Experten-Interview

10. Oktober 2018 18:31; Akt: 10.10.2018 18:31 Print

«Psychische Krisen gibts auch im gesunden Leben»

von Julia Käser - Über psychische Probleme zu sprechen, fällt den meisten schwer. Das liege daran, dass diese zentrale Funktionen wie Denken, Fühlen und Handeln betreffen, sagt ein Experte.

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Vielen fällt es schwer, über psychische Leiden zu sprechen. Niklas Baer, Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland sagt: «Psychische Störungen sind nicht zu verwechseln mit einem kurzweiligen Durchhänger. Sie beginnen meist früh im Leben, bestehen oft über eine längere Zeit und bringen meist Einschränkungen im Alltag.» Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen seien psychische Krankheiten noch nicht enttabuisiert worden, sagt Baer. «Weltweit wurden immer wieder Aufklärungskampagnen lanciert. Ein Problem ist, dass psychische Störungen unsichtbar und schwer einschätzbar sind.» Auch sei unser zentrales Steuerorgan betroffen, sagt der Experte. «Damit sind unsere Gefühle, Gedanken und unser Verhalten involviert – also alles, was uns als Mensch ausmacht. Das verunsichert die Betroffenen sowie ihr Umfeld.» Betroffene hätten Angst, sie würden als unzurechnungsfähig, arbeitsunfähig, unattraktiv oder schwach betrachtet werden, wenn sie zu ihrer psychischen Störung stünden. «Tatsächlich bringt ein Outing neben der Entlastung auch die Gefahr mit sich, dass sich Personen von einem abwenden können, weil sie überfordert sind. Nicht nur Betroffene selber reden nicht darüber, auch das Umfeld schweigt, trotz manchmal offensichtlicher Anzeichen», sagt der Experte. Trotzdem habe sich laut dem Experten viel verändert. «In den Medien wird vermehrt über psychische Erkrankungen berichtet. Die Leute sprechen darüber, solange sie selber nicht direkt betroffen sind.» Der Arbeitsplatz sei ein zentrales Thema. «Es zeigt sich, dass viele Chefs froh wären, wenn sie über den psychischen Zustand der Angestellten Bescheid wüssten», sagt Baer. «Gleichzeitig haben sie oft grosse Hemmungen, ihre Mitarbeitenden auf Auffälligkeiten anzusprechen. Zudem würden viele Chefs Personen mit psychischen Leiden eher nicht einstellen, wenn sie darüber informiert wären», sagt der Psychiater.

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Herr Baer*, was bedeutet es, unter psychischen Problemen zu leiden?
Psychische Probleme hat jeder mal. Psychische Leiden hingegen sind nicht zu verwechseln mit einem kurzweiligen Durchhänger. Sie beginnen meist früh im Leben, bestehen oft über eine längere Zeit und bringen oft Einschränkungen im Alltag, im Job und in der Freizeit mit sich. Psychische Probleme führen oft auch zu einem Leiden wegen der Reaktionen des Umfelds, das diese nicht nachvollziehen kann oder sich distanziert. Häufig sind sie mit einer gewissen Einsamkeit verbunden, weil sie versteckt und in der Regel nur den engsten Freunden mitgeteilt werden.

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Wieso reden wir heute offen über Aids, während psychische Leiden noch immer ein Tabuthema sind?
Zahlreiche andere Erkrankungen wurden tatsächlich enttabuisiert. Seit Jahrzehnten wird versucht, das auch bei psychischen Störungen zu erreichen. Leider stösst man hier wiederholt an Grenzen. Weltweit wurden immer wieder Aufklärungskampagnen lanciert. Ein Problem ist, dass psychische Störungen unsichtbar und schwer einschätzbar sind, ein weiteres, dass sie unser zentrales Steuerorgan betreffen. Damit sind unsere Gefühle, Gedanken und das Verhalten involviert – eigentlich alles, was uns als Mensch ausmacht. Das verunsichert die Betroffenen sowie ihr Umfeld.

Also hat sich nichts verändert in den letzten Jahrzehnten?

Doch, in den Medien wird vermehrt über psychische Erkrankungen berichtet. Die Leute sprechen darüber, solange sie selber nicht direkt betroffen sind. Das Thema wird also angesprochen, aber die wenigsten stehen hin und sagen: Ich bin einer davon. Bedenkt man, dass knapp jeder Zweite irgendwann in seinem Leben von einer psychischen Störung betroffen ist, ist das eigentlich erstaunlich. Darüber zu sprechen, wäre in der Regel eine Entlastung.

Wovor fürchten sich all diese Leute, die ihre psychischen Probleme verschweigen?
Betroffene haben Angst, sie würden als unzurechnungsfähig, arbeitsunfähig, unattraktiv oder schwach betrachtet, wenn sie zu ihrer psychischen Störung stehen würden. Tatsächlich bringt ein Outing neben der Entlastung auch die Gefahr mit sich, dass sich Personen von einem abwenden können, weil sie überfordert sind. Nicht nur Betroffene selber reden nicht darüber, auch das Umfeld schweigt, trotz manchmal offensichtlicher Anzeichen.

Wie sollte ein angemessener Umgang mit psychischen Störungen aussehen?
Psychische Krankheiten sollten weniger verschwiegen und vermehrt behandelt werden. Die Hälfte aller Leute erlebt sie einmal, was sie fast vergleichbar mit alltäglichen Beschwerden wie Rückenschmerzen macht. Es ist deshalb gar nicht so interessant, ob jemand schon einmal psychische Probleme hatte. Viel wichtiger ist, wie jemand damit umgeht. Den Leuten sollte die Scham genommen werden, darüber zu sprechen – indem folgende Haltung vertreten wird: Psychische Krisen und Probleme gehören auch zu einem an sich gesunden und reifen Leben. Nichtsdestotrotz gilt es, sich bewusst zu sein, dass eine psychische Erkrankung oft eine grosse Belastung bedeutet – für die Betroffenen und für ihr Umfeld.

Wie soll ich reagieren, wenn ein Bekannter mir seine Probleme anvertraut?
Entscheidend ist, dieser Person zur Seite zu stehen und nicht davon zu rennen. Man sollte sich aber stets bewusst sein, dass man dies als Freund tut und nicht als Therapeut. Für das Umfeld kann etwa eine Depression auch belastend sein. Deshalb gilt es, sich als enger Freund bei Bedarf abgrenzen zu können und zu sagen: Das ist ist mir jetzt zu viel. Wichtiger ist, als im Moment alles auszuhalten, dass man längerfristig die Beziehung aufrechterhalten mag. Weiter sollte man der Person empfehlen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Hier gibt es heute zum Glück ein grosses Angebot.

Wie sieht es aus mit dem Arbeitsplatz, befürchten Personen hier Konsequenzen, wenn sie ihr psychisches Leiden preisgeben?

Das ist meiner Meinung nach ein zentrales Thema. Es zeigt sich, dass viele Chefs froh wären, wenn sie über den psychischen Zustand der Angestellten Bescheid wüssten. Gleichzeitig haben sie oft grosse Hemmungen, ihre Mitarbeitenden auf Auffälligkeiten anzusprechen. Zudem würden viele Chefs Personen mit psychischen Leiden eher nicht einstellen, wenn sie darüber informiert wären. Das heisst, Betroffene fürchten sich nicht ganz zu Unrecht vor Konsequenzen. Das ist ein Dilemma, das ein grundlegendes Umdenken in der Betriebskultur der Unternehmen bedingen würde.

* Niklas Baer ist Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation an der Psychiatrie Baselland