Thomas Kessler

17. März 2015 14:26; Akt: 17.03.2015 16:56 Print

«Portugiesen sind weniger karriereorientiert»

von Th. Bigliel - Deutsche und Portugiesen gehören zu den grössten Ausländergruppen. Migrationsexperte Thomas Kessler erklärt, weshalb die Schweiz bei den Einwanderern so beliebt ist.

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Schweiz ohne Schweizer: Die Kantone aus Sicht der jeweils grössten ausländischen Bevölkerungsgruppe. (Bild: 20 Minuten)

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Herr Kessler*, bei den Schweizer Einwanderern scheint fast flächendeckend Schwarz-Rot-Gold zu dominieren. Wo sind die Kosovaren, Türken und Bosnier?
Deutsche findet man besonders dort, wo Fachkräfte gesucht werden. Die Zuwanderung aus Deutschland überdeckt so die Migration der letzten 30 Jahre. Das sieht man am Beispiel der Stadt Zürich, wo die Deutschen die grösste Einwanderergruppe stellen. Lässt man die Deutschen weg, sieht man, wo die früheren Einwanderergenerationen leben. Würde man die Staatsbürger der ehemaligen jugoslawischen Teil-Republiken zusammenzählen, würden sie ebenfalls einen grossen Teil der eingewanderten Bevölkerung ausmachen – inklusive Eingebürgerter vielleicht sogar den grössten.

Die Auswertung von 20 Minuten zeigt, dass auch abgesehen von den Deutschen viele Einwanderer aus dem benachbarten Ausland stammen.
Das macht Sinn. Als Ende des 19. Jahrhunderts die erste grosse Migrationsbewegung einsetzte, waren es vor allem Deutsche, die in die Schweiz einwanderten und den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung legten. In den 60er-Jahren waren es die Italiener, welche den Bau von Tunnels und Autobahnen realisierten. Mit der Personenfreizügigkeit hat nun der dritte und bis jetzt auch letzte Migrationsschub eingesetzt. Dieser zeigt sich insbesondere an der Zuwanderung von gut ausgebildeten Deutschen. Der Grund dafür ist denkbar einfach: Auf der Suche nach Arbeit oder einer Beziehung wählen die Leute meist das Naheliegende – in diesem Fall die Schweiz.

In der Westschweiz sieht es jedoch anders aus. Hier haben sich vor allem Portugiesen niedergelassen.
Nach den Italienern und den Deutschen sind die Portugiesen die drittgrösste Einwanderungsgruppe. Dass dieser Platz in der Westschweiz nicht von den Franzosen eingenommen wird, hat damit zu tun, dass diese oftmals Grenzgänger sind. Ein Wohnwechsel ist für die heimatverbundenen Franzosen meist kein Thema. Dies im Gegensatz zu den Portugiesen, die sich wegen des Lohnunterschieds gern in der Schweiz niederlassen.

Apropos Portugal: Was ist eigentlich mit den Spaniern?
Derzeit halten sich rund 64'000 Spanier in der Schweiz auf. Das kleinere Portugal kommt auf gut dreieinhalbmal mehr Einwanderer. Die Zahlen zeigen es schon: Im Gegensatz zu Spanien ist Portugal ein typisches Auswanderungsland. Während sich die Portugiesen eher als Gastarbeiter betätigen, sind es bei den Spaniern die Akademiker, die das Land verlassen.

In der öffentlichen Wahrnehmung sind die Portugiesen praktisch nicht vertreten. Fehlt es an portugiesischen Identifikationsfiguren?
Im Gegensatz zu den Deutschen sind die Portugiesen weniger karriereorientiert und drängen deswegen auch selten nach vorn. Hauptmotivation vieler portugiesischer Einwanderer ist die Familie. Aus diesem Grund bleiben auch viele Portugiesen unter sich, was ihre Unauffälligkeit erklärt und den Fokus auf den «lauten Deutschen» verschiebt.

Sie sind Leiter der Basler Kantons- und Stadtentwicklung. Wie erklären Sie sich, dass sich die verschiedenen Nationalitäten nicht gleichmässig über die Stadt verteilen?
Das ist ganz eindeutig. Der Norden Basels ist das Migrationsquartier, das vor hundert Jahren als Ausländerquartier geschaffen wurde. Der Stadtteil liegt in der Nähe der Industrie und des Bahnhofs, wo dazumal die Arbeitsplätze der Zugewanderten lagen. Heute leben vor allem Türken in diesem Quartier.

In Basel leben viele Türken?
Ja, bei der ersten Einwanderungswelle verteilten sich die Türken noch gleichmässig über die Schweiz. Da Basel in dieser Zeit viele kurdische und alevitische Flüchtlinge aus der Türkei aufnahm, ist Basel zu einem Anlaufpunkt für Vertriebene aus diesen Regionen geworden. Heute gibt es viele gut integrierte Basler, die ihre Wurzeln in Anatolien haben. Viele teilen ähnliche Werte, was man auch daran sieht, dass in den Basler Schrebergärten nicht selten ein Halbmond im Wind flattert.

Basel, das neue Klein-Istanbul?
Nein, uns fehlt dazu die Lebendigkeit der türkischen Hauptstadt (lacht). Im Ernst: Der Anteil der Türken stagniert. Mittlerweile kehren mehr Türken zurück oder lassen sich einbürgern, als neue Türken in die Schweiz kommen. Die Karte wird deshalb in zehn Jahren anders aussehen als heute.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • campos hugo am 17.03.2015 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sorry

    also als portuguies bin ich wohl karrier orientiert aber wenn mann von sous chef zum küchenchef wird und nicht mehr als 4000 bezahlt wird da will ich auch keine karriere und bleibe lieber mit die Familie

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  • U. Fass am 17.03.2015 16:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Typisch!

    "Die Karte wird in zehn Jahren anders aussehen" Kein Wunder, wenn wir alle einbürgern!

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  • Kira Helfensteiner am 17.03.2015 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    Billig-Löhne mit Aufstiegs-Chancen?

    Logisch, ich würde das Problem auch "unwichtig" schwatzen, wenn meine Arbeit und das (Steuerausgaben-)Wachstum davon abhängen. Migrationsexperte ... ob man dafür an einer Hochschule studiert haben musste?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Helena Schläpfer am 18.03.2015 14:45 Report Diesen Beitrag melden

    Karriereorientiert?

    Man sollte nicht vergessen dass Portugal bis 1974 noch ein Diktatur war. Die Schule Ausbildung war garantiert aber nur Grundschule, und vor allem auf dem Land war sehr schwierig höher Ausbildung zu machen. Die Portugiesen welchen 15 bis 20 Jahren oder länger in der Schweiz leben sind nicht nur, aber mehrheitlich Leute vom Land, welche wenig Schule Ausbildung genossen haben. Heute mit der Krise und die höhere Arbeitslosigkeit sind auch noch zusätzlich viel höhe qualifiziert Leute ausgewandert. Aber, der Ziel von diese Leute ist nicht nur der Schweiz, sondern im ganze Europa sind einzutreffen.

    • Torino am 18.03.2015 15:30 Report Diesen Beitrag melden

      Kompliment

      Nur eine Korrektur: die Diktatur hat ungefähr 41 Jahre gedauert (1933-1974). Im Jahr 1910 war Portugal eine Republik.

    • Helena am 18.03.2015 17:01 Report Diesen Beitrag melden

      Portugiesin und Erfolgreich!

      Richtig! Danke. Ich meint nur dass die Aussage «Portugiesen sind weniger karriereorientiert» ist zu flach, man sollte nicht vergessen dass wenn man die Möglichkeit hat, muss man nicht, aber kann man mehr erreichen. Portugiesen sind sehr fleissig Leute und wenn man ein bisschen seine Geschichte und Kultur kennt, weiss man dass früher(Seefahrer,usw.) wie auch Heute sind in der Lage etwas zu erreichen, obwohl das Land im schwierige Lage geraten hat. Für Portugiesen sind Arbeit, Land, Familie wichtigen Prioritäten für Leib und Seele, wenn Karriere noch dazu kommt denn ist Super!

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  • Empört am 18.03.2015 13:19 Report Diesen Beitrag melden

    Weniger karriereorientiert?!

    Na, ja... Cristiano Ronaldo ist ein gutes Beispiel!! ;-) Und wie ihn gibt es viel andere Portuguiesen in anderen Berufe. Die sind keine Ausnahme.

  • Ferreira.c am 18.03.2015 12:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Portugal for ever

    also bitte mehr Respekt für das Land die 2000 Jahre Geschichte hat...

  • elias am 18.03.2015 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    tut mir leid

    Herr Kessler, tut mir leid aber Sie sind Total Falsch. Mein Lebenslauf sagt etwas anderes. Bin selber "português"

    • Portugiesin am 18.03.2015 12:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Falsch!

      Da muss ich Elias recht geben! eine sehr gewagte Verallgemeinerung! auch mein Lebenslauf sagt etwas anderes..

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  • Andreas am 18.03.2015 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Geschichtsverklärung

    "Vor allem Deutsche, die in die Schweiz einwanderten und den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung legten" Darf man fragen wieso diese Deutsche in die Schweiz einwanderten? Weil es hier so schöne Heugabeln gab? Oder vielleicht eine boomende Industrie wie Sulzer oder Maschinenfabrik Oerlikon? Ich will ja wirklich nicht die Leistung deutscher Einwanderer für die Schweiz kleinreden aber diese Art von Propaganda geht mir auf den Nerv.

    • Wurzelsepp am 18.03.2015 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Wahrheit

      Vor 100 Jahren gab es in der Schweiz tatsächlich nur Heugabeln!

    • Andreas am 18.03.2015 11:28 Report Diesen Beitrag melden

      Könnte falscher nicht sein

      Machen Sie mal eine Bildersuche "Maschinenfabrik Oerlikon um 1896". Vor 100 Jahren gab es in der Schweiz alles.

    • Andreas am 18.03.2015 14:24 Report Diesen Beitrag melden

      Wohlstand durch Heugabeln

      Die Schweiz war vor 100 Jahren im Vergleich zu Deutschland das wohlhabendere Land siehe "List of regions by past GDP (PPP) per capita", sowohl bei Maddison als auch bei Bairoch. Und wenn Sie das nicht glauben können Sie die USA Einwanderung als Armutsindikator studieren. 1910 gab es in den USA 125'000 schweizer Immigranten, aber 2.3 Mio Deutsche (United States immigration statistics Wikipedia). Hoffmann-La Roche, Ciba-Geigy, Sandoz, entgegen landläufiger Meinung BBC (Charles Eugene Lancelot Brown war gebürtiger Schweizer), Credit Suisse, alles von Schweizern vor über 100 Jahren (mit)gegründet.

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