idee verabschieden, dass jeder auf der Strecke Zürich-Winterthur unbedingt einen Sitzplatz haben muss und vermehrt die Stehplätze ausnutzt, wie es in Grossstädten schon längst gang und gäbe ist.

Hinterfragt werden auch Flatrates wie das GA oder die Vignette. Avenir-Suisse-Experte Daniel Müller-Jentsch kritisiert im Interview von 20 Minuten, Vielfahrer profitierten von Mengenrabatten. Als Liberaler müssten Sie doch gegen diese Art der Subvention sein.
Ob das GA zu billig ist, ist eine Frage der Preispolitik – dafür braucht es kein Mobility Pricing. Das ist aber auch gar nicht der entscheidende Punkt: Es geht darum, die Infrastruktur so auszubauen, dass der Verkehr bewältigt werden kann. Avenir Suisse argumentiert generell aus einer reichlich theoretisch-akademischen Perspektive.

Der Bundesrat rechnet damit, dass Mobility Pricing landesweit frühestens in 15 Jahren kommt. Glauben Sie daran?
Ich hoffe doch sehr und werde mich auch dafür einsetzen, dass es nicht so weit kommt. Mobility Pricing wird im Parlament kaum eine Mehrheit haben. Und sonst wird es das Volk stoppen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martina am 30.06.2016 09:06 Report Diesen Beitrag melden

    Pendeln aus Spass?

    Super! Weil die allermeisten Pendler reisen ja nur zum Vergnügen. Und falls sie dann doch mal arbeiten gehen, ist es ihrem Chef bestimmt egal, ob sie um 7,8 oder 11 Uhr anfangen! Liebe Frau Leuthard, mit diesen Massnahmen bestrafen Sie den "kleinen Angstellten" der nicht frei wählen kann, wann er den ÖV nutzt. Ich finde das nicht fair! In einem übervollen Zug zu reisen ist schon Strafe genug!!

    einklappen einklappen
  • Fred F. am 30.06.2016 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Juhuu!!

    Statt richtige Lösungen zu präsentieren, werden dem Autofahrer nur Steine in den Weg gelegt. Dafür benutzt man sogar sein eigenes Geld. Dann schön alles in die ÖV "investieren", und nächstes Jahr... Überraschung: ÖV Preise steigen!

    einklappen einklappen
  • Regula am 01.07.2016 11:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abtreten, Frau Leuthard und D.Müller

    Denn Sie selber haben das GA 1Kl. gratis !

Die neusten Leser-Kommentare

  • Henz Meier am 06.07.2016 08:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So gehts ...

    Auf immer mehr Strassen herrscht der ganze Tag 6-20h STAU. Die Infrastruktur kann nicht beliebig ausgebaut werden. Somit gibts nur: -Zuwanderung begrenzen -Zur Rush Hour keine AHVler mit GA, Flüchtlinge -unterschiedliche Schulferien in den Kantonen Und schon rollts wider ....

  • Thomas R am 05.07.2016 08:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Privatsphäre?

    Was am meisten stört und noch verheimlicht wird ist, dass der Autofahrer registert und gespeichert wird in seinem Verhalten. Anders gehts gar nicht. Wo bleibt da die Privatsphäre?

  • Silberpfeil am 05.07.2016 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politik

    Ich glaube einzelnen Politiken würde es gut tun, wenn sie wieder einmal einer Arbeit in der Privatwirtschaft nachgehen würden bevor sie anhand einer theoretische Studien etwas neues einführen.

  • Herr Bünzli Theophil am 05.07.2016 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    ja genau

    ich brauche keinen Sitzplatz, wenn ich ein Bett bekomme

  • Walter K. am 02.07.2016 22:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Breath pricing

    Irgendwann kommt dann auch ne Sondergebühr für gute Luft. Breath pricing Monetarisierung von allem...