Jungpolitikerin

10. Dezember 2018 09:16; Akt: 10.12.2018 11:49 Print

«Radikal ist nur die Kluft zwischen Arm und Reich»

von J. Käser - Neo-Nationalrätin Samira Marti ist mit ihren 24 Jahren das jüngste Mitglied der grossen Kammer: weshalb sie alles andere als ruhig ist und was ihre grössten Sorgen sind.

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Samira Marti spricht schnell und entschlossen. Sie gestikuliert immer wieder aufgebracht und trinkt ihren Kaffee in schnellen Schlucken: «Nur weil ich keine Provokationsfigur bin, heisst das nicht, dass ich besonders ruhig bin. In der Sache bin ich hart, meine Aussagen pointiert. Ich will schliesslich etwas verändern, das war schon immer mein Antrieb. Deshalb bin ich in der Politik. Ich möchte den Menschen wieder vor den Profit stellen», sagt die SP-Politikerin. Marti übernimmt im Nationalrat den Sitz der zurücktretenden Susanne Leutenegger Oberholzer – und wird damit zum jüngsten Ratsmitglied.

Die 24-Jährige wohnt allein in einer Wohnung in Liestal. Marti pendelt regelmässig nach Zürich, wo sie ihren Master in Volkswirtschaft absolviert. Ob ihr Studium denn nicht im Widerspruch zu ihrer früheren Mitgliedschaft in der Parteileitung der kapitalismuskritischen Juso stehe? «Nein, überhaupt nicht», antwortet Marti entschlossen, «wenn man die Machtstrukturen eines bestimmten Systems von innen her durchschaut und wirklich versteht, kann man politisch am effektivsten wirken.» Das Studium sehe sie als Mittel zum Zweck, sagt Marti.

«Antikapitalismus hat nichts mit Radikalität zu tun»

Und wie steht die Baselbieterin zum Kapitalismus? «Jeder, der ernsthaft die Zukunft gestalten will, muss über Alternativen zum Kapitalismus nachdenken. Das hat nichts mit Radikalität zu tun. Radikal sind nur die heutigen Verhältnisse und die riesige Kluft zwischen Reich und Arm, in der wir leben», sagt Marti. In ihrem Studium beschäftige sie sich vor allem mit ökonomischen Modellen, zum kritischen Denken würden Studierende kaum angeregt. «Das ist absurd, in anderen wissenschaftlichen Disziplinen lernt man sehr früh, dass es die eine Wahrheit nicht gibt und man deshalb vieles hinterfragen sollte.»

Die Jungpolitikerin wirkt sehr pragmatisch und auf eine besondere Art auch zugänglich, obwohl sie auf private Fragen nur spärlich eingeht. Ganz gleich, ob sie von den Frauen-Jass-Abenden mit Freundinnen oder davon, wie wichtig die #MeToo-Bewegung für die Frauen gewesen sei – Martis Augen strahlen. Sie fürchte sich nicht davor, in die Fussstapfen von Leutenegger Oberholzer zu treten. «Mit ihrem hartnäckigen Kampf für die Frauen ist sie ein grosses Vorbild für mich. Nun werde ich meinen eigenen Weg gehen», so Marti.

Politik als Privileg

Wie viele weitere Juso- oder SP-Politiker ist die 24-Jährige eine Akademikerin. Dennoch ist Marti fest davon überzeugt, dass sie Politik für die wenig Privilegierten, die benachteiligten Gesellschaftsgruppen macht. «Politik wird zunehmend zum Privileg, es muss viel Zeit und Energie aufgewendet werden können. Im Alltag vieler Menschen hat Politik deshalb keinen Platz mehr.» Sie denke etwa an eine alleinerziehende Mutter in einem Pflegejob, die es sich schlicht nicht leisten könne, aktiv zu politisieren.

Vielleicht, so Marti, müsste die Linke lernen, ihre politischen Botschaften noch klarer zu vermitteln. «Doch bei sachpolitischen Abstimmungen stimmen Leute mit tiefen und mittleren Einkommen oft mit uns.» Dass sie selber weiss, wie sich Leute mobilisieren lassen, hat die Neo-Nationalrätin im Wahlkampf 2015 beweisen. In einer Aktion hatte sie Kondome mit dem Aufdruck: «Ich bestimme, wer reinkommt» verteilt.

Kondome verteilen um 3 Uhr morgens

«Die Aktion war echt lustig. Wir haben die Kondome auch morgens um 3 Uhr vor den Nachtzügen, die zwischen Basel und Liestal verkehren, verteilt. Das war echt ein Gaudi mit all den kaputten Partygängern», erinnert sich Marti. Ihr Ziel sei es stets gewesen, Junge zu mobilisieren. Sie glaube, dass ihr das gelungen sei. Dafür spricht auch ihr Wahlresultat. Sie sei selber überrascht gewesen, wie viele Stimmen sie schliesslich erhalten habe, sagt Marti. Und nun also sitzt sie im Nationalrat.

Ihr Ziel: die jüngere Generation repolitisieren und auf deren Sorgen eingehen. Sie nehme immer wieder wahr, dass diese zunehmend unter Zukunftsängsten leide. «Wir müssen damit beginnen, die ganz grossen politischen Fragen zu lösen. Dazu braucht es vermehrt politische Aktivität und eine Gegenbewegung zu den neu erstarkten Rechtsradikalen.» Die ganz grossen Themen, das sind laut Marti soziale Gerechtigkeit, Migration und Klimawandel.

«Wir müssen jetzt handeln»

Bei diesem Stichwort kommt die Jungpolitikerin noch einmal richtig in Fahrt. Was mit dem CO2-Gesetz im Parlament geschehen sei, sei eine «einzige Katastrophe». Beim Klimaschutz existiere ausnahmsweise ein politischer Generationenkonflikt: «Es geht um die Zukunft der jüngeren Generationen. Es kann nicht sein, dass die Ü50-Politiker in Bern das Thema Klimaschutz nicht anpacken. Wir haben keine Zeit, wir müssen jetzt handeln.»

Die Wahl von Karin Keller-Sutter (FDP) und Viola Amherd (CVP), mit denen sie sich politisch selten einig ist, begrüsst Marti. Ihre Wahl sei symbolisch wichtig. «Auf der bürgerlichen Seite habe ich oft männliche Gegenspieler, ich will mich aber auch mit Frauen streiten können.» Und sowieso: «Der Frauenkampf ist noch lange nicht vorbei.»