«Kunden werden bestraft»

08. Mai 2019 19:44; Akt: 12.05.2019 05:39 Print

Teureres GA soll Steuerzahler entlasten

Ein Dokument zeigt, dass ÖV-Benutzer künftig zehn Prozent mehr für ihr GA bezahlen sollen. In der Branche tobt ein Streit um die Preise.

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Laut internen Dokumenten der Tariforganisation CH-Direct soll das Generalabonnement (GA) ab Dezember 2021 um 10 Prozent teurer werden und neu 4250 Franken kosten. In der Branche bricht ein Streit auf. Kurz nach Bekanntwerden der Pläne liess die SBB verlauten, sie setze sich für «stabile, möglichst sinkende Preise» ein. Im Papier seien Möglichkeiten aufgezeigt worden, Entscheide seien noch nicht gefallen. SBB-Chef Andreas Meyer hat zuletzt wiederholt betont, dass höhere Preise gefährlich seien für den öffentlichen Verkehr. «Die Preise anpassen, ja; aber nicht nach oben», sagte er kürzlich zu SRF. Auf eine Preiserhöhung dürften vor allem die Verkehrsverbünde pochen. Ihnen entgehen wegen des vergleichsweise günstigen GA Einnahmen. «Wenn der Preisunterschied zwischen dem Verbundabo und dem GA gering ist, wechseln Kunden zum GA», sagt Thomas Kellenberger vom Zürcher Verkehrsverbund. «Die Verbundtarife können damit ab einem gewissen Punkt selbst bei markanten Ausbauten des Angebots von S-Bahnen, Trams oder Bussen nicht mehr angepasst werden», so Kellenberger vom ZVV. Sabine Krähenbühl von CH-Direct sieht positive Folgen einer GA-Preiserhöhung. Im Gegenzug könnten nämlich die Preise für andere oder neue Produkte und Angebote gesenkt werden. «Daraus ergäbe sich die Möglichkeit, neue Kunden für den ÖV zu gewinnen und ihn insgesamt besser auszulasten», so Krähenbühl. Die Präsidentin von Pro Bahn, Karin Blättler, kritisiert die geplante GA-Verteuerung: «Der ÖV verändert sich zum Negativen, ein Sparprogramm jagt das nächste. Nun sollen also auch die treuesten Kunden bestraft werden.» Auch CVP-Nationalrat Martin Candinas sagt: «Eine Preiserhöhung für das GA um 10 Prozent ist zu massiv und der falsche Ansatz.» Es sei aber nicht Aufgabe der Politik, sich in die Preisgestaltung der Branche einzumischen.

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Laut internen Dokumenten der Tariforganisation CH-Direct soll das Generalabonnement (GA) zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 um 10 Prozent teurer werden und neu 4250 Franken kosten. Weitere Massnahmen sind ebenfalls angedacht, berichtet der «Beobachter» (siehe Box).

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In der Branche bricht ein Streit auf. Kurz nach Bekanntwerden der Pläne liess die SBB verlauten, sie setze sich für «stabile, möglichst sinkende Preise» ein. Im Papier seien Möglichkeiten aufgezeigt worden, Entscheide seien noch nicht gefallen. SBB-Chef Andreas Meyer hat zuletzt wiederholt betont, dass höhere Preise gefährlich seien für den öffentlichen Verkehr. «Die Preise anpassen, ja. Aber nicht nach oben», sagte er kürzlich zu «NZZ Standpunkte».

GA konkurrenziert Verbund-Abos

Auf eine Preiserhöhung dürften vor allem die Verkehrsverbünde pochen. Ihnen entgehen wegen des vergleichsweise günstigen GA Einnahmen. «Wenn der Preisunterschied zwischen dem Verbundabo und dem GA gering ist, wechseln Kunden zum GA», sagt Thomas Kellenberger vom Zürcher Verkehrsverbund. «Die Verbundtarife können damit ab einem gewissen Punkt selbst bei markanten Ausbauten des Angebots von S-Bahnen, Trams oder Bussen nicht mehr angepasst werden.»

Das führe zu höheren Defiziten und somit «negativen Folgen für die Steuerzahler». So könne sogar die Bereitschaft für weitere notwendige Ausbauten sinken. «Das wäre nicht in unserem Sinn», so Kellenberger. Schon heute seien die Kosten des Regionalverkehrs in den Verbünden «bei weitem» nicht durch Ticketeinnahmen gedeckt. Das Defizit müsse von der öffentlichen Hand getragen werden.

«Preiserhöhung kann positive Folgen haben»

Sabine Krähenbühl von CH-Direct sieht weitere positive Folgen einer GA-Preiserhöhung. Im Gegenzug könnten nämlich die Preise für andere oder neue Produkte und Angebote gesenkt werden. «Daraus ergäbe sich die Möglichkeit, neue Kunden für den ÖV zu gewinnen und ihn insgesamt besser auszulasten.»

Auf lange Sicht sei es denkbar, Preisanpassungen beim GA vorzunehmen. ÖV-Kunden empfänden Einzelticket-Preise tendenziell als hoch, während die Preise für Vielreisende mit GA eher tief seien. «Letzteres betrifft etwa den typischen Zürich–Bern-Pendler, der auch in der Freizeit reist und so mit seinem GA jährlich rund 60'000 Kilometer zurücklegt.»

«Der ÖV verändert sich zum Negativen»

Diese Logik kommt nicht überall gut an. Die Präsidentin von Pro Bahn, Karin Blättler, kritisiert die geplante GA-Verteuerung: «Der ÖV verändert sich zum Negativen, ein Sparprogramm jagt das nächste. Nach dem laufenden Abbau bei den Serviceleistungen sollen nun also auch die treuesten Kunden abgestraft werden», sagt sie.

Laut Blättler bröckelt das Erfolgsmodell des ÖV seit knapp zwei Jahren. Vor allem die Zuverlässigkeit leide. «Im Hinblick auf die aktuelle Klimadiskussion setzt die Branche mit solchen Verteuerungsplänen ein völlig falsches Signal. Statt die breite Bevölkerung für den ÖV zu gewinnen und zu halten, hat man es auf die Kernkundschaft abgesehen.» Diese Rechnung gehe nicht auf. Pro Bahn setze alles daran, die geplanten Preisanpassungen zu verhindern.

Mehr Augenmass gefordert?

Auch CVP-Nationalrat Martin Candinas sagt: «Eine Preiserhöhung für das GA um 10 Prozent ist zu massiv und der falsche Ansatz.» Es sei aber nicht Aufgabe der Politik, sich in die Preisgestaltung der Branche einzumischen.

Er betont, dass es sich bei der diskutierten Verteuerung nur um einen von vielen möglichen Vorschlägen handle. «Ich begrüsse es, dass sich die Branche laufend Gedanken über Angebot und Preisgestaltung macht.» Solche einschneidenden Änderungen benötigten jedoch Augenmass.

«Unser hervorragend funktionierendes ÖV-System darf nicht durch zu schnelle und zu grosse Veränderungen sein gutes Image riskieren. Eine Verlagerung des Verkehrs von den Schienen auf die Strasse muss auf jeden Fall verhindert werden», sagt Candinas. «Denn das wäre ein Super-GAU.»

(mm/jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luca am 08.05.2019 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Politik soll Preise festmachen

    Seit 10 Jahren wollen "neue Kunden für den ÖV gewonnen werden".. wir fahren doch schon alle ÖV! Und darum können die Preise jedes Jahr schön erhöht werden, denn als Alternative steht man im Stau.. das ist doch verrückt! Alles wird teurer nur die Löhne bleiben gleich..

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  • St. Euer am 08.05.2019 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Doppelter Grund zur Freude...

    das vor kurzem noch die Fahrkosten zur Arbeit bei der Steuer auf 3.000 CHF gedeckelt wurden. Da freut sich der Staat gleich zwei Mal.

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  • Jolanda Jäggi am 08.05.2019 20:14 Report Diesen Beitrag melden

    Verkehrsverbünde abschaffen

    das sind genau die,diejenigen,die am meisten Kosten verursachen,zumal alle einen vermutlich nicht billigen Verwaltungsapperat brauchen !

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Joker78r am 09.05.2019 19:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Märchen Stunde

    Ja, die Steuerzahler entlasten sind so, Märchen die Man erzählt, der heute nur noch belogen und betrogen wird und nur einfach auf der legalen Art / wir haben ein Gesetz, aber in der Realität sieht es anders aus,das Papier ist nicht mal wert wo es drauf geschrieben wurde und ist nur noch abzocke ich glaube gar nichts mehr. Ende

  • Chevalier am 09.05.2019 19:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ÖV soll sich selbst finanzieren!

    Richtig! Die ÖV soll sich endlich selbst fonanzieren und nicht mehr von den Autofahrern quersubventioniert werden! Mit den wieder frei gewordenen Strassengeldern soll endlich die Strasseninfrastruktur für die offenbar von den Linken gewollte 10-Millionen-Schweiz gebaut werden!!!

  • Mack am 09.05.2019 18:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Staatsangestellte und halbprivate Firmen wie Swiss

    Mich würde eigentlich interessieren, wieviele GA's zu Lasten der Steuerzahler jetzt schon gehen und kaum oder nicht benutzt werden. Ich habe die Rechnung bezüglich Verbund auch schon gemacht. ZVV und Ostwind, dieses nur wegen einer Station die ausserhalb des ZVV ist, rechnen sich nicht. GA ist etwas teurer.

    • Whisk am 09.05.2019 18:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mack

      In der Schweiz haben 400 000 ein gratis GA. Wen nur die hälfte kein gratis GA hätte oder die hälfte ans GA zahlen müsste würden sicher die Bahnbillette günstiger und nicht das GA teurer.

    • Mack am 09.05.2019 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Whisk

      Da müsste ja noch zwischen erster und zweiter Klasse unterschieden werden. Da wäre die Politik wirklich mal gefordert - aber das dürfte wahrscheinlich nicht prio eins haben, zu viele Einflüsterer

    • Whisk am 09.05.2019 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mack

      Ja so ist es. Angestellte im ÖV haben alle ein GA.

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  • Katzerich am 09.05.2019 18:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neue Spielregeln

    Wie wäre es, wenn die SBB etwas weniger Gratis-GAs verteilen würde? Den Hebel sollte sie dort ansetzen.

  • Patrick am 09.05.2019 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Abschaffung Gratis GA für Politiker

    das würde uns Steuerzahler sehr viel entlasten. Schlussendlich zahlen wir ja unser GA selbst.