Kranke Rekruten

05. Juli 2019 18:32; Akt: 05.07.2019 18:32 Print

«Dasselbe Poulet wurde uns dreimal aufgetischt»

Ein ehemaliger Rekrut kritisiert die Hygiene in der Kaserne Jassbach scharf. Vorschriften seien nicht eingehalten worden. Die Armee widerspricht.

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Am Donnerstagmittag erlitten rund 50 Rekruten aus der Kaserne Jassbach eine Lebensmittelvergiftung. Ob es das kalte Poulet vom Vortag war, das Durchfall und Erbrechen auslöste, ist noch unklar. Die Qualität des Essens sei jedenfalls haarsträubend, berichten verschiedene ehemalige Angehörige der Armee, die dort die Rekrutenschule absolviert hatten, zu 20 Minuten. Ein damaliger Funkaufklärer-Rekrut (22) erzählt.

Herr C.*, am Donnerstag mussten 50 Rekruten aus Jassbach BE ins Spital eingeliefert werden. Sie absolvierten die Winter-RS letztes Jahr auch in Jassbach. Überrascht Sie der Vorfall?
Nein. In der Kaserne Jassbach wurden die hygienischen Vorschriften alles andere als eingehalten. Durchfall gab es auch bei uns.

Welche Erfahrungen haben Sie schon mit dem Essen im Militär gemacht? Erzählen Sie uns Ihre Geschichte hier:

Lag es am Essen?
Ja. Das Poulet wurde jeweils am Vortag als Schenkel serviert. Da davon aber immer etwas übrig blieb, nahmen es die Köche auseinander und setzten es uns am nächsten Tag wieder vor. Damit es besser schmeckt, werfen sie dann gerne noch etwas Salatsauce aufs Fleisch. Aber auch nach dem Mittagessen blieb immer etwas übrig.

Was machten die Köche mit diesen Resten?
Das Poulet wurde darauf zum Abendessen – und damit zum dritten Mal – serviert. Dass sich dabei Salmonellen und weitere Bakterien entwickeln, dürfte jedem klar sein. Das Poulet und der Fisch waren das Schlimmste, was ich dort oben gesehen habe.

Was war mit dem Fisch nicht in Ordnung?
Beim Fisch wurden panierte Filets aus dem Tiefkühler genommen und kurz aufgewärmt. Schnitt man den Fisch, sah man, dass er innen kalt und überhaupt nicht durchgebraten war. Es gab aber auch einwandfreies Essen: Das Beste, was wir assen, waren Ravioli. Leider wurden die Gamellen aber alle anschliessend im selben Kanister mit Wasser gereinigt. Dadurch kamen die Rekruten in Kontakt mit Grippeviren, Bakterien und Herpes.

Wie überstanden Sie die RS ohne Krankheit?
Ich hielt mich wenn möglich an Mais, Reis und Nudeln. Ansonsten deckte ich mindestens die Hälfte meines täglichen Bedarf mit Darvida, Cracker und Riegel ab. So hielt ich das Risiko gering, eine Lebensmittelvergiftung zu bekommen. Denn um die Gesundheit scheren sich die Armeeverantwortlichen dort oben nicht.

Sie übertreiben.
Die Winter-RS ist das Schlimmste dort oben. Wir hatten alle Lungenbrennen. Ein Kamerad hustete so krass, dass wir glaubten, er werde da oben noch sterben. Da oben ist nämlich kein Arzt stationiert und der Feldwebel hat keinen Bock, nach Thun zu fahren.

20 Minuten hat die Armee mit den Vorwürfen konfrontiert. «In den Küchen der Armee gelten die zivilen Hygienestandards», sagt Sprecherin Delphine Allemand. Das Hygieneniveau in den Armeeküchen sei durchwegs gut bis sehr gut.

Laut Allemand müssen Überproduktionen sofort gekühlt werden und spätestens am Abend des nächsten Tages aufgebraucht oder weggeworfen werden. Auf dem Feld könnten die Soldaten die Gamelle nach dem Essen in einer Abwaschkiste mit warmem Wasser grob ausspülen. «Richtig gereinigt wird die Gamelle durch jeden Soldaten selbst am Abend in der Kaserne im Rahmen des sogenannten inneren Dienstes.»

«Hygienisch hochwertiges Angebot»

Zur Menge neu aufbereiteter und wieder aufgetischter Gerichte macht Allemand keine Angaben. «Dazu wird keine Statistik geführt.»Die Armee setze das Lebensmittelgesetz mit einem umfassenden Hygienekonzept um, hält sie fest. Die«Küchenprofis» sorgten für ein hygienisch hochwertiges Angebot.

Die Vorgaben zur persönlichen Hygiene, zur Betriebs- und Produktionshygiene und die Selbstkontrolle seien im Reglement «Lebensmittelhygiene in der Armee» geregelt. Der Küchenchef kontrolliere und dokumentiere täglich die Lagerung, Produktion und Reinigung im Rahmen der Selbstkontrolle.

Fehlbahren Köchen droht Strafe

«Zusätzlich kontrollieren seine Vorgesetzten wöchentlich und das Lebensmittelhygiene-Inspektorat der Armee periodisch die Küchenhygiene», sagt Allemand. Im Falle von Mängeln würden diese umgehend behoben. «Fehlbare Personen können diszipliniarisch bestraft werden.»

Zur Kritik an der ärztlichen Versorgung in der Kaserne sagt Allemand: «Die medizinische Versorgung basiert ordentlich auf dem Medizinischen Regionalzentrum Thun der Armee.»

(bz/pam)