Mobility Pricing

25. Oktober 2014 10:11; Akt: 25.10.2014 12:21 Print

«Nur noch Banker könnten um 17 Uhr heim»

von J. Büchi - Pendeln zu Stosszeiten und auf stark befahrenen Strecken könnte teurer werden. Politiker kritisieren die Pläne für ein ÖV-Mobility-Pricing, ein Experte zweifelt dessen Nutzen an.

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Dass die Billette für stark frequentierte Zugverbindungen künftig teurer werden könnten, kommt nicht überall gut an. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Schlechte Nachrichten für Pendler, die regelmässig zu Stosszeiten unterwegs sind: Für sie könnte das Zugfahren künftig teurer sein als für Passagiere, die vorwiegend tagsüber unterwegs sind. Das Departement von Bundesrätin Doris Leuthard arbeitet laut «Basler Zeitung» an einem Konzeptbericht zu Mobility Pricing – für Autofahrer genauso wie für ÖV-Benutzer. Ziel: eine bessere Verteilung des Verkehrsaufkommens über den Tag. Es sei davon auszugehen, dass ÖV-Nutzer, die häufig unterwegs sind, künftig deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen als die heutigen GA-Besitzer, heisst es im Artikel. Insgesamt solle für Mobilität aber nicht mehr, sondern anders bezahlt werden.

Rolf Steinegger, Experte für Verkehrssysteme an der ZHAW, zweifelt den Nutzen eines solchen Systems an. «Wenn sich die Passagiere etwas besser über den Tag verteilen, führt das höchstens dazu, dass die Infrastruktur etwas langsamer ausgebaut werden muss.» Wolle man die Gesamtmenge an Verkehr reduzieren oder dessen Wachstum bremsen, müsse man die Mobilität hingegen für alle verteuern und damit verursachergerechter bezahlen, so Steinegger.

Benachteiligung von ÖV wäre kontraproduktiv

«Zu Stosszeiten zu pendeln, ist heute schon unattraktiver als tagsüber», sagt der Experte. Dass Züge und Strassen am Morgen und am Abend trotzdem proppenvoll sind, liege daran, dass es sich viele Leute eben nicht anders einrichten könnten oder wollten. Würden die Zugtickets nun verteuert, führe dies nur zu sozialen Ungerechtigkeiten. «Überspitzt gesagt: Der Banker vom Paradeplatz könnte noch abends um 17 Uhr mit dem Zug nach Hause, seine Putzfrau hingegen müsste warten, bis es wieder günstige Verbindungen gibt.» Besonders problematisch wäre es ihm zufolge, wenn der ÖV aufgrund des Mobility Pricing stärker an Attraktivität verlöre als die Strasse: «Auf der Schiene können auf weniger Fläche mehr Menschen transportiert werden als auf der Strasse – und dies erst noch mit weniger schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt.»

In dieselbe Kerbe schlägt Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen und Mitglied der nationalrätlichen Verkehrskommission: «Bei den Preisen im Bahnverkehr ist die Schmerzgrenze bereits erreicht – der ÖV darf nicht grundsätzlich verteuert werden.» Rytz fordert, beim Mobility Pricing müsse der Autoverkehr im Vordergrund stehen – das System müsse zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr motivieren. Eine bessere Auslastung der Züge zu Randzeiten sei zwar sinnvoll. «Dann muss man diese Fahrten aber günstiger anbieten – und nicht jene zu Stosszeiten teurer.» Komplett abzulehnen sei eine Verteuerung von stark befahrenen Strecken. «Wir können die Leute nicht dafür bestrafen, wenn sie beispielsweise im Raum Zürich wohnen oder arbeiten.»

«Home Office fördern»

Auch für Evi Allemann, SP-Nationalrätin und Präsidentin des Verkehr-Clubs der Schweiz VCS, darf Mobility Pricing nicht dazu führen, dass Pendler bestraft werden. Trotzdem führe kein Weg an der Einführung eines solchen verbrauchsabhängigen Preissystems vorbei: «Unser Verkehrssystem stösst an seine Grenzen. Damit die bestehende Infrastruktur besser ausgelastet werden kann, müssen wir die Preise verbrauchsabhängiger gestalten.»

Dies könne allerdings erst dann gelingen, wenn gewisse Voraussetzungen gegeben seien. «Ziel muss es sein, dass nicht mehr so viele Leute aufs Pendeln angewiesen sind.» Modelle wie Home Office müssten von den Arbeitgebern gefördert werden. «Zudem muss mehr günstiger Wohnraum in den Städten angeboten werden, damit die Leute keine weiten Wege zwischen Wohn- und Arbeitsort zurücklegen müssen.»

Genau davon will SVP-Verkehrspolitiker Walter Wobmann nichts wissen. Die Anreize dürften nicht so gesetzt werden, dass sich die Leute dazu gezwungen fühlten, in die Stadt zu ziehen: «Eine Verteuerung der stark befahrenen Pendlerstrecken käme dem Tod der ländlichen Wohngebiete gleich», befürchtet er. Dies insbesondere, nachdem bereits der Pendlerabzug bei den Steuern beschränkt wurde. «Diese Idee kommt von realitätsfremden Fantasten, die nur noch vier, fünf grosse Zentren in der Schweiz wollen.»

Tagsüber nur jeder fünfte Sitz besetzt

Bei der SBB heisst es auf Anfrage, man sehe im Mobility Pricing eine Chance, die Nachfrage besser zu steuern. Heute sei im Regionalverkehr durchschnittlich jeder fünfte Sitz besetzt, im Fernverkehr jeder dritte. «Nur am Morgen und Abend während der Hauptverkehrszeit kann es sein, dass die Auslastung über 100 Prozent beträgt, dass man also keinen Sitzplatz mehr findet.» Ziel müsse es deshalb sein, die Verteilung über den Tag zu verbessern.

Für die SBB sei dabei zentral, dass Strasse und Schiene bei der Einführung von Mobility Pricing gleich lange Spiesse hätten. «Ausserdem muss der ÖV zahlbar und einfach in der Anwendung bleiben.» Dies betonte auch Bundesrätin Leuthard anlässlich des dritten Infrastrukturtags an der Universität St. Gallen. An der Tagung wurden verschiedene Mobility-Pricing-Modelle
vorgestellt und diskutiert. Laut Leuthard zeigen die bisherigen Abklärungen, dass verschiedene Modelle für die Schweiz grundsätzlich praktikabel wären. Allerdings stellten sich noch zahlreiche «technische, finanzielle und politische Fragen». Nächstes Jahr wird der Konzeptbericht zum Thema dem Bundesrat vorgelegt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy Gasser am 25.10.2014 10:25 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesrätin Leuthard hat versagt

    Diese immer absurderen Lösungsvorschläge von Bundesrätin Leuthard um die Verkehrspobleme in der Schweiz zu lösen machen doch nur eines deutlich, Leuthard ist mit ihren Aufgaben vollkommen überfordert. Sie löst nicht Probleme, sonder schafft nur neue.

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  • Herr Beamter am 25.10.2014 10:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzockerei

    Das ist die grösste Abzocke aller Zeiten. Man nutzt die Kunden aus. Denn mit fixen Arbeitsplätzen hat man keine Wahl, wann man arbeiten will ! .. Eigentlich binich auch für die Förderung von Homeoffice - man soll es allerdings nicht dem ganzen Volk aufzwingen.

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  • Melissa am 25.10.2014 10:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnlos

    Wenn das durch kommt, lohnt sich arbeiten/studieren nicht mehr... Wenn der arbeitsweg zu teuer wird, müssen wenigstens die mietpreise sinken, damit man wenigstend in der nähe der arbeit wohnen kann.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • D.N. am 26.10.2014 20:46 Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache!

    Ja fangt schon mal an, die Sozialämter und RAV Büros zu vergrössern, denn es werden in Zukunft immer mehr Leute kommen!

  • Dasei Desko Lumbus am 26.10.2014 18:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur mal ein Gedankenspiel...

    und wenn, sagen wir mal, die Hälfte der unterqualifizierten und überbezahlten Bankster einfach zu Hause bleiben würden? Mit Sicherheit würde ein volkswirtschaftlich relevanter Peoduktionsschub resultieren bei gleichzeitiger Entlastung der Verkehrswege. Figgi und Müli - oder etwa nicht?

  • Dauer Pendler am 26.10.2014 12:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Erste Klasse abschaffen

    Zuerst die 1. Klasse abschaffen. Dann versuchen, verkürzte Kompositionen zu Stosszeiten vermeiden.

  • Vertrauen in Fachleute am 26.10.2014 12:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    @Der Denker

    Nun, das ist tatsächlich eine Spirale, aber eine notwendige, wenn man nicht verzichten will. Die Frage ist halt, ob man weiter den (materiellen) Wohlstand steigern möchte (darauf ist unser kapitaliatisches System derzeit angelegt), oder Stagnation, sogar Rezession (Rückgang Wohlstand) akzeptieren will. Was leider nicht geht, ist mehr mat. Wohlstand OHNE Wachstum, weil mehr mat. Wohlstand nur mit höherer Wirtschaftsleistung (d. h. Wirtschaftswachstum pro Kopf) zu erreichen ist. Wir können wählen, müssen aber auch die Konsequenzen tragen.

  • Ursi am 26.10.2014 11:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klassistisch

    Liebe Frau Leuthard Mein Tip ist, im SBahnNahverkehr keine 1Klass Wagons sondern alles nur 2Klass mit mehr Stehplätze einsetzen. In der Metro sitzt/steht auch der" Banker neben der Putzfrau" nach dem Moto Gleichberechtigung für Reiche und weniger Reiche