Antisemitismus

25. Februar 2020 04:42; Akt: 25.02.2020 04:42 Print

Juden haben Angst vor Verschwörungstheoretikern

Der neue Antisemitismusbericht zeigt: Rechtsextreme Verschwörungstheorien in den sozialen Medien sind auf dem Vormarsch.

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Der sogenannte «Grosse Austausch» (engl. «Great Replacement») ist eine der derzeit populärsten antisemitischen Verschwörungstheorien. Das schreibt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG in seinem am Dienstag veröffentlichten «Antisemitismusbericht 2019». Das schreibt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG in seinem am Dienstag veröffentlichten «Antisemitismusbericht 2019». Während Juden in der Schweiz letztes Jahr von physischen Angriffen verschont geblieben seien, seien antisemitische Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch: Über 36 Prozent, also 190 der 523 antisemitischen Vorfälle im letzten Jahr, hatten einen verschwörungstheoretischen Hintergrund. Bei den Angriffen gegen Muslime und Nichtweisse in Christchurch im März 2019 und Hanau letzte Woche beschäftigten sich die Täter ebenfalls mit der Replacement-Theorie. Dass die Theorie des «Grossen Austauschs» im rechten Milieu sehr verbreitet ist und auch von politischen Exponenten mehr oder weniger explizit geteilt wird, bestätigt auch Alma Wiecken von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Dass die Theorie des «Grossen Austauschs» im rechten Milieu sehr verbreitet ist und auch von politischen Exponenten mehr oder weniger explizit geteilt wird, bestätigt auch Alma Wiecken von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). «Die Verschwörungstheorie ist gefährlich, weil sie die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt und rechtsextremen Gewalttätern dazu dient, Angriffe auf Minderheiten als legitime Selbstverteidigung darzustellen.» «Die Verschwörungstheorie ist gefährlich, weil sie die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt und rechtsextremen Gewalttätern dazu dient, Angriffe auf Minderheiten als legitime Selbstverteidigung darzustellen.» Sibel Arslan, GP-BS, spricht waehrend der Debatte um ein Ja zum Verhuellungsverbot, waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 12. Dezember 2019, im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer) Es sei nicht im Interesse der Allgemeinheit, dass Verschwörungstheoretikern, die online Hass und Hetze verbreiten, freie Hand gelassen wird, sagt SVP-Nationalrat Christian Imark, Mitglied der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel. Von einer «Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas» durch solche Verschwörungstheorien spricht hingegen die Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan. «Das Gewaltpotential der rechtsextremen Szene in der Schweiz ist von den Behörden bisher stiefmütterlich behandelt worden.»

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Eine von Juden orchestrierte neue Weltordnung, die das Ziel hat, die weisse Bevölkerung westlicher Staaten gegen muslimische oder nichtweisse Einwanderer auszutauschen – infolgedessen komme es in absehbarer Zeit zu einem «ethnischen und kulturellen Genozid an Weissen»: Der sogenannte «Grosse Austausch» (engl. «Great Replacement») ist eine der derzeit populärsten antisemitischen Verschwörungstheorien. Das schreibt der Schweizerische Israelitische Gemeindebund SIG in seinem am Dienstag veröffentlichten «Antisemitismusbericht 2019».

Während Juden in der Schweiz letztes Jahr von physischen Angriffen verschont blieben, seien antisemitische Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch (siehe Box): Über 36 Prozent, also 190 der 523 antisemitischen Vorfälle im letzten Jahr, hatten einen verschwörungstheoretischen Hintergrund.

Ein Vorfall wird laut SIG als solcher kategorisiert, wenn er klassische antisemitische Stereotype beinhaltet («Juden sind geldgierig»), der Holocaust geleugnet oder banalisiert wird, antisemitische Israelkritik geübt wird («Die aktuelle israelische Politik ist gleich wie die Politik der Nationalsozialisten») oder antisemitische Verschwörungstheorien geäussert werden.

Viele Anhänger in der Schweiz

In der Schweiz fallen die Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden, sagt Jonathan Kreutner, SIG-Generalsekretär. Wie der Nachrichtendienst des Bundes festhalte, gebe es auch in der Schweiz ein nicht zu unterschätzendes Gewaltpotenzial in der rechtsextremen Szene. Kreutner: «Viele Mitglieder der rechtsextremen Szene in der Schweiz glauben etwa an die Theorie des ‹Grossen Austauschs› und verbreiten sie aktiv in den sozialen Medien.»

Anhänger der Replacement-Theorie waren unter anderem die rechtsextremen Attentäter von Pittsburgh im Oktober 2018 oder Halle im Oktober 2019. Bei den Angriffen gegen Muslime und Nichtweisse in Christchurch im März 2019 und Hanau letzte Woche beschäftigten sich die Täter ebenfalls mit der Replacement-Theorie.

«Auf Worte können Taten folgen»

In Deutschland bedienen sich teilweise führende AfD-Politiker solchen Verschwörungsgedanken, so etwa AfD-Bundesvorsitzende Alexander Gauland: «Angela Merkel will den Bevölkerungsaustausch unumkehrbar machen. [...] Wir sollen als Volk und als Nation allmählich absterben.»

Auch in der Schweiz bestehe die Gefahr eines möglichen Anschlags von Replacement-Anhängern, sagt Kreutner. Das sei eine sehr beunruhigende Entwicklung. «Die vergangenen Anschläge haben gezeigt, dass auf Worte Taten folgen können und Verschwörungstheorien vor Grenzen nicht haltmachen.» Die Schweiz soll daher gesetzlich festlegen, dass Hassrede, Hetze und Drohungen unmittelbar aus den sozialen Medien gelöscht werden.

Theorie treibe Spaltung der Gesellschaft voran

Dass die Theorie des «Grossen Austauschs» im rechten Milieu sehr verbreitet ist und auch von politischen Exponenten mehr oder weniger explizit geteilt wird, bestätigt auch Alma Wiecken von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). «Die Verschwörungstheorie ist gefährlich, weil sie die Spaltung der Gesellschaft vorantreibt und rechtsextremen Gewalttätern dazu dient, Angriffe auf Minderheiten als legitime Selbstverteidigung darzustellen.»

Zwar dokumentiere die EKR nicht systematisch Botschaften mit verschwörungstheoretischem Inhalt. Allerdings beobachte man mit Sorge, dass rassistische Verschwörungstheorien im Internet verbreitet werden, sagt Wiecken. «Hier muss sehr aufmerksam hingeschaut werden.»

«Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas»

Es sei nicht im Interesse der Allgemeinheit, dass Verschwörungstheoretikern, die online Hass und Hetze verbreiten, freie Hand gelassen wird, sagt SVP-Nationalrat Christian Imark, Mitglied der parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel. Der Staat müsse seiner Meinung nach aber nicht einschreiten. Imark: «Die sozialen Netzwerke haben selber ein Interesse daran, Gewalt provozierende Inhalte zu löschen.»

Von einer «Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas» durch solche Verschwörungstheorien spricht hingegen die Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan. «Das Gewaltpotential der rechtsextremen Szene in der Schweiz ist von den Behörden bisher stiefmütterlich behandelt worden.» Gegen Hetze, sei es im Netz oder auf der Strasse, müsse man aber immer und vor allem rasch vorgehen, sagt Arslan. «Nicht erst, wenn etwas passiert.»



Juden und Verschwörungstheorien

Verschwörungstheorien, die meist eine «jüdische Weltverschwörung» als Kern haben, erfreuen sich laut dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) immer noch einer grossen Beliebtheit. Eine Theorie besagt etwa, dass sich «die Juden» gegen die restliche Menschheit verschworen hätten und die Weltherrschaft anstrebten oder besässen.

Unter dem Schlagwort «New World Order» würden die «globalen Eliten» die Masse regieren. Zudem sei das jüdische Bankhaus Rothschild für zahlreiche Kriege verantwortlich, die Terrormiliz IS sei von Israel gegründet worden und der ungarisch-amerikanische Milliardär George Soros orchestrierte die Flüchtlingskrise in Europa ab 2015 und wirke deshalb beim «Grossen Austausch» mit.

Die Verschwörungstheorien würden «in den unterschiedlichsten Varianten und oft mit Links zu ‹endlich der Wahrheit sagenden› Blogs und Youtube-Filmen präsentiert», schreibt der SIG. Vor allem die rechtsextreme Szene in der Schweiz zeige sich in diesem Bereich sehr aktiv.

(dk)