Elgg ZH

19. März 2019 05:44; Akt: 19.03.2019 05:44 Print

«Rechtsextreme Chats gibt es an jeder Schule»

Sind Judenwitze oder Hitlergrüsse unter Schülern salonfähig geworden? Die rechtsextreme Gesinnung sei auf dem Vormarsch, warnt ein Forscher.

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Witze über Juden, Konzentrationslager und Hitlergrüsse: In einem Whatsapp-Chat mit dem Namen «FC NSDAP» schlossen sich Jugendliche aus Elgg ZH zusammen und verbreiteten neben rechtsextremen Inhalten Tier- und Kinderpornografie sowie Videos von Köpfungen. Nun ermittelt die Kantonspolizei Zürich gegen mehrere Beschuldigte.

Die geschmacklose Chat-Gruppe ist keine Ausnahme. «Wir hatten in unserer Sekundarschule eine praktisch identische Gruppe», sagt Leser S. B.* (19). «Solche Gruppen findet man an jeder Schule. Es ist normal, sich solche Videos anzuschauen und sich darüber lustig zu machen.» Keiner der Schüler sei ein Neonazi gewesen.

Zum Spass ein Hitlergruss

Auch der 17-jährige E. V.* sagt: «Ich und meine Freunde unterhalten mehrere solche Gruppen. Das ist völlig normal.» Zum Spass werde auch mal ein Hitlergruss gemacht. Es würden auch Witze über Flüchtlinge, Schwule oder Schiessereien an Schulen geteilt. Rechtsextrem sei das nicht, sondern schwarzer Humor. «Politisch stehe ich eher links», so V.

«Solche Nazi-Chats gibt es wohl an vielen Schulen», sagt Dirk Baier, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zu Extremismus forscht. Männliche Jugendliche seien häufig empfänglich für Nationalismus oder Islamfeindlichkeit. Zwar handle es sich nicht um Rechtsextreme im klassischen Sinn. Ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben laut einer Studie, an der Baier mitgewirkt hat und die letztes Jahr veröffentlicht wurde, etwa 6 Prozent der Schweizer Jugendlichen (siehe Box).

Rechtsextreme Gesinnung auf dem Vormarsch

Dennoch stellt Baier fest: «Wir müssen uns wieder stärker mit dem Rechtsextremismus unter Jugendlichen befassen. Die rechtsextreme Gesinnung ist auf dem Vormarsch.» Anschläge wie in Neuseeland führten vor Augen, dass es einen militanten Rechtsextremismus gebe. Auch in der Schweiz treten Anhänger der Ideologie auf die öffentliche Bühne – etwa Anfang Monat, als mutmasslich Rechtsextreme in Kleidung des Ku-Klux-Klans an der Schwyzer Fasnacht marschierten.

«Das politische Klima spielt eine Rolle», so Baier, «wenn Jugendliche sehen, was sich US-Präsident Donald Trump kommunikativ leistet, wie er Menschen diskriminieren und Grenzen verschieben kann, hat das einen Einfluss auf sie.» Auch europäische rechte Parteien wie die AfD, der Front National oder die 5-Sterne-Bewegung prägten das gesellschaftliche Klima, aber einzelne Politiker seien nicht so prägend wie Trump als «sehr präsentes Vorbild».

«Über die Verbrechen aufklären»

Auch der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) beobachtet, dass es im Internet immer mehr Antisemitismus gibt. Er sieht das Problem auch in den sozialen Medien: «Es ist besorgniserregend, dass sich die Grenzen des Sagbaren im Umgang mit schwächeren gesellschaftlichen Gruppen und Minderheiten in den letzten Jahren verschoben haben», sagt SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner.

Wenn Kinder und Jugendliche nationalsozialistische Symbole und Gesten als Witz benutzten, müsse das eine Reaktion auslösen. «Sie müssen über die Verbrechen und die Tragik hinter den Symbolen und Gesten aufgeklärt werden.» Häufig würden jüngere Menschen entsprechende Aussagen und Sprüche wiedergeben, ohne den historischen Kontext zu kennen oder zu verstehen. Repression sei eine Möglichkeit, eine andere sei Aufklärung, Information und Dialog. Ein Weg sei das Projekt Likrat des SIG: Jüdische Jugendliche besuchen Schulen und stehen den gleichaltrigen Schülern Rede und Antwort zu allen möglichen Fragen.

129 Vorfälle im Jahr

Forscher Dirk Baier appelliert an die Politik: «Der Rechtsextremismus poppt an einzelnen Stellen wieder auf. Politiker müssen sich jetzt klar positionieren.» Wir müssten wieder stärker Vorurteile abbauen und Kontakte pflegen.

Rechtsextremismus ist kein Phänomen, von dem Jugendliche besonders betroffen wären. Der Rassendiskriminierung wurden im Jahr 2017 129 Personen beschuldigt, wie die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt. Davon gehören 20 zur Gruppe der 15- bis 24-Jährigen, aber doppelt so viele zur Gruppe der 50- bis 59-Jährigen.

(ehs)