Hasskommentare online

25. Februar 2016 21:01; Akt: 25.02.2016 21:01 Print

«Nie mit emotionalem Ausbruch reagieren»

Hasskommentare auf Facebook können junge Menschen in die Verzweiflung treiben. Wie man damit umgehen soll, spaltet sogar Experten.

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«Dumme Schlampe», «Irgendwann erwischen wir dich» – Noemi*, eine Frau Mitte 20, muss auf Facebook fast täglich solche Hasskommentare einstecken. Die Produkte ihrer Arbeit landen regelmässig auf Social Media. Dort werden ihre Beiträge weiterverbreitet, ganze Gruppen schiessen sich auf sie ein und beschimpfen sie aufs Übelste. Einige Hass-Postings enthalten konkrete Drohungen. Noemi leidet extrem unter dieser Situation, weiss sich aber nicht zu helfen. Bei der Polizei hiess es, man könne nichts machen.

«Auf Hasskommentare soll man antworten»

Laut Facebook-Chefin Sheryl Sandberg sollen Betroffene, die auf Facebook mit Hass konfrontiert werden, kontern. Sie rief zum «Counter Speech», also zur Gegenrede, auf. Damit könne man Radikalismus im Netz bekämpfen, ist sie überzeugt.

Noemi hat das ausprobiert. Doch die Beschimpfungen gegen sie wurden nur noch schlimmer und gerieten schliesslich komplett ausser Kontrolle. Sie traute sich während Tagen nicht mehr, auf Facebook zu gehen.

«Es braucht Selbstdisziplin, Kommentare nicht zu lesen»

Social-Media-Experte Philippe Wampfler nimmt im Internet selbst kein Blatt vor den Mund. Deshalb weiss er auch, was es heisst, beschimpft zu werden. «Ich wurde regelmässig auf Twitter attackiert.» Er habe deren Profil schliesslich bewusst blockiert, um die Kommentare nicht zu sehen. «Am Anfang nahm es mich aber trotzdem wunder und ich ging wieder nachschauen.»

Mittlerweile habe er den Willen gefunden, darauf zu verzichten.
Für junge Menschen stelle dies aber eine grosse Herausforderung dar. «Wenn man weiss, dass eine ganze Gruppe andauernd über einen berichtet, braucht es eine enorme Selbstdisziplin, diese Kommentare nicht zu lesen.» Trotzdem sei es der einzige Schutzmechanismus für Menschen, denen diese Beschimpfungen psychisch zusetzten.

«Nur rational argumentieren»

Wer hingegen sachlich und distanziert mit dem Thema der Kommentare umgehen könne, dem rate er durchaus zum «Counter Speech». Jolanda Spiess-Hegglin sei dafür ein gutes Beispiel: «Sie teilt jeden Hasskommentar auf Facebook mit ihrer Community, von der sie dann auch unterstützt wird», so Wampfler. Dafür müsse man aber der Typ Mensch sein, der keine Aufmerksamkeit scheue und sich nicht schäme.

Das Schlimmste, was man tun könne im Umgang mit Hasskommentaren, sei, mit einem emotionalen Ausbruch zu reagieren. Das sei ein Steilpass für jeden, der diese Person verletzen wolle. Wampfler: «Ich rate wirklich nur dann zu antworten, wenn einen die Sache kaltlässt und man rational argumentieren kann.»

Das Phänomen «Kool-aid Point»

Dass junge, erfolgreiche Frauen beschimpft werden, sei ein bekanntes Phänomen namens «Kool-aid Point». Oft seien es Männer, die fänden, die Frau bekomme zu viel Aufmerksamkeit. «Aufmerksamkeit, die, wie sie glauben, eigentlich ihnen zusteht.» Wenn diese Beleidigungen in Drohungen umschwenkten, rate er auf jeden Fall die Polizei zu kontaktieren. «Manchmal reicht es bereits, dass die Autoren dieser Kommentare realisieren, dass sie sich nicht in einer anonymen Blase befinden, sondern durchaus belangt werden können.»

Beat Jost, Sprecher der Kantonspolizei Zürich, sagt, es sei schwierig, Hasskommentatoren zur Rechenschaft zu ziehen. «Wenn sich jemand auf Facebook Mickey Mouse nennt und weder Fotos noch Adresse veröffentlicht hat, ist es fast unmöglich, etwas gegen ihn zu unternehmen.»

Polizei sind die Hände gebunden

Der Server befinde sich irgendwo in Amerika, was bedeute, dass die Polizei Facebook und die Behörden in den USA kontaktieren müssten. «Diese legen aber grossen Wert auf Datenschutz und unternehmen nur bei einem wirklich schlimmen Verbrechen etwas», so Jost.

Grundsätzlich werden Morddrohungen, die im Internet geäussert werden, gleich gehandhabt wie jene im echten Leben. Die Polizei versucht, den Verursacher zu eruieren, zu befragen und schreibt dann einen Rapport an die zuständige Untersuchungsbehörde.

«Man kann schlicht nichts unternehmen»

Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sagt, Hasskommentare im Internet stellen unsere Gesellschaft vor grosse Herausforderungen. «Im Moment hat noch niemand eine Lösung parat.» Auf einen Hasskommentar wie «elende Bitch» zu antworten, mache aus seiner Sicht allerdings keinen Sinn. Dies gebe dem Autor nur die Bestätigung, etwas damit erreicht zu haben.

Die Gegenrede sei nur dann effektvoll, wenn es darum gehe, ein Missverständnis aufzuklären oder den Hintergrund eines Posts näher zu beschreiben. Es liege in der Natur des Menschen, dort zu «dreckeln», wo er nicht belangt werden könne. Auf Social Media sei das leider eine traurige Tatsache. «Ich habe auch schon Morddrohungen erhalten – dagegen kann man schlicht nichts unternehmen.»

Dass solche Attacken vor allem Menschen wie Noemi extrem beschäftigen, hat laut Guggenbühl auch damit zu tun, dass für Jugendliche das Internet eine zweite Realität darstellt. Dort suchten sie Bestätigung und entwickelten ihre Persönlichkeit. «Der Unterschied ist nur, dass böse Aussagen online stehen bleiben, während jene im echten Leben irgendwann nur noch eine verblasste Erinnerung sind.»

Grosse Macht

Viele junge Menschen reagierten extrem sensibel auf Reaktionen im Internet. Während Lob und Likes sie stark motivierten, könnten Hasskommentare sie zerstören. Vor allem solche Pressure Groups hätten eine grosse Macht über einzelne Menschen.

Guggenbühl: «Ich kann Betroffenen nur raten, nicht in einen selbstquälerischen Zustand hineinzugeraten und sich von solchen Kommentaren zu distanzieren, um sich selbst zu schützen.» Die heutige Gesellschaft werde zwangsläufig lernen müssen, mit solchen Aussagen souverän umzugehen, ohne sie sich zu sehr zu Herzen zu nehmen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • supidupi am 25.02.2016 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    socialwas?

    bin anfangs 20 und nutze aus Prinzip kein social media. konzentriere mich aufs Wesentliche im Leben :)

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  • L.Z. am 25.02.2016 21:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    FB nein danke

    Ich war nie, bin nicht und werde sicher nie im Fratzenbuch sein!!

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  • Realist am 25.02.2016 21:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstprofilierung

    Bei Facebook geht's ja vor allem darum, durch Likes, Posts und Fotos viel Aufmerksamkeit zu erhaschen. Menschen, die sich über solche Plattformen profilieren, sind auf der Suche nach ihrer Identität und nach Bestätigung. Ihr Selbstwert ist tiefer als ein 5 Räppler..

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jörg am 26.02.2016 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    SM nein Danke.

    Klar brauche ich das Internet, aber dieses ganze Socialmedia tue ich mir nicht an. Ich habe 2-3 wirkliche Freunde, auf die ich mich verlassen kann, und um Kontakt mit denen zu haben reicht mir ein stinknormales Telefon, E-Mail oder SMS. Punkt. Alles andere ist Posing und Digitale Selbstbefriedigung.

  • heinzgitz am 26.02.2016 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Peseudo Name

    Darum bevorzuge ich halt ein Peseudo Name auf Facebook, nur die verantwortlichen von Facebook, sehen das nicht gleich wie ich und sperrten mein Facebook Konto. Nun bleib ich halt ohne Facebook Konto, ist Mir sowas von egal.

  • Mandy am 26.02.2016 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Vermisse die gute alte Zeit

    Facebook löschen, dann hat man ruhe. Sich mehr auf das eigene Leben konzentrieren und auf die Reale Welt und die Realen Freunde. Und bekommt man hass Kommentare dann gibt es die Lösch Funktion und das Blockieren einer Person. Durch Facebook verliert man viel Zeit auch die Zeit fürs Wesentliche und für die Realität. Freundschaften gehen auseinander oder bestehen oft nur aus Oberflächlichkeit. Die echten und wahre Freundschaften zu Pflegen in der realen Welt ist viel schöner. Leider lassen sich die Menschen von der Virtuellen Welt viel zu sehr beeinflussen.

    • Pat Riot am 26.02.2016 12:56 Report Diesen Beitrag melden

      @Mandy

      Facebook ist ein Teil der Realität. Wie kommen Sie darauf das dies nicht die Wirklichkeit ist? Sie haben wohl keine Medienkompetenz

    • Da. Gegen am 26.02.2016 21:12 Report Diesen Beitrag melden

      Irren ist menschlich

      @Pat Riot einen Menschen nach seiner Medienkomptenz einzuschätzen ist ein ganz grosser Irrtum

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  • Art am 26.02.2016 10:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Opfer von kleinem Horizont

    was ich beim Hund gelernt/beobachtet habe: Wenn ich ewas ignoriere, lässt es der Hund auch in Ruhe. Sobald ich es aber anfasse möchte er sofort danach schnappen und es kaputtkauen. Er kann sich dann kaum beherrschen. Dann kaut er daran noch kurz herum aber er ignotiert es wieder sofort, wenn keine Gegenreaktion von MIR kommt. Keine Aussage ist auch eine Aussage. Hasskommentare ignorieren und einfach weiter leben! Wir leben zwar alle unter dem selben Himmel aber haben nicht alle den selben Horizont.

    • Chrigu am 26.02.2016 14:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Art

      Der mit dem Himmel und dem Horizont ist gut. Den muss ich mir merken. Danke!

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  • socailmediaverweigerer am 26.02.2016 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach

    Profil löschen, Problem gelöst. Man muss halt damit leben können, dass man nicht mehr der ganzen Welt mitteilen kann, was man eingekauft, wie oft gefurzt oder sonst was hat.

    • Fritz Franz am 26.02.2016 16:38 Report Diesen Beitrag melden

      warme Luft

      genau, ist ja eh nur warme Luft, die raus muss.

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