SRF-Sendung «Blackout»

30. Dezember 2016 05:49; Akt: 30.12.2016 05:49 Print

«Patienten sterben, weil im Spital der Strom fehlt»

von P. Michel - Experte Stefan Brem hält einen totalen Stromausfall für realistisch. Die Schäden seien besonders wegen der zunehmenden Digitalisierung massiv.

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In der SRF-Sendung «Blackout» herrscht in ganz Europa Stromausfall. Laut Stefan Brem, Chef Risikogrundlagen beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz, ein «realistisches Szenario». Brem sagt: «Möglich wäre das, wenn verschiedene Ereignisse zusammenspielen: Etwa wenn die Speicherseen fast leer sind und gleichzeitig ausländische Kernkraftwerke ausfallen, die uns Strom liefern.» Käme dann noch ein Eisregen, der das Stromnetz beschädigt, dazu, würde dies reichen, um in der Schweiz ein Blackout auszulösen. (Symbolbild) Zuletzt von einem Stromausfall betroffen war die Stadt Zürich. Im Oktober fiel der Strom bei über 1000 Anschlüssen aus. Bei einem flächendecken Stromausfall wie im SRF-Szenario wären die Folgen weit dramatischer: «Es kommt zu einem Verkehrschaos, weil die Ampeln nicht mehr funktionieren, oder zu Bränden und Rauchvergiftungen, weil die Menschen ihre Wohnung mit Kerzen beleuchten», sagt Stefan Brem. Zudem wäre das Gesundheitswesen betroffen, sagt Brem: «Patienten sterben, weil beispielsweise der Strom für die lebenserhaltenden Maschinen in kleineren Spitälern ohne Notstromgruppen ausfällt. «Insgesamt rechnen wir im vom SRF dargestellten Szenario mit bis zu hundert Toten.» (Symbolbild) Eine lang anhaltende Strommangellage mit regelmässigen, längeren Versorgungsunterbrüchen ist laut Analysen des Bundesamts für Bevölkerungsschutz alle 60 bis 70 Jahre möglich und würde Schäden von etwa 100 Milliarden Franken verursachen. (Symbolbild) Die hohe Schadenssume erklärt Risikoexperte Brem mit der «zunehmenden Vernetzung». Zerstöre etwa in Deutschland ein Sturm wichtige Strominfrastrukturen, entstehe ein Dominoeffekt, der Auswirkungen bis nach Italien und in die Schweiz haben könne. Eine weitere Bedrohung für die Stromversorgung neben Naturkatastrophen sind laut Brem auch Cyber-Angriffe: «Die starke Vernetzung macht die Stromversorgung auch zu einem attraktiven Ziel für Cyber-Angriffe.»

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Herr Brem*, in der SRF-Spezialsendung «Blackout» wird ein Stromausfall in ganz Europa simuliert, wobei auch die Schweiz betroffen wäre. Ist das Panikmache oder ein denkbarer Katastrophenfall?
Das ist ein realistisches Szenario. Möglich wäre das, wenn verschiedene Ereignisse zusammenspielen: Etwa wenn die Speicherseen fast leer sind und gleichzeitig ausländische Kernkraftwerke ausfallen, die uns Strom liefern. Dann würde ein zusätzlicher Eisregen, der das Stromnetz beschädigt, reichen, um in der Schweiz ein Blackout auszulösen. Auch eine lang anhaltende Strommangellage mit regelmässigen, längeren Versorgungsunterbrüchen ist möglich. Unsere Analysen haben gezeigt, dass dies in der Schweiz alle 60 bis 70 Jahre eintreten könnte und Schäden von etwa 100 Milliarden Franken verursachen würde.

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Was wären die konkreten Folgen für die Menschen?
Die Auswirkungen wären massiv, weil Elektrizität unseren Alltag bestimmt: Es kommt zu einem Verkehrschaos, weil die Ampeln nicht mehr funktionieren oder zu Bränden und Rauchvergiftungen, weil die Menschen ihre Wohnung mit Kerzen beleuchten. Das Essen verdirbt im Kühlschrank sowie in den Läden, was zu Lebensmittelvergiftungen führt.

Was wären die Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung?
Natürlich wäre das Gesundheitswesen betroffen: Patienten sterben, weil beispielsweise der Strom für die lebenserhaltenden Maschinen in kleineren Spitälern ohne Notstromgruppen ausfällt. Insgesamt müsste in einem Szenario, wie es vom SRF dargestellt wird, mit bis zu hundert Toten gerechnet werden.

Die Notvorräte in den Haushalten wären möglicherweise nach einigen Tagen aufgebraucht. Sind bei einem andauernden Stromausfall dann Unruhen und Plünderungen möglich?
Die Lebensmittelvorräte, die die Behörden für den Katastrophenfall bereithalten, sind ausreichend. Das Problem besteht darin, diese rechtzeitig an die Bevölkerung zu verteilen. Grundsätzlich darf man zudem annehmen, dass sich die Leute mehrheitlich solidarisch zeigen werden. Aber die Gefahr besteht: Wenn die Leute nach zwei bis drei Tagen das Gefühl haben, dass sie von den Behörden im Stich gelassen werden, könnte die Stimmung kippen. Es könnte zu Unruhen und Plünderungen kommen. Das hat nichts mit krimineller Energie zu tun, sondern mit natürlichen Instinkten: Man will das Überleben für sich und seine Familie sichern.

Wie würden die Leute mit den Folgen des Stromausfalls umgehen?
Es gibt Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Während die Menschen auf dem Land wohl eher noch Vorräte für ein paar Tage im Keller haben, sieht es in der Stadt anders aus: Dort rechnen viele damit, fast rund um die Uhr ihre Einkäufe erledigen zu können, dadurch werden die Folgen rascher spürbar sein. Viele Leute werden erst mal überfordert sein, weil sie erst dann sehen, wie stark wir vom Strom abhängen, wenn er ausfällt.

Als der Bund 2012 die grössten Risiken für die Schweiz evaluierte, kamen die Experten zum Schluss, dass die grösste Gefahr von einer Pandemie ausgeht. 2015 wurde nachgerechnet, und man erklärte einen lang anhaltenden Strommangel als grösstes Risiko. Was hat sich geändert?
2012 wurden insgesamt zwölf Gefährdungen untersucht, darunter auch ein regionaler Stromausfall. Dieses Szenario stellt im neusten Risikobericht das fünftgrösste Risiko dar. Neu wurden darin 21 zusätzliche Gefährdungen analysiert, darunter auch die Strommangellage. Dass die Auswirkungen einer Strommangellage so massiv sind, liegt an der zunehmenden Stromabhängigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft, die seither noch einmal zugenommen hat. Zerstört etwa in Deutschland ein Sturm wichtige Strominfrastrukturen, entsteht ein Dominoeffekt, der Auswirkungen bis nach Italien und in die Schweiz haben kann.

Welche Gefahren drohen der Stromversorgung neben einer Naturkatastrophe sonst noch?
Ausfälle bei der Stromversorgung werden tatsächlich am häufigsten durch Naturkatastrophen verursacht. Die starke Vernetzung macht sie aber auch zu einem attraktiven Ziel für Cyber-Angriffe. Der Aufwand, eine Gesellschaft auf diese Art zu lähmen, ist aber enorm hoch. Auch das Alter der Netzinfrastruktur stellt ein Risiko dar: Durch den Zubau von neuen Energieproduktionen in ganz Europa muss das Netz ausgebaut werden. In diesem Bereich besteht auch in der Schweiz Handlungsbedarf. Das Problem ist aber erkannt und strategische Ausbauvorhaben dürften in Zukunft priorisiert werden.

*Stefan Brem ist Chef Risikogrundlagen und Forschungskoordination beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Monika am 30.12.2016 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    interessanter Artikel

    der positive Effekt: die Leute hängen nicht mehr am Handy. sie müssen miteinander reden.

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  • R.A am 30.12.2016 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Chaos

    Wir tun gut daran, sich bewusst zu werden was effektiv ein Blackout auslösen kann. Um sich ein Bild davon zu machen empfiiehlt es sich das Buch BLACKOUT von Marc Elsberg zu lesen. Das zeigt uns wie abhängig der Mensch ist und wie der Mensch auf notsituationen und Chaos reagieren kann oder allenfalls eben nicht zu reagieren weiss.

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  • Swissfighter am 30.12.2016 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    An alle

    Wenn jemand dieses Thema interessiert kann ich "Blackout von Mark Elsberg" empfehlen. Ein sehr interessantes und aktuelles Buch!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Papa Moll am 30.12.2016 17:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    BLACKOUT!

    Das Thema interessiert mich wirklich! Viele Beiträge die einem zu denken geben! Habe eben das Buch "BLACKOUT" bestellt! Wünsche ein gutes neues Jahr!

  • Patnuk am 30.12.2016 15:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spezialsendung anders rum

    Wieso eigentlich immer gleich eine Katastrophen Szenario, eine Spezialsendung mit, wie was wäre wenn wir die soziale, ökonomische und wirtschaftliche Herausforderung geschafft hätten in 20 Jahren oder 30 Jahren. Keine Arbeitslosen, Grundeinkommen für alle, allen würde es gut gehen, man müsste nicht mehr arbeiten, was hätte dies für einen Einfluss auf den Rest der Welt, politisch und auf die Grenzgänger und Einwanderer. Wäre ein Thema zum bearbeiten, nur als Idee. Grundsätzlich finde ich solche Spezialsendungen gut, bringt Nachdenken und Austausch mit.

  • Mfries am 30.12.2016 12:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein problem

    Kein Problem für mich und meine Frau! Wohne in einem Grossen Mobil heim, sollte dazu auch noch ein Erdbeben kommen kann ich auf meinen kleineren Wohnwagen ca 8,5 meter lang, rundum spezial beschichtet resistent gegen Granatsplitter und klein Geschosse, umsatteln der ist noch autonomer völlig unabhängig von allem ausgerüstet mit essen für Monate autonomen Wasser filtern sowie Gasmasken und Sauerstoff. Sollte eine A Bombe kommen dan würde die situation erst richtig ernst. Also mache ich mir da keine sorgen.

  • Rozok am 30.12.2016 11:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niedriger Strompreis

    Esperten rechnen mit Stromknappheit alle 60-70 Jahre aber momentan ist der Strompreis so niedrieg wie schon lange nicht mehr.

  • Lolowag am 30.12.2016 10:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realistisch:siehe Buch Blackout

    Das sind leider keine Phantasien. Im Buch Blackout wird das sehr realistisch beschrieben! Ich bin in der IT und kann das Szenario leider bestätigen. Gerade mit IoT muss alles günstiger werden und gespart wird an langfristigen Sicherheitsmodellen!