St. Galler Opfer der Übergriffe

06. Januar 2016 17:19; Akt: 07.01.2016 12:51 Print

«Plötzlich spürte ich überall Hände»

von Marco Lüssi - An Silvester verübten Männergruppen in deutschen Städten massenhaft sexuelle Übergriffe auf Frauen. Eine Ostschweizerin erzählt, was sie in Hamburg durchmachen musste.

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Über die Festtage war Fabienne G.* aus dem Kanton St. Gallen bei einer Kollegin in Hamburg zu Besuch. Silvester verbrachten die 31-jährige Schweizerin und ihre deutsche Bekannte (28) auf der Partymeile von Hamburg, der Reeperbahn.

Nach dem Jahreswechsel, kurz vor 2 Uhr morgens, waren die beiden Frauen auf dem Weg zu einem Club, in dem sie weiterfeiern wollten – und gingen in eine Seitengasse, wie Fabienne G. 20 Minuten erzählt. Dort begann der Albtraum: «Plötzlich bildete sich um uns ein Ring von etwa zehn Männern, der sich immer enger um uns herum schloss, wir wurden regelrecht umzingelt.»

«Als wir uns wehrten, grinsten sie nur»

Die Männergruppe habe begonnen, sie zu betatschen: «Plötzlich spürte ich überall Hände.» Überall seien sie angefasst worden: «An den Brüsten, am Hinterteil, zwischen den Beinen.» Das sei nicht nur unangenehm, sondern auch schmerzhaft gewesen: «Sie packten grob zu.»

Sie und ihre Freundin hätten sich heftig gewehrt, sagt Fabienne G. «Wir schrien den Männern zu, sie sollten aufhören – und stiessen sie zurück.» Das habe die Täter aber nicht beeindruckt: «Sie grinsten nur blöd – und jene, die wir weggeschubst hatten, kehrten gleich wieder zurück.» Dabei hätten die Männer Dinge wie «Ficki Ficki» gesagt. Einer habe versucht, ihrer Freundin die Handtasche zu entreissen. «Zum Glück konnten wir das verhindern – in der Tasche befand sich auch mein Schweizer Pass.»

Aus der bedrohlichen Situation hätten sie sich erst nach einigen Minuten retten können, so Fabienne G. «Wir sagten zueinander: ‹Jetzt rennen wir Hand in Hand los.›» Sie seien dann zur Hauptstrasse zurückgekehrt, wo sich auch Polizisten befunden hätten: «Dort waren wir wieder sicher.» Doch die Party war für die beiden Frauen nach den brutalen Übergriffen vorbei: «Wir waren den Tränen nahe und wollten nur noch nach Hause.»

Männer sprachen gebrochenes Deutsch

Woher die Männer kamen, weiss Fabienne G. nicht. «Sie alle waren wohl 25 bis 40 Jahre alt und hatten einen etwas dunkleren Teint, für mich sahen sie am ehesten arabisch aus.» Die Täter hätten nur gebrochenes Deutsch gesprochen.

Die beiden Frauen erwogen nach dem Vorfall, die Polizei zu informieren. «Doch wir verzichteten darauf, weil wir der Meinung waren, die Polizei habe in dieser Nacht Dringenderes zu tun», sagt G. Der Vorfall habe ihr in den ersten Tagen des neuen Jahres zu schaffen gemacht. «Es war ein fürchterlicher Start ins Jahr 2016.» Erst aus den Medien erfuhr sie, dass auch viele andere Frauen an Silvester ähnliche Übergriffe erdulden mussten. «Seither fühle ich mich nicht mehr so allein.»

53 Anzeigen in Hamburg

In Hamburg haben mittlerweile bereits 53 Frauen Anzeige erstattet, wie das «Hamburger Abendblatt» berichtet. In 17 Fällen wurden die Frauen nicht nur sexuell belästigt, sondern auch bestohlen. In Köln sind gar über hundert Anzeigen eingereicht worden.

*Name der Redaktion bekannt.